Kultur
Mehr braucht ein Lied nicht
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 25.03.2012
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«Göteborg»
«I schänke dir mis Härz»
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Warum nicht mit einer Sportmetapher beginnen: Das neue Album von Züri West ist eher SCB als YB – siegen, ohne Spektakel zu bieten. Deswegen wurden hier in Bern auch schon mal Trainer zum Rücktritt gedrängt. Bei Züri West ist das nicht zu befürchten. Dafür ist ihre neue Platte zu liebenswert, die kleinen Geschichten darauf zu hübsch. Sie haben meist keinen Anfang und keine Pointe, ihre Hauptfiguren treten nur kurz auf, sofern es überhaupt welche gibt.
Einem Helden gibt Kuno Lauener gerade mal 50 Wörter Lebenszeit, und er will diese nutzen, um unten in der Stadt Freunde zu suchen. Er hetzt und hastet, doch über Lauterbrunnen kommt er nicht hinaus. Selten ist die Vergänglichkeit schöner und unrhetorischer zum Lied geworden. 50 Wörter braucht Kuno Lauener dafür, seine Band ein paar dahingeschrummelte Akkorde und einen verschleppten Beat, ein bisschen schwerblütige Blasorchesterfeierlichkeit zum Schluss, und schon ist er wieder weg, dieser Song.
«Haubi Songs» wies den Weg
Der Verzicht aufs Spektakel hat bei Züri West System. «Göteborg» ist keine unbekümmerte Hit-Ansammlung und nichts, womit sich an den Schweizer Open Airs die Jugend zum Mitsingen animieren lassen wird. Auch gibt Kuno Lauener keine schmissigen Episoden seines neuen Ü-50-Vaterglücks zum Besten. Meist reicht ihm eine flüchtige Beobachtung für ein Lied. Ein Sonnenuntergang in 3027 Bern-Bethlehem zum Beispiel, und da gelingt es ihm, zwar eine gewisse Demut gegenüber dem Schöpfertum, aber keinerlei schnöden Kitsch aufkommen zu lassen.
Frontmann Kuno Lauener und Gitarrist Markus Fehlmann sitzen gut gelaunt in einem Hotelzimmer des Berner Fünfsternhotels Schweizerhof. Es macht sie ein bisschen kribbelig, wie ihr neues musikalisches Baby wohl von der Welt aufgenommen wird. Dass da kein Album mit lauter Stand-alone-Hits entstanden ist, ist auch ihnen nicht entgangen, ja es entsprach sogar den vagen Vorgaben, die sie sich selber gesetzt haben.
Der aktuelle Züri-West-Sound bezieht seinen Reiz aus dem Ungezierten
Der Erfolg ihres letzten Studio-Albums, des vor vier Jahren veröffentlichten «Haubi Songs», hat sie in diesem Vorhaben bestärkt. «Haubi Songs» war eine schwere Geburt. Die Ideen flogen den Musikern nicht zu, Kuno Lauener litt unter Schreibstau, ein Hit war weit und breit nicht auszumachen. Dann besann man sich auf die ersten Versionen der Songs. Und prompt wurde das Album zum Grosserfolg und verkaufte sich – selbst in der Krise – besser als die meisten vorangehenden Werke der Band. «Der Erfolg von ‹Haubi Songs› hat uns ermutigt, auf diesem Weg weiterzugehen», sagt Lauener. Und Fehlmann ergänzt: «Der aktuelle Züri-West-Band-Sound braucht Raum für Geschichten, die einzelnen Instrumente brauchen Luft, und wenn ein Schlag mal nicht genau auf die Eins kommt, dann lassen wir ihn stehen. Wir haben es aufgegeben, jedes Lied zum perfekten Popsong aufzublasen.»
Der von Fehlmann beschriebene aktuelle Züri-West-Sound bezieht seinen Reiz aus dem Ungezierten. Da wird kaum ein Ton mehr als nötig gespielt, die Effektgeräte werden, wenn überhaupt, ganz punktuell eingesetzt, die Bläsersätze beschränken sich auf wenige Trompetenspuren, und der Gesang spielt sich stets etwa auf den gleichen fünf Tönen ab. «Ich habe irgendwann herausgefunden, dass diese Art des Sprechsingens meinen Fähigkeiten entspricht und am besten zu meinen Kopfreisen passt», sagt Kuno Lauener. «Wenn ich mir ältere Aufnahmen anhöre, bin ich stellenweise ein bisschen unangenehm berührt von dem, was ich da gekläfft habe.»
Die gesangliche Selbstbeschränkung ist der neu gewonnenen Nonchalance der Band durchaus förderlich. Man kann das musikalische Altersweisheit nennen, böse Zungen könnten aber auch von Altherrenmusik sprechen. «Und wenn schon», wirft Kuno Lauener ein. «Es ist ein normaler Prozess, dass wir heute auf anderes Wert legen als früher. Im Moment interessiert uns eben mehr die atmosphärische Seite der Musik.»
Aufreizende Coolness
Nach Jahren des Haderns und des Stillstands befindet sich Züri West jetzt in der Phase des unverkrampften Liedschreibens. Ein wunderbares Beispiel dafür ist der Song «Hallo Schissluun», etwas vom Feinsten, was Züri West in den vergangenen Jahren geschrieben haben. Ein programmierter Bossa-nova-Beat trifft hier auf eine entspannte Wah-Wah-Gitarre, zur Steigerung mengt sich im Refrain eine dezente Hammondorgel dazu, und zum Schluss gibts die obligate Metallharmonie von den Gastbläsern Thomas Knuchel und Andreas Tschopp. Mehr braucht dieses Lied nicht, um seine aufreizende Coolness zu entfalten. Lauener spinnt dazu eine Geschichte über den Trübsinn unter blauem Himmel.
Oder da ist die 1:48-Minuten-Miniatur «Bugguwau», ein Lied in bester Mani-Matter-Tradition, basierend auf einer kleinen Zeitungsnotiz, dargebracht mit Gitarre, Posaune und Kinder-Orgel. Das Spartanische hat nicht nur im Ton, sondern auch im Wort Einzug gehalten. «Was die Leute in früheren Texten als persönlich empfanden, waren ohnehin bloss Rollenspiele», erklärt Kuno Lauener. «Ich bin schon zu spüren in diesem Album. Doch ich habe vermehrt Freude daran, mich in meinen Texten in andere Charaktere hineinzudenken.»
Bleibt die Frage, wie dieser neue Band-Sound live umgesetzt werden könnte. Hat man auch auf der Bühne den Mut zur Reduktion – oder schnürt man dann doch ein Best-of-Programm mit allen Gassenhauern zusammen? Die abschliessende Sportmetapher stammt von Kuno Lauener: «Vermutlich wird es so sein wie beim FC Basel. So wie der Heiko Vogel am Ende des Spiels noch den beinahe 50-jährigen Chipperfield einwechselt, der dann prompt noch einen Topf schiesst, werden wohl auch wir gegen Schluss den einen oder anderen Evergreen ins Spiel bringen.»
Am Ende geht es eben dann doch um den Sieg.
Züri West: Göteborg (Sound Service). (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.03.2012, 22:19 Uhr
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