Panflöten, Bauern-DJs und Altherrenmusik
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 31.12.2011 2 Kommentare
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Wieder einmal wurde alles aufgeboten, was die Welt an Showlustigem anzubieten hat. Ukrainische Feuerakrobatinnen, Schweizer Piano-Wunderbübchen, Opernsänger mit schiefen Zähnen – das volle Programm eben. Deutschland suchte in einem aufwendigen und zeitraubenden Auswahlverfahren wieder einmal das unbedingte Super-Showtalent, Schweiss und Tränen flossen in Strömen, jede Menge psychischer Kollateralschäden waren zu verzeichnen – und was ist das Resultat der ganzen Prozedur? Am Ende wählte Deutschland einen mit allerlei Kitsch-Firlefanz hantierenden Panflötenspieler aus Ecuador zum Supertalent.
Man kann das nun als vorweihnächtliche Gefühlsduselei abtun, aber vielleicht ist es auch die Entsprechung einer Beobachtung, die der Manager der brasilianischen Sängerin CéU, der Lausanner André Bourgeois, unlängst formuliert hat: Er mache sich weniger Sorgen über das auch im Jahre 2011 munter weiterserbelnde Geschäft mit der Musik, liess er verlauten: «Am meisten Kummer macht mir die Beobachtung, dass die Leute da draussen aufhören, sich vertieft für das Medium Musik zu interessieren. Es fehlen zunehmend die Vermittler und Ratgeber: der kompetente CD-Fachhändler, der leidenschaftliche Journalist und die Labels oder Radiostationen, die keinen Sachzwängen unterworfen sind. Nur sie könnten dieses Interesse wieder wecken.»
Föhnfrisur vs. Ausziehpuppen
Wer das Interesse an der Musik wohl ebenfalls wecken könnte, sind die Musiker selbst. Doch das Meisterwerk, das die Welt noch nach Jahrzehnten in Atem halten wird, das wurde 2011 nicht produziert. Wäre das Musikjahr 2011 ein Song, es würde niemand einen Remix davon in Auftrag geben. Und ob das vom internationalen Journalisten-Kanon offenbar einhellig zum erfreulichsten Album des Jahres 2011 erkorene Werk «Let England Shake» von PJ Harvey wirklich das Zeug dazu hat, flächendeckend die Freude am Medium zu reanimieren, muss bezweifelt werden.
Das Album, das vom gemeinen Endverbraucher als das begehrenswerteste erachtet wurde, ist eindeutig Adeles Werk «21». Der stilistisch und geschmacklich etwas wankelmütige Silberling der prächtig geföhnten Engländerin verkaufte sich – ganz ohne mediales Brimborium – besser als alles, was die auch 2011 omnipresenten Ausziehpuppen Rihanna und Lady Gaga an biederem und überzüchteten Tralala-Pop auf den Markt geworfen haben.
Apropos überzüchteter Tralala-Pop: Wenn im auslaufenden Jahr ein Maxi-Trend auszumachen war, dann der, dass die Finten der Trance-Musik ungeniert in die Studio-Zauberkästen der globalen Hit-Produzentenzunft Einzug gehalten haben. Rhianna klingt auf ihrem neuen Album streckenweise wie aus dem DJ-Set von Frau Tatana gepellt. Und Rihanna ist beileibe nicht die einzige: Jennifer Lopez hat es ebenfalls gefallen, ihre Lieder mit unschön programmierten Digitalsynthesizern zu verwüsten, und Snoop Dogg hat sich kraft seiner Kooperation mit dem völlig aus dem Ruder laufenden David Guetta endgültig zum Kasper gemacht. Ihre Lied-gewordene Zusammenarbeit «Sweat» ist vermutlich der desolateste Song, der 2011 veröffentlicht wurde. Die Liste wäre endlos ergänzbar. Die Welt klang 2011 mehrheitlich nach U-18-Grossraum-Laser-Disco, nach Tiesto-Trance, nach Energy-BoBo-Kinderkram.
Und die Schweizer Stilikonen selbst? BoBo hat, wohl ermuntert durch den amerikanischen Trance-Trend, seinen Tanz nach Las Vegas verlegt, DJane Tatana wurde 2011 des Dopings mit Kokain überführt – und Christopher S des SVP-Wählens. Er ist nach seinem politischen Bekenntnis nun so etwas wie der erste offizielle DJ des schweizerischen Bauernstandes. Und was sagt er dazu: «Ich habe 500 Fans verloren und 1000 neue gewonnen.»
