Kultur

«Machet de schöni Musig, gäu?!»

Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 05.04.2012

Die Berner Street-Jazz-Gruppe Le Rex ist soeben von einer USA-Tournee zurückgekehrt. Abenteuerlich wars, genau wie die Aufnahmen zu ihrer neuen CD.

Grooven, bis die Ordnungshüter kommen: Le Rex mit Rico Baumann, Marc Unternährer, Andreas Tschopp, Marc Stucki und Benedikt Reising (v. l.).

Grooven, bis die Ordnungshüter kommen: Le Rex mit Rico Baumann, Marc Unternährer, Andreas Tschopp, Marc Stucki und Benedikt Reising (v. l.).
Bild: Ralph Kuehne/zvg

Le Rex in den USA

Le Rex in Hamburg

Konzert

Ostersonntag, 8.4., Turnhalle, Bern.

www.bee-flat.ch

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Manchmal sah das ein bisschen sonderbar aus, jedenfalls nicht nach einer Bühne, von der aus sich Amerika im Sturm erobern liesse. Zum Beispiel das Haus in Rochester. Mit «Welcome»-Fussmatte, USA-Flagge und umzingelt von gutbürgerlicher Nachbarschaft. Die Band spielte in einer Art Besenkammer auf Holz-Imitat-Linoleum. Oder der Saal in Charlotte. Eine Galerie mit wunderlicher Kunst, inklusive Schmetterlingsfrauen-Sujets und ähnlichem Zeugs. Ebenfalls keine Lokalität, die übermässig Popstar-Glanz verbreitet.

USA im Schnelldurchlauf

Die Gruppe, die soeben von einer ereignisreichen USA-Tournee zurückgekehrt ist, heisst Le Rex. Vier Bläser, ein Schlagzeuger und eine ganze Menge Guerilla-Appeal im Wesen. Und eine Combo, die sich gewohnt ist, an sonderbaren Orten zu spielen, ja, sie legt es geradezu darauf an. Ihre erste CD hat sie auf Feldwegen, in Markthallen oder auf Bauernhof-Grundstücken Korsikas aufgenommen, für das neueste Werk mussten die Autobahnraststätte Rubigen, das Bielersee-Kursschiff Berna, das Durchgangszentrum Halenbrücke oder der Flughafen Belpmoos als Klangkulisse herhalten.

Zehn Tage USA im Schnelldurchlauf haben sie nun hinter sich, neun Konzerte waren im Pflichtenheft, und es waren beileibe nicht nur bizarre Wohnzimmerkonzerte dabei. «Wir haben die USA-Tournee übers Internet von der Schweiz aus gebucht», erklärt der Gruppenführer und Tenorsaxofonist Marc Stucki, «wir wussten zeitweise selber nicht, was uns erwarten wird.» Geholfen haben Bekanntschaften, die man im Rahmen der Berner Jazzwerkstatt gemacht hat, zu deren Gründer Mark Stucki gehört. Gespielt wurde auch in anständigen Kaschemmen voller aufgekratzter Amerikaner oder in einem Tanzstudio in Lexington (Kentucky), und fast überall gab es stehende Ovationen, fast überall schloss man diese sonderbare Gruppe aus Bern ins Herz. Obwohl die Musik, die sie spielt, einem herkömmlichen Amerikaner recht abenteuerlich vorkommen dürfte.

Da sind zwar entfernt durchaus Anklänge an die alte amerikanische Mardi-Gras-Unterhaltungsmusik auszumachen, aber daneben gibts auch eine linde Dosis balkaneske Begräbnismusik und Ansätze von Free Jazz. Oder die Tuba stimmt ganz unvermittelt Michael Jacksons «Earth Song» an. Kurz: Es ist so ziemlich alles möglich bei Le Rex, es sei denn, es steht unter Strafe oder es groovt nicht.

Ab ins Tessin

Das Gleiche gilt auch für ihre neueste CD «Ascona», die an diesem Wochenende aus der Taufe gehoben wird. Da changiert das Geschehen unberechenbar zwischen gepflegten Blasorchester-Arrangements und entfesseltem Groove-Jazz, es gibt eingestreute Popzitate, ausufernde Soli, und es gibt, wie schon auf dem Erstling, die Tonspur hinter der Musik. Das Konzept: Aufgenommen wird mit drei Mikrofonen fürs Stereobild und einem zusätzlichen für die Pauke. Für jedes Stück wird eine Location ausgesucht, die für den jeweiligen Song angemessen erscheint. Und so dauert es nicht lange, bis sich – nach einem Wohlfühl-Intro aus der Kirche Ligerz – knurrendes, bellendes und blökendes Getier von einem Gehöft in Mittelhäusern ins Geschehen einmischt, ein Flugobjekt die Szenerie überfliegt oder ein bejahrter Schiffspassagier die Band anstachelt: «Machet de schöni Musig, gäu?!»

Ein andermal ist es ein Ordnungshüter auf der Seepromenade in Lugano, der die le-rexsche Rumpel-Jazz-Version von Donna Summers «Love to Love You Baby» im Keim erstickt und nach einer Bewilligung fragt. «Eigentlich wollten wir die ganzen Aufnahmen im Grossraum Bern einspielen», erklärt Marc Stucki, «aber weil es im Sommer dermassen viel geregnet hat, sahen wir uns gezwungen, kurzerhand ins Tessin auszuweichen.»

Die Ehrfurcht der Kühe

Und nicht immer spielte die Umgebung genau so mit, wie man sich das vorgestellt hatte. «Als wir in Mittelhäusern unser mobiles Studio einrichteten, muhten die anwesenden Kühe, dass es eine wahre Freude war», erzählt Stucki. «Doch als wir zu spielen begannen, blieben sie wie angewurzelt stehen, verstummten und hörten uns zu. Unser Tontechniker tanzte wie ein Verrückter vor den Tieren auf und ab und versuchte sie locker zu machen, doch es wollte nicht gelingen.»

Das Konzept der Wald-und-Wiesen-Aufnahmen sei für Le Rex keineswegs in Stein gemeisselt, sagt Marc Stucki. «Ich kann mir sehr gut auch einmal eine gepflegte Studiosession vorstellen, weiss aber nicht, ob das nicht den Charme zerstören könnte.» Ein berechtigter Zweifel. Denn im Kern ist Le Rex eine wilde Street-Jazz-Band geblieben. Sie ist dann am stärksten, wenn sie sich von Marc Unternährer (Tuba) und dem Schlagzeuger Rico Baumann ein solides Rhythmusfundament zimmern lässt, auf welchem die Solisten Benedikt Reising (Altosax), der phänomenale Trombonist Andreas Tschopp und Marc Stucki zu ausschweifenden Einzelvorstössen ansetzen. Jazz ist ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Le Rex ist in diesen Momenten – und sie sind zahlreich auf der neuen CD – die beste Verkörperung dieser These. (Der Bund)

Erstellt: 05.04.2012, 09:13 Uhr

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