Kultur
Leichter Schwindel
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 27.04.2012
Tag 2. Ouagadougou. Temperatur: 42 Grad. Stimmung: Hitzemüdigkeit und kreativer Taumel.
Heute steht für die Faranas ein Vorsprechen bei einem putzigen Radiosender in Ougadougou auf dem Plan. Er heisst «Pulsar» und in der Unterzeile steht der hübsche Satz: «Le petite Radio qui monte». Gespielt wird vornehmlich Jazz, gerne auch der wilderen Sorte. Es läuft alles prächtig im Interview, die Öffentlichkeitsarbeiter Oggier Adrien und Alig Dominik erklären die Faranas-Welt, es wird ein Stück von der CD gespielt, und dann kommt sie, die Frage, vor der sich alle ein bisschen gefürchtet haben, die aber sämtliche Radiomoderatoren im Frageköcher zu haben scheinen.
Es kommt nichts
Der Mann will wissen, worum es denn in diesem Liedchen, das im senegalesischen Dialekt Wolof getextet ist, bitteschön gehe. Oggier Adrien versucht Zeit zu gewinnen, räuspert sich, ja, das sei eine sehr interessante Sache, nicht ganz einfach zu erklären, es sei der Text ihres aus Senegal stammenden Sängers Mory Samb, der sei Sohn eines Griots, und, wie solle er sagen, letztlich handle es sich um die Geschichte von Hassan und Husein. Der Moderator wartet kurz, ob da noch mehr kommt - es kommt nichts - also wird erst einmal (ebenfalls ein alter Moderatorenreflex) ein Jingle eingespielt.
Später erklärt Oggier Adrien dem Chronisten, dass die Band von ihrem Sänger einst auch in Erfahrung bringen wollten, was er da genau singe. Man habe sich hingesetzt, nach drei Stunden war Mory Samb noch immer am Erzählen und Erklären. Mehr als eine blosse Geschichte, eine ganze Haltung und ein halbes Leben stecke da drin in diesem Text. Jedenfalls eindeutig zu viel fürs flüchtige Radioformat.
Anti-Brumm-Überdosis?
Heute war auch eine kleine Erfrischung einberaumt, in Form eines kurzen Betriebsausflugs zum Pool eines afrikanischen Luxus-Hotels. Bei dieser Gelegenheit stellten die Faranas-Musiker an ihren bleichen Körpern sonderbar-rötliche Hautirritationen fest. Eine Art Ausschlag, über dessen Ursache nun leidenschaftlich gerätselt wird.
Sonnenallergie, glauben die einen. Irgendwie vom Schwitzen, meinen die andern. Anzeichen einer Anti-Brumm-Überdosis denken die nächsten. Es herrscht Uneinigkeit. man will die Sache im Auge behalten. Derweil erreichen uns Schlagzeilen aus der Schweiz über eine etwas abrupte Temparatur-Hausse auf 25 Grad, und dass nun vielen Schweizern darob just etwas schwindlig sei.
Der Gitarrist der singenden Halbgöttin
In Ougadougou ist auch ein paar Schweizern etwas hitzeschwindlig. Kommt hinzu, dass ausgerechnet heute eine kleine interkulturelle Herausforderung bevorsteht. Die Faranas sollen heute nämlich um ein Bandmitglied anwachsen. Aus Mali hat man den Gitarristen Baba Salah Cissé eingeflogen, er wird die Band an den anstehenden Konzerten begleiten. Der Mann war lange Zeit der Gitarrist von Oumou Sangaré, einer singenden afrikanischen Halbgöttin.
Der Faranas-Trompeter Oggier Adrien hatte Baba vor Jahren in Mali kennengelernt. Das Problem dieser Zusammenführung: Baba hat die CD, die man ihm von der Schweiz aus zugeschickt hat, nie erhalten, er kennt weder die Band, noch die Songs, noch weiss er genau, was diese zunächst etwas wenig zutraulichen Schweizer von ihm erwarten.
Die Übungsstätte, wo all seine Fragen geklärt werden sollen heisst «Jardin de la Musique» und liegt in Reemdoogo, nur unweit des Operndorfes, das Christoph Schlingensief errichtet hat. Der «Jardin de la Musique» ist eine Art Park mit Bühne und klimatisierten Studio- und Übungsräumen, ein Ort, wo sich neugierige Kinder nach der Schule treffen, junge und ältere Musiker ein- und ausgehen und Schulen ihren Musikunterricht absolvieren.
Baba Salah Cissé und die Faranas-Jungs fremdeln zunächst erheblich, man beäugt sich skeptisch, dann beginnen sie zu Musizieren, und nach zwei Minuten ist klar, dass da nichts mehr schiefgehen kann. Leichter Schwindel in Ouagadougou. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.04.2012, 11:49 Uhr
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