Das Risiko Grönemeyer
Das ist immerhin eine Entwicklung, die im Jahr 2011 nicht vielen vergönnt war. Die Fan-Treue war keine auffallende Tugend des auslaufenden Jahres. Herbert Grönemeyer, immerhin seit Jahren einer der grössten Platin- und Goldhamsterer des drittgrössten Musikmarktes der Welt, warf das hitlose Album «Schiffsverkehr» auf den Markt, und kaum jemand interessierte sich dafür. Sein Konzert im Stade de Suisse wurde für die Organisatoren zur Hochrisikoveranstaltung an der zünftig Geld verloren ging.
Auch andere einstige Bestseller blieben hinter den Verkaufserwartungen zurück: Coldplay, die Band, die noch vor kurzem als Rettung der Musikindustrie gehandelt wurde, faulte schon nach sechs Wochen erstmals aus den Top-10 der hiesigen Hitparade heraus, Radiohead kamen da schier gar nicht rein, weil sie ihr neues Album «The King of Limbs» lieber zuerst auf ihrer Hompage zum Download angeboten haben. Und der DJ BoBo ist mit seiner «Dancing Las Vegas»-Idee schon nach nur drei Wochen aus den Top-30 gerutscht. Nein, die Popstars 2011 waren keine Musiker, das Amt des King of Pop teilten sich Steve Jobs und Kim Jong-il und bei den Frauen – hmm, schwierig – war es vermutlich Sarah Meier. Die gibt es jedenfalls neuerdings auch in nackt, in einer neuen Nike-Werbeaktion.
Beinahe-Tod der Indie-Szene
Und da wären wir auch schon beim Thema: Ja, die Krise. Im Jammertal der globalen Finanzkrise war es kaum noch zu vernehmen, das Wehgeschrei der Musikindustrie. Dabei waren auch die Zahlen, die 2011 in die Statistiken eingetragen wurden, nicht nur schlecht, sie waren sehr schlecht.
Ein Beispiel? In Amerika tauchte der Umsatz mit physischen Tonträgern im Jahr 2010 um weitere 20 Prozent. Und als in London ein geräumiges CD-Lager von Sony Music und 150 Independent-Labels von randalierenden Halbwüchsigen in Brand gesetzt wurde, sagten einige – trotz Aussicht auf Versicherungsgelder – ein baldiges Ableben der halben Indie-Szene voraus. So weit ist es dann, nach etlichen Solidaritätsaktionen, doch nicht gekommen, doch Nathaniel Cramp vom Label Sonic Cathedral sprach aus, was viele dachten: «Das alles führt uns vor Augen, dass wir auf Messers Schneide tanzen. Es zeigt, wie prekär es im Indie-Bereich zugeht.»
Wie wir wissen, hat uns weder die Krise, noch die Revolutionen in Nordafrika und auf dem Paradeplatz einen Soundtrack beschert. Doch immerhin wissen wir jetzt, welche Musik der ghanaische Katastrophen-Banker Kweku Adoboli so zu hören begehrt, der Mann, der die UBS in diesem Jahr um weitere zwei Milliarden Franken ärmer gemacht hat. Er hört Fela Kuti. Dieses unnütze Wissen drang in die Welt, weil schlaue Journalisten heutzutage als erstes das Facebook-Profil zu durchstöbern pflegen, wenn aus einem unbescholtenen auf einmal ein bescholtener Bürger wird.
Der Sohn von Fela Kuti, der erstaunliche Seun Kuti hat ganz nebenbei das beste Afrobeat-Album des Jahres 2011 erschaffen («From Africa With Fury»), dicht gefolgt vom Live-Album der französischen Gruppe Fanga («Afrokaliptyk Nation»).
