«Live gehen wir immer noch durch die Decke»

Die Berner Brassband Traktorkestar ist erwachsen geworden. Auf dem neuen Album emanzipiert sie sich vom Balkanbrass und bekennt sich zu ihren Wurzeln im Jazz.

Egal ob die Treppe hoch oder runter, Hauptsache alle zusammen in eine neue Richtung: Die zwölfköpfige Berner Brassband Traktorkestar.

Egal ob die Treppe hoch oder runter, Hauptsache alle zusammen in eine neue Richtung: Die zwölfköpfige Berner Brassband Traktorkestar. Bild: zvg

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Es knattert und kracht nicht mehr. Wie heisses Wasser in einem Kochtopf brodelt die Musik vor sich hin, immer gefährlich nahe am Pfannenrand, aber nie überschwappend. Poppiger und jazziger, schlicht weniger lärmend kommt es daher, das neue Album ­«Deafening Lullabies» der Berner Balkan-Brassband Traktorkestar. Die dröhnend brachialen Gewaltakte früherer Tage sind verschwunden, das Draufgängerische ist dem Kontrollierten gewichen, die einzelnen Blasinstrumente kämpfen nicht mehr gegeneinander um Aufmerksamkeit, sondern halten sich vornehm zurück.

Neues Konzept ausprobiert

Melodisch und harmonisch erinnert nur noch wenig an den nach der letzten Jahrzehntewende gehypten Balkanbrass, deren Schweizer Ausläufer die zwölfköpfige Truppe seit ihrer Gründung 2009 geprägt hat wie keine andere Schweizer Band.

Sie verabschiedet sich vom Bild eines serbischen Rumpelorchesters mit rostigen Blasinstrumenten, zuweilen klingt sie nun wie ein auf Hochglanz poliertes Galaensemble im Unterhaltungsfernsehen. «Der Wandel ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber durchaus so gewollt», sagt Balthasar Streit, der 29-jährige Gründer, Manager und Trompeter von Traktorkestar. Nach acht Jahren, drei Studioalben und über 400 Konzerten in neun verschiedenen Ländern habe man auf der vierten Platte neues Feuer entfachen wollen. «Wir haben uns gefragt, was würde uns guttun? Wie können wir uns weiterentwickeln?»

Gefragt, getan: Zurück im Proberaum verfolgten die Berner einen ungewöhnlichen Ansatz: Jedes Bandmitglied hat sich im Komponieren ausprobiert; sei dies in Form von einfachen Ideen, ganzen Stücken oder kompletten Arrangements. Bisher hatten jeweils nur drei der zwölf Musiker Stücke geschrieben.

Dabei herausgekommen ist eine Fülle an Material, das hörbar die saubere Handschrift ehemaliger Jazzschüler trägt. Gleich neun Bandmitglieder sind nämlich Jazzschulabsolventen, zwei weitere haben klassische Musik studiert. Das Puzzle hat die Gruppe anschliessend peu à peu zu einem 13 Stücke langen Album zusammengesetzt. Das Resultat ist «kein Tuttifrutti», wie manch einer hätte erwarten können, sondern eine in sich stimmige Platte mit einem klaren roten Faden, welcher winterdepressionsartige Pop-Allüren mit den sanften Kapriolen melancholisch klingender Blasinstrumente verbinden.

Den Zeitgeist getroffen

Streit, normalerweise einer der drei Komponisten der Band, gibt zu, anfangs ob dem demokratischen Zustandekommen der Scheibe etwas nervös gewesen zu sein: «Mir hat das schon ein bisschen Angst eingejagt, einfach, weil wir so etwas vorher noch nie gemacht haben.»

Seine Angst war unbegründet. Der ruhige, dezente und durchdachtere Auftritt ist zwar ungewohnt, aber ungewohnt gut. Dass dabei das Aufgedrehte, das Exzessive abhandengekommen ist, tut der Qualität ihres neuen Albums keinen Abbruch. Traktorkestar beweisen mit ­«Deafening Lullabies» die Fähigkeit, sich dem Zeitgeist anzupassen und sich dementsprechend weiterzuentwickeln. Bestes Beispiel dafür ist der Track «Lost Boy & Suicide Girl», aufgenommen mit Simon Jäggi, dem Frontsänger der Berner Lumpenkapelle Kummerbuben. Das Lied erzählt die traurige Geschichte eines verliebten jungen Mannes, der hilflos zusehen muss, wie sich seine Auserwählte das Leben nimmt. In dem von ihm getexteten Song offenbart Jäggi einen betrübten Blick auf die Liebe: «Das wo du liebsch, isch das, wo di zerstört», singt er. Genau dieses düstere Bild der Liebe scheint gerade en vogue zu sein, wird der Song doch seit gut einem Monat im Radio auf und ab gespielt. Für Traktorkestar ein Novum.

Sorgen, deswegen in den Mainstream abzudriften, hat Streit keine. Das sei schon aufgrund der Besetzung mit traditionellen Musikinstrumenten gar nicht möglich. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass Traktorkestar immer noch mehrgleisig fahren. «Das heisst, auch wenn unser Album weicher daherkommt, sind wir deswegen noch lange keine Indie-Pop-Brassband. Live gehen wir immer noch durch die Decke.»

Diesem Gegensatz ist denn auch der Albumtitel gewidmet. Auf der Suche nach einem Namen für eine laute Band, die für einmal ganz zahm daherkommt, traf sich die Gruppe bei «Deafening Lullabies», was übersetzt so viel bedeutet wie ohrenbetäubende Wiegenlieder. Äusserst passend, bedenkt man, dass eines der Bandmitglieder Anfang Jahr Vater geworden ist.

Experimente und Blödeleien

Auch wenn die Herren reifer geworden sind, die Experimentierfreudigkeit ist geblieben: Im besten Song «Bouffe ton sucre» steckt zwar noch ordentlich Adrenalin und jugendlicher Elan der frühen Traktorkestar-Jahre drin, doch kommt der Song insgesamt abgeklärter und souveräner, fast schon ein bisschen rockig rüber. Die Saxofonisten Simeon Schwab (Altsaxofon) und Thierry Lüthy (Tenorsaxofon) veranstalten zu Beginn des Liedes eine Pingpong-Battle, welche so elektrisierend wirkt, dass die Repeat-Taste definitiv einem Belastungstest unterzogen wird. Auch auf anderen Tracks lassen Traktorkestar Platz für Spielereien oder schlichte Blödelei. Beispielsweise ganz zu Beginn der Platte im Intro. Dieses beginnt nicht, wie zu erwarten wäre, mit dem Einsatz von Blasinstrumenten oder Perkussion, sondern mit dem Geräusch eines aufstartenden Staubsaugers. Er gehört Lüthy und steht in seinem Produktionsstudio in Bümpliz. Das Geräusch seines Staubsaugers einfach aus einer Laune heraus aufzunehmen und ganz unbekümmert an den Anfang der neuen Platte zu setzen, zeigt: So ganz erwachsen sind die Berner dann doch noch nicht. Zum Glück.

Le Singe, Biel Sa., 10. Dezember, 20 Uhr Dachstock Reitschule Fr., 16. 12., 22 Uhr (Plattentaufe) Mokka, Thun Mi., 28. 12., 20.30 Uhr (Der Bund)

Erstellt: 08.12.2016, 09:41 Uhr

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