Kultur

Mehr als eine grosse Stimme

Von Lukas Rüttimann, Los Angeles. Aktualisiert am 12.02.2012 29 Kommentare

Nach Whitney Houstons Tod stehen die USA unter Schock. Die Sängerin war Teil der amerikanischen Identität. Ein Nachruf.

1/12 Whitney Houston kommt als zweites Kind von John und Emily «Cissy» Houston am 9. Oktober 1963 zur Welt. Ihre Mutter Cissy war 1969 als Sängerin bei den Sweet Inspirations, der Begleitgruppe von Elvis Presley, sowie unter anderem bei Jimi Hendrix engagiert.

   

SF2 zeigt «The Bodyguard»

Aus Anlass des plötzlichen Todes der Pop-Diva Whitney Houston zeigt das Schweizer Fernsehen heute Abend um 22.30 Uhr auf SF2 den Film «The Bodyguard». Es war der erste und erfolgreichste der vier Kino-Spielfilme, die die Verstorbene drehte.

Der Film, in dem Houston eine Sängerin spielt, die sich in ihren Bodyguard (Kevin Costner) verliebt, gewann vor allem für seinen Soundtrack viele Preise, darunter einen Grammy und zwei MTV Movie Awards. Costner, Houston und Drehbuchautor Lawrence Kasdan dagegen wurden für die Negativ-Auszeichnung «Goldene Himbeere» nominiert. (sda)

Bildstrecke

Der Tod von Whitney Houston

Der Tod von Whitney Houston
Die amerikanische Pop-Diva starb im Alter von 48 Jahren. Die Musikwelt verliert eine Legende.

Artikel zum Thema

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Wenn es um das kollektive Aufarbeiten von Tragödien geht, sind die USA noch immer Weltmacht Nummer eins. Nur wenige Minuten, nachdem ihr Ableben in einer Suite des Beverly Hilton Hotel publik gemacht wurde, ist das gemeinsame Trauern in Los Angeles Bürgerpflicht. «Haben Sie das von Whitney vernommen?», fragt eine afroamerikanische Verkäuferin an der Kasse der Apothekenkette Rite Aid mit geröteten Augen und gesenktem Blick. Die Antworten dürften im ganzen Land ähnlich ausfallen: Ja. Ein Schock. Nicht überraschend, aber unerwartet. Diese Stimme. Das arme Kind. Ruhm. Alkohol. Drogen. Welche Verschwendung. Bobby Brown, dieses Arsch.

Eben dieser Brown ist am Abend bei einem Konzert mit seiner Band in Mississippi zusammengebrochen, nachdem er zuvor für seine verstorbene Ex-Frau die Worte «Whitney I Love You» ins Publikum geschrien haben soll. Im Netz schwappt ein Tsunami an prominenten Kondolenzbekundungen über die sozialen Netzwerke. Produzent Qunicy Jones ist «am Boden zerstört», Chartstürmerin Rihanna hat «keine Worte, nur Tränen», Rapperin Nicki Minaj findet «alle, bloss nicht Whitney, die Grösste aller Zeiten», und Country-Star LeAnn Rimes hofft «dass Whitney jetzt mit den Engeln singt». Vor dem Beverly Hilton Hotel am Santa Monica Boulevard versammeln sich stündlich mehr Menschen. Sie zünden Kerzen an, reden, singen und geben TV-Interviews.

Eine morbide Party

Aus dem Hotel sind während dessen die Klänge der Grammy-Vorabend-Party von Houstons Mentor Clive Davies zu vernehmen. Der Auftritt des 79-Jährigen Arista-Boss zusammen mit seiner Muse gehörte vor früheren Grammy-Shows zum Ritual. Diesmal feiert der Mogul ohne sie. Obwohl der Leichnam der toten Sängerin sich noch im Hotel befinden dürfte, findet die Party im Beverly Hilton Hotel statt. Nur wenige Stunden, nachdem ein Bodyguard die leblose Sängerin dort entdeckt und der medizinische Notfalldienst 20 Minuten lang vergeblich versucht hat, sie ins Leben zurück zu holen.

Nicht nur geladene Gäste wie Miley Cyrus oder Kelly Osbourne finden das offenbar wenig angemessen und bleiben dem Anlass fern. Zur gleichen Zeit versuchen trauerende Showbiz-Kollegen wie Alicia Keys, Britney Spears, P. Diddy oder Kim Kardashian, dem merkwürdigen Event eine angemessene Stimmung zu verleihen. Tragisch und surreal sind die beiden am meisten vernommenen Worte, um die Szenerie rund um das Beverly Hilton in diesen Stunden zu beschreiben. Worte, die auch zum Leben von Whitney Houston passen, scheint doch bei kaum einem anderen Popstar der Absturz so sinnlos wie bei ihr.

