Kultur
Schlechte Laune in Ouagadougou
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 05.05.2012 1 Kommentar
Artikel zum Thema
- Der verschüchterte Brönnimann
- Der Peitschenmann
- Lisette Superstar
- Rasta gibt den Ton an
- Vor dem Ernstfall
- Leichter Schwindel
- Anti-Brumm-Härtetest
Teilen und kommentieren
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Tag 9. Ouagadougou. Temperatur: 38 Grad. Stimmung: Miserabel.
Die Stimmung ist schlecht, nach dem Auftritt am Festival Jazz à Ouga. Im Hinterbühnenbereich wird geschimpft und gezankt. Man habe zu viele Fehler gemacht, meint Oggier Adrien, man habe gespielt wie die Anfänger. Andere sind der Meinung, man habe zwar einige Fehler begangen, aber das sei noch lange kein Grund, auf der Bühne die gute Laune zu verlieren, was einigen passiert sei. Ausserdem glaubt man ausgemacht zu haben, dass die Stimmung im Publikum schlecht gewesen sein soll, «die sind ja dagesessen wie im Marians Jazzroom», behauptet Häberlin Bernhard.
Es sind typische Diskussionen nach einem Konzert, in das man die grössten Erwartungen hineinprojiziert hat, für das man keinen Aufwand gescheut und – wie im Falle von Tour-Organisator Oggier Adrien – ein halbes Jahr hingearbeitet hat. Und es sind typische Diskussionen unter Schweizer Musik-Perfektionisten. Das Konzert war in Wirklichkeit ein Triumph mit kleinen Abstrichen. Die Faranas hatten das Pech, dass sie an den «Weissen Abend» des Festivals gebucht wurden. Die Vorband war ein esoterisch-akademisches Xylofon-Bass-Schlagzeug-Trio aus Brasilien, das erst etwas in die Gänge kam, als Jan Galega Brönnimann zum Jam zugezogen wurde. Jedenfalls waren die Brasilianer kein Publikumsmagnet, und so klafften doch einige Lücken im Auditorium des Institut Français von Ouagadougou, einer schicken Freiluft-Location mit angegliederter Bibliothek, Restaurant und Ausstellungsräumen.
Jubelstürme
Dabei hätten die Faranas weiss Gott allen Grund zum Feiern. Die Anwesenden Show-Lustigen waren von der Berner Afrobeat-Band hell begeistert. Keiner verlies den Platz – was beim Lokalmatadoren Victor Démé am Vorabend noch durchaus der Fall war, Baba, der Gast aus Mali zeigte endlich wieder einmal seine Kunststücke an der Stromgitarre (dieses Mal malträtierte er sein Arbeitsgerät mit Zunge und Zähnen) und Bohnenblust Daniel solierte wie ein Herrgott und riss das Publikum zu Jubelstürmen hin. Am Schluss standen die Leute von den Sitzen auf und tanzten ausgelassen, die Tontechniker sprachen vom mit Abstand besten Konzert des Festivals und der Sound war phantastisch. Allein, die Faranas kriegten das offenbar nicht mit.
Die Berner sind in der Meinung nach Afrika gereist, dass dort jederzeit eine Party ausbreche, wenn irgendwo einer eine Trommel schlägt. Dass die Afrikaner womöglich gar keine Natural-Born-Dancers sind und sich auch erst auf die Tanzfläche wagen, nachdem sie zuvor ein-zwei Bierchen gebechert haben, daran hatte man unter den Bernern nicht gedacht. Die Burkiner seien sogar ausgesprochen scheue Menschen, die nicht gerne aus der Haut fahren, musste ein Veranstalter den Faranas nach einem Konzert erklären.
Kommt hinzu, dass der Afrobeat in Burkina Faso bei Weitem nicht denselben Hipness-Faktor aufweist wie in Europa. Auf seinem Heimatkontinent ist der Afrobeat die Musik der 50- bis 60-Jährigen, die Jungen hören hier, wie fast überall auf der Welt, Jay-Z und Jean Paul, Reggae und Hip-Hop, Auto-Tune-Stimmchen und R’n’B- Gesässkreise-Musik.
Sie waren Helden, aber sie haben es nicht gemerkt
Doch auch an der anschliessenden Jam-Session auf dem Place de la nation will unter den Bernern keine richtig gute Stimmung aufkommen. Zuerst wird Bassist Aeberhard Andreas in eine zähe Session mit einer burkinischen Gesangsgruppe verstrickt, und ausgerechnet als die Faranas die Bühne geentert haben und sich mit den erstaunlichen Twinsisters aus Doga in einem hübschen Ständchen austauschen, ergreift ein betrunkener burkinischer Sänger das Mikrofon und grölt allen aufkommenden Zauber in Grund und Boden.
Sie waren die Helden des Abends, aber sie haben es nicht gemerkt: So geht die Mission der Berner Band hier in Afrika zu Ende. Einer, der wirklich Anlass hätte, mit der Gesamtsituation unzufrieden zu sein, ist etwas früher schlafen gegangen. Der malische Gast-Gitarrist Baba Salah Cissé, der seine Heimat für die Faranas-Tournee verlassen hat, kann vermutlich nicht mehr nach Mali zurückkehren. Die Grenzen und die Flughäfen seien nach den Schiessereien in der letzten Woche geschlossen worden, hört man überall, die Situation in seiner Heimatstadt Bamako sei prekär.
Heute Morgen hat Baba dennoch den Bus bestiegen. Gut möglich, dass er unterwegs umkehren muss. Zuvor hat er Oggier Adrien auf dem Markt noch ein Paar Schuhe gekauft. Ein Geschenk. Etwas, was mit Sicherheit länger halten wird als der Kummer über ein paar verpatzte Bläsersätze.
Mit dieser Kolumne endet der Afroboogie. Eine Reportage findet sich demnächst in der Print-Ausgabe des «Bund». (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 05.05.2012, 01:31 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:

Bitte warten









Die Welt in Bildern














