Lennons verschollenes Interview: «Subversion ist besser als Revolution»

Aktualisiert am 17.12.2009

Im Jahr 1968 empfing John Lennon einen Studenten bei sich zu Hause und verteidigte sich gegen den Vorwurf, die Stones seien radikaler als die Beatles. Jetzt wurde das Interview erstmals publiziert.

Yoko Ono und John Lennon.

Yoko Ono und John Lennon.
Bild: Keystone

Es war das Jahr 1968, das Jahr der Revolution, als die Beatles öffentlich gekränkt wurden. Sie seien harmlos, Establishment geworden, revolutionäre Weicheier, verglichen mit den Rolling Stones. Das wollte Lennon nicht auf sich sitzen lassen. Sechs Stunden nahm er sich Zeit, um einem Studenten seine Sicht der Dinge darzulegen. Vierzig Jahre dauerte es, bis das Interview publiziert wurde. Jetzt hat es die englische Tageszeitung «New Statesman» abgedruckt und damit ein ebenso faszinierendes wie absonderliches Zeitzeugnis veröffentlicht.

Schon die Umstände, wie es zum Interview kam, muten exotisch an. 1968 war ein entscheidendes Jahr für die Beatles. John Lennon und Yoko Ono hatten im Juni einen erste Kunstperformance zusammen bestritten, im Oktober waren sie in Ringo Starrs Wohnung mit Drogen erwischt worden. Kurz darauf erschien ein offener Brief in «Black Dwarf», einem britischen Magazin aus dem Umfeld der radikalen Sozialisten, der den Beatles Ausverkauf vorwarf und behauptete, sie hätten ihr revolutionären Biss verloren.

Reden und makrobiotisches Brot

Der Kunststudent Maurice Hindle schrieb einen Fanbrief an ein Musikmagazin, in dem er Lennon vorschlug, sich zu verteidigen. Zu seiner Überraschung meldete sich der Beatle daraufhin bei ihm, lud ihn zu sich nach Hause ein. Hindle fuhr hunderte Kilometer per Autostopp zu Lennons Haus. Dort setzten sie sich im Schneidersitz auf einen indischen Teppich und Lennon legte ihnen seine Sicht der Dinge dar. Sechs Stunden redete Lennon, unterbrochen nur durch eine Pause, in der ihnen Yoko Ono selbstgemachtes makrobiotisches Brot und Konfitüre serviert.

Lennon sei wütend gewesen über den Artikel in «Black Dwarf», schreibt Hindle. Die Beatles hätten zwar ihr Image gewandelt, aber ihr Feuer keineswegs verloren. Im Interview zeigte Lennon auffällig differenzierte Ansichten, die sich von den üblichen 68er-Parolen abgrenzen. «Man muss seine Einstellung ändern», sagte Lennon. «Was bringt es, ein paar alte Tories fertig zu machen? Was würde das schon ändern? Natürlich taugt das System nichts, aber es reicht nicht, es einfach kaputt zu schlagen.»

«Klink dich nicht aus, Mann!»

Weiter sagte er: «Ich werde mich nicht kreuzigen lassen, tut mir leid, und also gut, ich bin Kompromisse eingegangen. Aber zeigen Sie mir jemanden, der das nicht getan hat und immer noch am Leben ist. Ich habe immer gesagt: Klink dich nicht aus, Mann, bleib drinnen und unterwandere das System.»

John Lennon wurde am 8. Dezember 1980 erschossen, nachdem er in den Siebzigerjahren bekannt hatte, zunehmend politischer und dabei radikaler zu werden. Hindle ist heute Autor und schreibt ein Buch über Lennon. (mcb)

Erstellt: 17.12.2009, 15:29 Uhr

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