Musik legal und illegal
Ansonsten war Afrika im Jahr nach der Fussball WM kein grosses Musik-Thema mehr, der Afrobeat ist als gängiger Taktgeber vom Popschlund einverleibt worden. Ein grosses Thema war dafür, wie 2011 ganz allgemein mit der Musik umgesprungen wurde. Dass sie in den Clubs der Schweiz nur noch in einer Lautstärke toleriert wird, die dem wahren Musikfreund die Tränen in die Augen treibt, damit hat man sich offenbar langsam abgefunden – ausser die deutsche Gruppe Scooter, die kürzlich verlauten liess, wegen den hiesigen Lautstärken-Limiten nicht mehr in der Schweiz auftreten zu wollen (was selbst von Kritikern der Schall- und Laserverordnung nicht weiter bedauert wird).
Doch seit diesem Jahr ist eine neue Dimension des Lärm-Problems entstanden. Nun geht es den Clubs an den Kragen, die zwar die Lautstärken-Limiten einhalten, jedoch von ihrer Nachbarschaft trotzdem als zu laut empfunden werden. In Bern mussten das Sous-Soul und das Wasserwerk auf Ende Jahr die Pforten schliessen, in anderen Städten spitzt sich die Lage ebenfalls zu. In Berlin stehen sogar 14 Clubs vor der Schliessung, weil eine musikempfindliche Schickeria in die entsprechenden Quartiere gezogen ist, und seitdem die Gesetzeshüter auf Trab hält.
Legal ist die Musik hingegen dann, wenn man sie kostenlos aus dem Internet herunterlädt. Das hat der Schweizer Bundesrat entschieden, mit der Begründung, die Musiker verdienten ja schliesslich genug Geld mit Konzerten und Merchandising. Das ist von ähnlicher Witzigkeit als würde die Schweiz den Patent-Schutz aufheben, mit der Begründung, die Industrie würde ja genug Geld mit ihrer Werbung verdienen. Dabei kam man kürzlich in einem schwedischen Feldversuch zu ganz erstaunlichen Resultaten: Dort wurde ein Gesetz eingeführt, wonach die Provider verpflichtet sind, die Identität illegaler Downloader preiszugeben. Das hatte zur Folge, dass der schwedische Internetverkehr von einem Tag auf den nächsten um 40 Prozent zusammenbrach und der Absatz von legaler Musik deutlich stieg – bei den Downloads um 48 Prozent, bei den CDs um 27 Prozent.
Und apropos Copy, Paste, Illegalität und Urheberrechte. Probleme damit gab es nicht nur im Internet und in der Wissenschaft, sondern auch im etwas erweiterten Feld der Popmusik: Beyoncé und ihre Kollegen tanzten im Video zum Stück «Countdown» ziemlich unverblümt eine Arbeit der belgischen Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker nach und kamen mit einer linden öffentlichen Rüge davon. Der Tanz kennt offenbar keine Urheberrechte.
Alt vs. Neu
Eine interessante Diskussion stiess Ende September die Sängerin Leslie Feist an. Unsere Zeit sei besessen von der Suche nach Neuem, und sie sei froh, dass ihre Sparte, das Singer/Songwritertum, gegen diesen Innovationszwang weitestgehend immunisiert sei. Das sagt Feist, die zeitgleich das wunderschöne und aber auch etwas langweilige Album «Metals» veröffentlicht hat, ausgerechnet in einer Zeit, in der die Popmusik dazu übergeht, zu einer Art Klassik der Neuzeit zu verkommen, indem ganze Werke möglichst werktreu wiederaufgeführt werden: Abba als Musical, «The Wall» als Nostalgie-Revue, die Beach Boys als Altherren-Beschäftigungsprogramm. Und der grosse Rest: als Aufwisch der grössten Melodien und Methoden der letzten vierzig Jahren.
Doch nun Schluss mit Aufwisch: Die Welt wird ab diesem Jahr ohne zwei grosse Stimmen auskommen müssen. Nein, ich meine nicht den R.E.M-Michael-Stipe, der seinen Rücktritt versprochen hat und auch nicht die Amy Winehouse, die sich unlängst mit Alkohol totgemacht hat. Es sind zwei, die mehr geschaffen haben, als lediglich zwei hübsche Studioalben zu besingen. Es sind die Stimmen des grossen Soul-Bruders Gil Scott-Heron und der Übermutter der kapverdischen Musik, Cesaria Evora. Sie werden fehlen. Als Gegenpol zur grossen schlechten David-Guetta-Welt. (Der Bund)
Erstellt: 29.12.2011, 15:54 Uhr
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