«Sollen sie mich doch Weichei nennen...»

Es ist eine der erfreulichsten Wiedervereinigungen des Berner Jazz. Die Pilze sind zurück.

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«Die Pilze sind zurück aus dem Erdreich, wie die Zwerge. Jeder einen Docht an der Zipfelmütze. Obacht, wenn sie hochgehen.» So steht es im Beipackzettel zum neuen Album. Was klingt wie eine Warnung, ist eigentlich eine wunderbare Nachricht für die helvetische Jazzwelt. Diese Band hat gefehlt.

2008 ist ihr Debüt erschienen, und explodiert ist auf diesem so einiges. Es gab wunderliche elektronische Spannungsfelder, musikalische Wohlfühlmassagen, zwischendurch auch Gewaltausbrüche. Die Spur, die mit diesem Werk gelegt wurde, schien in jazzmusikalischen Ruhm und Segen zu führen.

Von der Frauenzeitschrift «Brigitte» wurde den Pilzen jedenfalls schon mal der Titel der «bestbekleideten Jazzband der Schweiz» verliehen. Ein Achtungserfolg. Aber darauf ausruhen mochte sich das Sextett dann doch nicht. Es folgten diverse Konzerte im In- und Ausland, doch allmählich verstreuten sich die Sporen der Pilze in alle Windrichtungen.

Drama beim Proben

Der Königspilz und Gründer der Band, der Berner Saxofonist Benedikt Reising, bereiste die Welt mit der Dada-Jazz-Formation Hildegard Lernt Fliegen und wilderte mit der Street-Jazz-Gruppe Le Rex durch die Landschaft, daneben gründete er auch noch die Berner Jazzwerkstatt.

Der Trompeter Martin Eberle zog nach Wien, den Tastenmann Benjamin Külling verschlug es in die Türken-Welt (unter anderem als Keyboarder von Müslüm), und der Saxofonist Xavier Nussbaum nahm ein Engagement als Basketballtrainer in Nairobi an. Kurz: Die Sache wurde ein bisschen kompliziert.

Zehn Jahre später haben die meisten Bandmitglieder wieder in die Schweiz zurückgefunden. Ein neuer Trompeter wurde in der Person von Yannick Barman gefunden, dem Walliser, der derzeit mit der Einstürzende-Neubauten-Kühlerfigur Blixa Bargeld auf Tournee ist.

Die erste gemeinsame Probe nach über fünf Jahren soll ziemlich spektakulär verlaufen sein – um nicht zu sagen dramatisch: Der Saxofonist Xavier Nussbaum brach mitten in einem Solo zusammen und wurde in die Notaufnahme gebracht. Am nächsten Abend meldete er sich umgehend zu den Proben zurück. Der Pilz hatte seine Nierensteine abgeschüttelt.

Gesitteter als der Vorgänger

Ja, wir haben es hier mit Draufgängern zu tun. Keiner der Pilze gibt sich mit einem konventionellen Jazzmusikerdasein zufrieden. Und doch klingt das neue Album «Return of the Shrooms» gesitteter als der Vorgänger. Die Bläserarrangements sind mondäner, die Grundstimmung ist ernster, schwerblütiger sogar, und die Ausbrüche sind kontrollierter, die Kompositionen komplexer.

Das Bandoberhaupt Benedikt Reising bestätigt diesen Eindruck: «Bis auf das Wort ‹gesittet› bin ich damit einverstanden», sagt er. «Wir sind vom Wesen her tief melancholisch, wir haben viel Schweres erlebt», sagt er, und es ist wie fast immer mit ihm: Was immer er auch sagt, es könnte sehr ironisch, aber ohne weiteres auch todernst gemeint sein.

Der Mann taugt zum hervorragenden Unterhalter, er kann einen aber auch problemlos einen Abend lang aus dem Halbdunkel heraus schweigend beobachten. Von einem seiner Weggefährten wird er als «auf sehr sympathische und elegante Art geheimnisvoll» umschrieben.

Für den musikalischen Wandel seiner Band hat er dann aber doch noch eine plausible Erklärung: «Für das erste Album entstand vieles aus dem Zusammenspiel heraus, aus dem gemeinsamen Experimentieren. Das neue Material wurde mehrheitlich von mir im Vorfeld geschrieben und der Band vorgelegt. Der gemeinsame Arbeitsprozess setzte erst danach ein. So gesehen haben wir tatsächlich fast wie eine gesittete Jazzband gearbeitet.»

Nicht nur crazy

Auch wenn man die Verspieltheit früherer Tage aufs erste Hinhören vermisst, der Urban-Jazz der Pilze ist immer noch genug extraordinär, um jeden Hörer aus der Reserve zu locken. Da gibts sagenhafte Bläsersätze zu bestaunen, sehr unkonventionelle Aufteilungen von Soli und Themen, improvisatorische Zuspitzungen, und es ist sogar Raum für poetische Sanftheit.

Könnte das damit zusammenhängen, dass Benedikt Reising seine Wildheiten in der Band Hildegard Lernt Fliegen gebührend ausleben konnte? «Ich habe bei Hildegard vor allem gelernt, wie wichtig das genaue Arbeiten ist», erklärt Benedikt Reising.

«Und es ist mir bewusst geworden, dass nicht immer alles total crazy sein muss, dass es ganz okay ist, zuweilen auch mal der schieren Schönheit Raum zu lassen.» Sagts, und fügt in ernstem Ton hinzu: «Sollen sie mich doch Weichei nennen . . .»

Turnhalle Progr Sonntag, 22. Mai, 20.30 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 19.05.2016, 08:19 Uhr

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