Makelloses Amerika

Denn bei Whitney Houston standen die Zeichen von Anfang an auf Sieg. Doch als sie ihn hatte, warf sie alles weg. Gefördert und behütet von einem hochdotierten Showbiz-Umfeld stürmte die Cousine respektive das Patenkind der Soul-Grössen Aretha Franklin und Dionne Warwick mit Hits wie «How Will I Know» Mitte der Achtziger die Charts. Ihr jungfräulicher Charme und ihre atemberaubende Schönheit brachten nicht nur Serge Gainsbourg um den Verstand, dessen legendäre Unverschämtheit am französischen Live-TV («I wanna f… you ») ihr hinter der Bühne einen Nervenzusammenbruch bescherte.

Auch die Hüter der amerikanischen Sitten sahen die Videos der gottesfürchtigen Gesangsschönheit lieber auf MTV als jene der mit Kruzifixen masturbierenden Madonna. Whitney Houston, das war das makellose Gesicht des sauberen Amerika. Jung, vital, schön und vor allem – erfolgreich. 170 Millionen verkaufte Platten, sechs Grammys und sieben Nummer eins Hits in den USA hintereinander machten sie zur vielleicht erfolgreichsten Sängerin aller Zeiten. Ihr Auftritt an der Seite von Kevin Costner in «Bodyguard» bescherten dem Filmstudio Einnahmen von fast einer halben Milliarde Dollar.

Heiraten mit Whitney

Doch für Amerikanerinnen und Amerikaner war sie sehr viel mehr als nur eine aussergewöhnliche Stimme und ein schönes Gesicht. Stärker noch als in Europa begleitete Whitney Houston viele Menschen gewollt oder nicht durch ihr Leben. Egal, ob man «I Will Always Love You» längst satt gehört oder nicht – als Hochzeitssong oder Liebesbezeugung ist der Titel bis heute ohne Konkurrenz. «The Greatest Love of All» und «One Moment in Time» sind Hymnen von überirdischer Grösse und werden nicht umsonst heute noch bei jedem emotionalen Moment am US-TV eingesetzt. «I’m Every Woman» und «I Have Nothing» sind Afro- bzw. Frauenpower pur – und Houstons Version der Nationalhymne «The Star-Spangled Banner» stürmte nicht nur die Charts, sonder einte 1991 ein ganzes Volk in Anbetracht ihrer denkwürdigen Performance beim Super Bowl in Tampa, Florida.

Mit Whitney Houston ist ein Teil der amerikanischen Identität verstummt. Dass dazu auch jene Schattenseiten gehören, die wohl für ihren tragischen Tod verantwortlich sind, passt. Denn ganz egal wie schlimm es um ihre Ehe, ihre Drogensucht, ihre Finanzen oder Gesundheit stand – für die Amerikaner wird Whitney immer das strahlend schöne Gesicht des gelebten amerikanischen Traums bleiben. Schuld an ihrem Übel ist für sie ohnehin Bobby Brown, der aus dem braven Mädchen eine launische Diva machte und sie in die Crack-Sucht trieb. Selbst ihr gescheitertes Comeback mit desaströsen Auftritten wie jenem in Moskau 2009 konnten die Amerikaner nicht in ihrem Glauben an sie erschüttern.

The Show must go on

Kein Wunder wollte ihr auch Hollywood dieses Jahr die Chance geben, sich mit einer Rolle in der Supremes-Biographie «Sparkle» aus ihrer von der Klatschpresse kolportierten finanziellen Misere zu befreien. Auch für die Casting-Show «X-Factor» war sie als Jurorin im Gespräch – nicht zuletzt, weil ihre Tonspanne aus «I Will Always Love You» noch heute Benchmark für jedes Casting-Talent auf der ganzen Welt ist. Allein – the Show must go on. Man werde versuchen, die Grammys dem tragischen Ereignis entsprechend umzugestalten, teilte Show-Produzent Ken Ehrlich gegen Mitternacht den TV-Sender NBC mit. Alles andere, als dass die 54. Grammys heute Abend zur grossen Gedenkveranstaltung einer amerikanischen Ikone werden, wäre eine Überraschung. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.02.2012, 11:52 Uhr

29

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

29 Kommentare

Simon Schenk

12.02.2012, 12:55 Uhr
Melden 29 Empfehlung

Ja, Whitney Houston war mehr als eine Stimme. Sie wird in den USA nicht grundlos als "National Treasure" bezeichnet. Sie hat die Tueren fuer eine ganze Generation von Stars geoeffnet und war in den 80er und 90er Jahren DER weltweite Superstar zusammen mit MIchael Jackson und Madonna, eine Kategorie fuer sich. Sie hatte unglabuliches Talent kombiniert mit makelloser Schoenheit. Eine Legende... Antworten


Fritz Hochhuth

12.02.2012, 14:57 Uhr
Melden 21 Empfehlung

Abgesehen von Suchtproblemen und diesem zu frühen Tod, liegt das wirklich Tragische an Whitney Houstons Leben und Karriere in der Tatsache, dass sie ihr Riesentalent und die herausragende Stimme immer nur für überproduzierten, kitschig-überzuckerten und pathetischen Kommerz-Pop hergegeben hat. Was für eine fantastische Blues- oder Soulsängerin hätte sie doch in einem anderen Umfeld sein können! Antworten



Kultur

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Populär auf Facebook Privatsphäre


Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!