Kultur
Markiges aus Dänemark
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 29.03.2012
Der Song «Toxic»
Agenda
Café Mokka Thun Sonntag, 1. 4., 20.30 Uhr.
Es ist ein bisschen wie bei Lana Del Rey: Es klingt, als würde sie sich nach jeder gesungenen Zeile den Lippenstift nachziehen. Als wäre sie nicht ganz bei der Sache, als sei das, was sie hier gerade anstimmt, bloss eine Musik gewordene Beiläufigkeit. Und es ist genau diese geistesabwesende Nonchalance, diese bleierne Sirenenhaftigkeit, die einen aufhorchen lässt. Wir sind mitten im Intro der neuen CD von CallMeKat, des zauberhaftesten Musik-Exports seit der Erfindung der dänischen Popmusik.
Und was hat uns diese Frau auf ihren beiden bisherigen Alben doch an wunderbarer Musik geschenkt. Verfertigt im Do-it-yourself-Verfahren auf Billigst-Keyboards, Kinderinstrumenten und knarzenden Schlagzeugmaschinen, und es verwunderte nicht, wenn da mal ein knarrender Stuhl den Rhythmus besorgte oder eine künstliche Maus dazwischen ziepte. Doch bei aller Liebe zum Verschrobenen war das grosse Popmusik, was da am Ende der abenteuerlichen Verwertungskette herausschaute.
Mal fühlte man sich an den schwermütigen Soul von Portishead erinnert, mal ähnelte das Geschehen den Machenschaften eines Pascal Comelade, mal klang CallMeKat wie die verstossene Schwester von CocoRosie. Doch ihre Lieder schalteten nie auf bockig, selbst das Experimentelle stand jederzeit im Dienste der Schönheit. Britney Spears’ «Toxic» verdrehte sie dergestalt, dass daraus ganz unversehens eine verträumt swingende Ballade voller Charme und Zauber wurde. Und aus «Lovecats» von The Cure schnitzte die Dänin ein schleppend getaktetes, leicht psychedelisches Kleinod, sodass man sich am Ende die Frage stellte, wie diese Songs zu Hits hatten werden können, bevor jemand ihre wahre Schönheit und Originalität aufgedeckt hatte. Doch, und das ist wohl das Problem, CallMeKat wurde damit paradoxerweise nicht weltberühmt.
Gedämpfter Zauber
Zaubermomente gibt es auch auf CallMeKats neuester Einspielung «Where the River Turns Black». Doch nicht mehr ganz in der gleich hohen Kadenz wie auf ihren Vorgängeralben. Denn so düster und unwirtlich der Titel des Werks anmutet, ist in ihren neuesten Arbeiten doch ein bisschen viel Pop-Wollen zu erkennen. Nach dem fulminanten Intro gibts zunächst zwei Songs für sämtliche Radio-Programmverantwortlichen dieser Welt.
Das klingt beileibe nicht schlecht, es sind nette Popnummern mit neckischem Vintage-Charme und unbeschwertem Wesen. Doch es ermangelt ihnen an dem, was CallMeKat stets so umwerfend gemacht hat: an einer naiven Unberechenbarkeit, die sich stets so verführerisch in die melancholischen Lieder mengte. Ein Grund für den etwas gedämpften Zauber ist der Umstand, dass CallMeKat seit neuestem auf die Mithilfe einer kleinen Band zurückgreift. Auch diese ist nicht schlecht, aber sie tut zu oft das Naheliegende, und sie umhüllt auch die letzten nackten Stellen dieser Lieder mit schickem und immer etwas zu buntem Stoff.
Das bitterzarte Abschiedsliedchen
Doch es gibt auch jene Momente auf diesem Album, in denen CallMeKat zu alter Hochform aufläuft. «Broken House» ist ein solcher, wenn zunächst ein paar dahingespielte Akkorde auf dem Elektropiano und zwei himmeltraurig-schöne Strophen die Aufmerksamkeit anheben. Und da spielt es dann auch überhaupt keine Rolle mehr, dass im Refrain das Rumpelschlagzeug, eine Bläserkapelle (verantwortlich dafür: Helgi Jonsson von Sigur Ros) und die Westerngitarre ausgepackt werden, um der Gefühlsemphase gerecht zu werden.
Ebenso wunderschön: das bitterzarte Abschiedsliedchen «Going Home» oder das unterkühlte «Dead of Winter», das klingt, als würden die wiederauferstandenen Mazzy Star einen bejahrten Horrorfilm vertonen. Wer das letzte Berner CallMeKat-Konzert im ausverkauften Café Kairo erlebt hat, wird sich aufgrund des etwas weniger erspriesslichen Ausgangsmaterials nicht von einer Wallfahrt nach Thun abbringen lassen. Es lohnt sich jeder Kilometer für diese Frau. (Der Bund)
Erstellt: 29.03.2012, 10:35 Uhr
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