Kultur

Oops, plötzlich 30

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 29.11.2011 4 Kommentare

Die Kunst, authentisch unauthentisch zu sein: Britney Spears, der ewige Teenager, wird 30 Jahre alt.

1/23 Modelliermasse ihrer Produzenten: Pop-Phänomen Britney Spears.

   

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Am Freitag wird Britney Spears 30. Jeder, der schon so alt ist, weiss: Das ist ein mühsamer Termin, um den ein Aufheben sondergleichen gemacht wird. Denn mit 30 stehen Entscheidungen an. Ehe? Kinder? Job? Zumindest dies bleibt Britney Spears erspart. Denn ihr Leben hat seine eigene Zeitrechnung: Es läuft schneller ab. Bereits mit elf Jahren begann ihr medialer Aufstieg. Damals stand sie zusammen mit Justin Timberlake und Christina Aguilera als Moderatorin beim US-Sender Disney Channel vor der Kamera. Ein paar Jahre später betrat sie in Schulmädchenuniform und mit einem Sadomaso-Refrain die globale Bühne: «Hit me Baby One More Time» katapultierte die 17-Jährige in den Rang der Pop-Prinzessin.

Spears war damals der älteste Teenager der Welt. Während andere Jugendliche noch nie einen Job hatten, schuftete sie unter der Fuchtel ihrer ehrgeizigen Mutter und verdiente ihre ersten Millionen. Andere Mädchen hängten Poster an ihre Schlafzimmerwände, Britney Spears war das Poster. Nach der Promotour ihres Debütalbums musste sie Auftritte wegen Erschöpfung absagen. Sie war damals gerade mal 18. Danach versuchte sie natürlich nachzuholen, was sie nie erlebt hatte: eine echte Jugend. So richtig exzessiv mit Partys, Drogen und knappen Textilien.

Ein frommer Wunsch

Nun sind Sucht und Selbstzerstörung von jeher dunkle Begleiter des Starwesens. Marilyn Monroe, Elvis und anderen früh Verfallenen war es wenigstens vergönnt, ihre Abstürze vor einem Millionenpublikum zu erleiden; sie blieben Ikonen. Heute arbeitet ein Heer von Paparazzi daran, Stars und Starlets ihre Aura auszutreiben. So hat Youtube längst Videos mit einer verwirrten oder lallenden Spears im Angebot.

Vielleicht erklärt das Britney Spears’ Wunsch nach einem konservativen Familienleben, das freilich ein frommer Wunsch blieb: Mit 24 heiratete sie ihren Jugendfreund – bloss um sich 48 Stunden später wieder scheiden zu lassen. Wenig später gründete sie mit ihrem Backgroundtänzer Kevin Federline eine Familie – um dann nach erneuter Scheidung das Sorgerecht für ihre beiden Söhne zu verlieren. Logisch, folgten weitere Eskapaden. 2008 beschloss ein Gericht, dass Spears' Vater die Vormundschaft für sie übernimmt.

Obendrein warten Kritiker seit ihrem Karrierestart darauf, dass sie sich wie ihr grosses Vorbild Madonna endlich neu erfindet. Und Britney respektive ihre Plattenfirma tat ja auch ihr Bestes. Sie versuchte sich als Vamp, als Zirkusgirl, als Femme Fatale, doch die Rollen, monieren Kritiker, waren letztlich nur leicht abgewandelte Variationen ein und desselben langmähnigen, spärlich bekleideten, sexuelle Verfügbarkeit signalisierenden Prototyps.

Authentisch unauthentisch

Doch Spears unterscheidet sich von den Rihannas oder Cristina Aguileras, die strippen und strippen ohne etwas zum Vorschein zu bringen. Ihre Unfähigkeit, künstlerisch eine eigene Persönlichkeit zu werden, ist ihre Persönlichkeit. Wie niemand anders beherrscht sie die Kunst, authentisch unauthentisch zu sein. Davon zeugt vor allem ihr aktuelles Album «Femme Fatale». Ihre Stimme, noch nie ein grosses Asset, wird darauf per Computer mal verzerrt, mal aufgemotzt, dann wieder in Stücke zerrissen. Es ist keine Stimme mehr, sondern ein Soundeffekt. Ist das schlimm? Nein. Im Gegenteil: «Femme Fatale» ist Spears’ ehrlichstes Album. Es zeigt Spears unverblümt als das, was sie eigentlich immer war: Modelliermasse ihrer Produzenten.

Man könnte auch sagen: «Femme Fatale» ist zum ersten Mal richtig authentisch. Bezeichnenderweise setzte sich das Album schlechter ab als seine Vorgänger. Auch Spears’ Konzerte sind nicht mehr ausverkauft, das Zürcher Hallenstadion füllte sie bloss zur Hälfte. Ausserdem hatte sie ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen und tanzte stets leicht aus dem Rhythmus. Wie lange sich damit noch die ganz grosse Karriere machen lässt, sei dahingestellt. Neu erfinden sollte sie sich dennoch nicht. Denn auch wenn Britney Spears' perfekte Show aus dem Rhythmus gekommen ist – jetzt, mit 30, haben sich wenigstens ihr Leben und Alter synchronisiert. Willkommen in der Jetzt-Zeit und Happy Birthday. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.11.2011, 12:35 Uhr

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4 Kommentare

James Lehmann

29.11.2011, 13:02 Uhr
Melden 12 Empfehlung

Es ist noch lustig, dass selbst in diesem Artikel der Spruch kommt: sie hatte zuviel auf den Rippen. Das war doch genau das, was man an der amerikanischen Berichterstattung kritisiert hat. Aber ansonsten ist der Artikel ganz passabel. Vielleicht haut er schon in immer die gleiche Kerbe; wie alle anderen. Aber gut geschrieben ist er allemal. Antworten


Oliver Meier

01.12.2011, 13:29 Uhr
Melden 9 Empfehlung

Man kann von ihr denken was man will, ich mag sie :) Antworten



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