Phrasendrescher und ein Wunder
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 14.06.2011 4 Kommentare
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Interview mit Greenfield-Veranstalter Thomas Dürr und Programmverantwortlicher Stephan Thanscheidt
Vor einem Jahr kündigten Sie an, Ihr Festival stilistisch zu öffnen. Nun ist das 7. Greenfield ein reines Rockfestival geblieben. Was ist geschehen?
Thomas Dürr: Wir gerieten damals in Konkurrenz mit dem Sonisphere Festival. Das Duell hat sich zu unseren Gunsten entschieden. Und wir führten eine Publikumsbefragung durch. Die Antwort war klar: Unser Publikum will junge, frische Rockmusik. Deshalb wollen wir keine grösseren Experimente wagen.
Die Selbstfindungsphase ist also nach sieben Jahren endlich abgeschlossen?
Dürr: Das darf man nie sagen. Wir müssen uns immer weiterentwickeln. Wenns zu bequem ist, wird es fürs Publikum und für uns langweilig.
Der Veranstalter des Paléo Festivals hat mal gesagt, dass es die Bankrotterklärung eines Festivals ist, wenn es sein Publikum nach den Musikwünschen befragt.
Dürr: Ich finde es anmassend, dies nicht zu tun. Wir verordnen nicht von oben herab. Sie haben behauptet, wir würden immer die gleichen Bands bringen. Tatsache ist, dass diese Bands gewünscht werden und dass die Bands auch immer gerne bei uns spielen.
Das ist ja gerade das Problem der Befragungen. Es wird gewünscht, was man kennt. Ein selbstbewusstes Festival setzt dem Publikum die Bands vor, die es gerne kennen lernen möchte, aber noch nicht draufgekommen ist. Sie argumentieren wie ein Lokalradio-Musikredaktor.
Dürr: Das ist ein gutes Beispiel. In den Radios werden die Hits ja auch nicht nur einmal gespielt. Wenn wir uns als Spartenfestival etablieren wollen, müssen wir die Wünsche unseres Publikums ernst nehmen.
Wenn ein Fünftel der Bands aus dem Jahr 2009 zwei Jahre später wieder im Programm steht, macht es schon den Anschein, dass beim Greenfield Festival im Copy/Paste-Verfahren programmiert wird.
Stephan Thanscheidt: Dass Bands im Zwei- oder Dreijahresturnus bei uns wieder auftauchen, ist sicher nicht Zufall. Es sind ganz einfach Bands, die an Festivals überdurchschnittlich gut funktionieren.
Abseits der Headliner hat ein Greenfield Festival doch die absolute Narrenfreiheit?
Thanscheidt: Wir brauchen, um auf 25 000 Zuschauer zu kommen, ein sehr starkes Mittelfeld. Ab 15 Uhr spielen bei uns Bands, die einen Club mit 1000 Leuten füllen. Die Kunst ist es, musikalisch im Rockbereich ein möglichst grosses Spektrum abzudecken und doch so zu programmieren, dass der Grossteil der Fans während eines etwas spezielleren Konzerts nicht vor den Kopf gestossen wird.
Kann man diesem Publikum tatsächlich nicht mehr zumuten?
Thanscheidt: Wenn wir die Wahl zwischen einer Band haben, die zwar eine prima Idee hat, aber nur 300 Leute anzieht, und einer, die im Winter das Zürcher Volkshaus füllt, entscheiden wir uns für letztere, auch wenn sie schon vor zwei Jahren hier war.
Ein viel diskutiertes Thema am Greenfield ist die Lautstärke. Macht es Sinn, ein Rockfestival bei Wohnzimmerlautstärke abzuhalten?
Dürr: Die Lautstärke ist amtlich festgelegt. Da kommen Beamte, machen Messungen, und die Anlage wird aufgrund dieser Messungen eingepegelt. Daran müssen wir uns halten. Ich hatte einen sehr guten Eindruck vom Sound.
Thanscheidt: Die Schweizer Kollegen sagen mir, dass die Leute hier nichts anderes kennen und sich deshalb nicht daran stören. Mir ist es vor der Bühne zu leise. Der Druck und das physische Erlebnis fehlen. Die Energie, die eine Band rüberbringt, leidet an den Schweizer Lautstärkebegrenzungen. Kommt hinzu, dass viele ausländische Mischer mit den hier herrschenden Umständen nicht zurechtkommen. Zwei bis vier Dezibel mehr würden niemandem wehtun, aber der Sache dienen.
Jetzt könnte es doch tatsächlich ein bisschen romantisch werden. Der Sänger der Gruppe Converge, der zuvor auf dünnen, ganzheitlich tätowierten Beinen wie ein tobsüchtiger Springbock über die Bühne gewütet ist, kündigt das nächste Lied an: «Dieser Song handelt vom Höchsten, was wir im Leben haben. Er handelt von der Liebe.»
Das Röcheln, Brüllen und Rufen, das darauf folgt, ist als Liebespoesie nicht wirklich zu identifizieren. Es ist das Röcheln eines Mannes, dem 21 Jahre Hardcore das Gesangsorgan vollends ramponiert haben – sein Schreien ist nur noch ein heiserer Brodem und das Konzert auf der entlegenen Club Stage um ein Vielfaches zu leise, um einer der aggressivsten und fuchtigsten Hardcorebands der Welt gerecht zu werden.
