Pop der sonderbaren Kreaturen

Eine bernisch-südafrikanische Band macht Musik, die der Welt den Kopf verdrehen wird. A.Spell taufen ihren zauberhaften Erstling.

A.Spell bringen jeden Musikkompass ins Rotieren.

A.Spell bringen jeden Musikkompass ins Rotieren. Bild: zvg

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Und ganz am Ende, wenn dieses Album nach über 50 ereignisreichen Minuten verstummt, dann macht sich erst einmal eine kleine Orientierungslosigkeit breit. Wo hat das Ganze begonnen? Wo sind wir gelandet? Und wo ging sie durch, diese Reise? Da waren Tablas zu hören, doch mit Indien hatten die nichts am Hut. Und das Didgeridoo? War das nun Hippie-Klimbim oder ernste australische Folklore?

Das Akkordeon dahingegen klang ein bisschen nach Frankreich, die Elektronik, die könnte von überall herkommen, wo Strom fliesst. Und die Frauenstimme? In gewissen Passagen klingt sie nach Island, nach einer dieser im Grunde kleinen, scheuen Holzhüttenstimmen, die aber in einem draufgängerischen musikalischen Umfeld ungeahntes Selbstvertrauen und Volumen entfalten.

Pop für Abenteuerlustige

In Wirklichkeit sind wir in Bern – und ein bisschen auch in Südafrika. Die Gruppe, die jeden musikalischen Kompass ins Rotieren bringt, heisst A.Spell, und das Debütalbum hört auf den sinnigen Namen «Where the Strange Creatures Live» (Everest Records). Eine der eigenartigen Kreaturen, die dieses abenteuerlustige Pop-Album erschaffen haben, ist Jan Galega Brönnimann, Kopf und Kontrabassklarinettist der Berner Future-Jazz-Formation Brink Man Ship.

§Wieder ein Jazzmusiker, der sich der Pop-Musik zuwendet, ist man versucht zu sagen. Doch im Gegensatz zu vielen ähnlich gelagerten Versuchen ist diese Annäherung nicht auf halbem Weg stecken geblieben; jazzmusikalische Verkopftheit ist kaum auszumachen, andererseits ist auch spürbar, dass A.Spell nicht gerade mit der Brechstange einen Sommerhit zu produzieren trachteten. Orientierungshilfe kann auch Jan Brönnimann nicht bieten. «Aus Sicht eines Jazzers mag es Pop sein, aus Sicht eines Popmusik-Konsumenten wohl eher etwas Exotisches», sagt er zum Erstling von A.Spell, «und ich würde mich auch nicht beklagen, wenn man diese Musik im weiten Feld der Worldmusic 2.0 verorten würde, in einem Umfeld also, in dem die Frage nach der Herkunft obsolet geworden ist.»

Hits mit Störfeuer

Nennen wir es Sabotage-Pop, was die Dreierschaft hier bewerkstelligt. Sobald die Sache zu fassbar wird, werden Störfeuer gezündet, und wenn die Dinge zu abstrakt zu werden drohen, gibts schnell eine bestrickende Melodie fürs Belohnungszentrum. Und der eingängigste Schlager des Trios wird trotzig von einem Tabla-Elektrobeat-Solo aufgehübscht.

Für die Gesangsmelodien zeichnet die Sängerin Nadja Stoller verantwortlich, auch sie ist der Jazzschule entsprungen und seither auf der Suche nach einem Ausdruck zwischen Kunst und Konsens. Der Dritte im Bunde ist der Perkussionist Ronan Skillen, den Brönnimann während eines längeren Aufenthalts in Südafrika kennen gelernt hat. Er verdingt sich nebenbei bei südafrikanischen Superstars wie Johnny Clegg oder der Gruppe Freshlyground. Zusammen hat man sich bereits auf eine ausgedehnte Afrika-Tournee begeben, und auch die anstehende Europa-Tournee ist für eine Band in diesem Stadium erstaunlich dicht gebucht.

Die Versuchsanordnung mit drei so unterschiedlichen Charakteren funktioniert deshalb so prächtig, weil jeder gleichberechtigt eine stilbildende Facette in die Musik einbringt. Von Brönnimann gibts knurrige Basslinien aus Bassklarinette und Computer und die gewohnten Laptop-Knatter-Beats. Nadja Stoller spinnt darüber weitschweifige Gesangs- oder Akkordeon-Melodien, und Ronan Skillen klopft den elektronischen Rhythmen Leben ein. In der Summe ergibt das ein vollkommen autarkes Klangbild, am ehesten noch im geistigen Kosmos einer Björk anzusiedeln – in einer Welt also, in der sämtliche Regeln der Popmusik lustvoll gebrochen werden und doch eine Musik herausschaut, die der Welt den Kopf verdrehen wird. (Der Bund)

Erstellt: 11.04.2013, 10:56 Uhr

Konzert

Turnhalle Progr Mi, 17. 4., 20.30 Uhr.

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