Die Moderne? Wartet draussen
Wir sind am Greenfield-Open-Air in Interlaken, wo drei Tage lang von 47 Bands dargelegt wird, was mit Gitarre, Bass und Schlagzeug so alles anzustellen ist. Neue Erkenntnisse werden dabei freilich nicht produziert. Das Festival auf dem Militärflughafen ist primär das Terrain der erprobten Zielgruppenbefriediger, die Moderne hält nur selten Einzug in Interlaken-Ost. Das will nicht heissen, dass sich dem Gitarrenfreund am Greenfield nicht ein weites musikalisches Feld auftut: Das Spektrum reicht von den oben erwähnten bruitistischen Extremisten bis zur ordinären Popmusik mit Stromgitarrenbegleitung (Lacuna Coil), vom unerklärlichen deutschen Pop-Rock-Phänomen (Broilers) bis zu rechtschaffenem Hardcore (Sick of it All), vom bekneipten Polka-Punk (The Dreadnoughts) zum künstlerisch anspruchsvollen Schwerblüter-Indie-Pop (Dredg).
Bands mit autarken musikalischen Ansätzen sind dabei hoffnungslos in der Minderheit, doch genau sie sorgen letztlich für kollektives Aufhorchen. Etwa die Cello-Metaller von Apocalyptica, die zwar beileibe nicht neu im Geschäft sind, aber schon weit ungünstigere Zeiten durchlebt haben. Solange die Finnen ihren gefühlsduseligen Gastsänger im Hinterbühnenbereich belassen, erfüllen sie den Freitagvorabend mit kantiger Zaubermusik, so angenehm meilenweit weg von all den bisherigen Classic-meets-Rock-Desastern.
Die Zukunft? Gibt es seit 1985
Ebenfalls mehr im Sinn als das blosse Phrasendreschen hat die Gruppe Sublime with Rome, doch ihr mit Rock unterfütterter Ska-Pop wird zu lustlos dargebracht, um damit den Hintersten und Letzten hinter dem Bacardi-Zelt hervorzulocken.
Und auf einmal gibt es auf dem Festivalplatz fassungslose Gesichter. «Was war das denn?», fragt ein junger bleicher Metal-Fan nach dem Konzert der Genfer Band The Young Gods in die Runde, «etwas dermassen Grandioses habe ich noch nie gehört». Dass die Band bereits seit 1985 besteht und schon vor 20 Jahren von englischen Musikzeitschriften als die Zukunft der Rockmusik gehandelt worden ist, ist dem jungen Mann mitunter deshalb entgangen, weil er vor 20 Jahren noch gar nicht existierte.
Und dass die Young Gods noch heute nach Zukunft klingen, dass die Genfer mit ihrem ausgeklügelten Sounddesign weit mehr Energie erzeugen als die härtesten Hardcore-Köpfe – kurz: dass die Young Gods die beste Band der Welt sind – wird nirgends so deutlich wie an diesem dreitägigen monothematischen Musikfest.
Wer will nach einem solchen Konzert noch den Altherren von Social Distortion beim Wiederkäuen ihrer gemütlichen Punk-Schlager zusehen? Wer denkt noch zurück an Disturbed, dem Verlegenheits-Headliner am Freitag? Eine Band, deren auffälligste Errungenschaft eine aufwendige, wenn auch höchst geschmacksunsichere Multimedia-Licht-Show ist, und die Idee, einen harmoniesüchtigen Sänger mit heruntergestimmten Gitarren zu konfrontieren.
Das Subversive? Altbackener Pop
Allzu gerne wird das Greenfield Festival als Stätte des Nonkonformen und des Grenzwertigen gesehen. Ein Anspruch, der während Auftritten von Bands wie Apocalyptica, den Young Gods oder System of a Down (siehe «Bund» vom Samstag) auch durchaus eingelöst wird. Doch das Hauptprogramm der Greenfield-Austragung 2011 gibt vor allem der These Auftrieb, dass sich in den letzten 20 Jahren in der Forschungsabteilung der Rockmusik erschreckend wenig getan hat. Oder dass das, was sich getan hat, die juvenilen Gitarren-Sympathisanten in Interlaken schlicht nicht interessiert.
Und so entpuppt sich so manch Subversiv-gemeintes bei Lichte betrachtet bestenfalls als böse geschminkter Pop mit umgehängter Stromgitarre. Fantasielos, erstaunlich altbacken und ziemlich berechnend.
(Der Bund)
Erstellt: 14.06.2011, 07:34 Uhr
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4 Kommentare
Ihr Fazit stimmt bis zu einem gewissen Punkt. Auch im Rock-/Metalbereich gibt es einen Mainstream, der langweilig und nicht viel mehr ist als "böse geschminkter Pop". Seien Sie sich aber versichert, dass es gerade im Underground unzählige Bands gibt, die an Originalität und Innovationsfähigkeit schwer zu toppen sind (auch am GF von einzelnen gezeigt: The Ocean, Long Distance C., After The Burial) Antworten
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