Kutti MC im Rausch
Man musste sich ja schon ein wenig Sorgen machen, wie da alle abhoben im Vorfeld des Konzerts: Kritikerinnen und Kritiker, die das neue Album «Sunne» mit Vorschusslorbeeren überhäuften; Kutti MC selber, der auf einer Fotografie im Booklet zur CD mit einem grossen gelben Ballon in der Hand abhob oder das One Shot Orchestra, dessen federnder Sound kaum für Bodenhaftung sorgte. Als ob das nicht genug wäre, war die Bühne der Dampfzentrale an der Plattentaufe am Freitag mit bunten Luftballons dekoriert. Kann ein Konzert unter diesen Umständen gut kommen; bei dermassen hochfliegenden Erwartungen?
Fulminante Show
Es kann, wie das One Shot Orchestra vom allerersten Takt an klarstellte: Mit schweren Beats als Intro zum Auftaktsong «100'000 Ballön» holte die Band jene, die ob all der Begeisterung im Voraus über das gelungene Album bereits «drüü Centimeter überem Bode schwäbe» wieder auf selbigen zurück. Die drei Musiker Fabian Kalker, Jacob Suske und Simon Baumann hatten damit das Fundament gelegt, welches Kutti MC als Startrampe für eine fulminante 90-minütige Show nutzte.
Bereits nach diesem ersten Song verliess Kutti MC das sichere Terrain festgelegter Songstrukturen und testete mit einem Freestyle-Rap die Tragfähigkeit seiner Intuition, ohne sich auf das Sicherheitsnetz eines lange erarbeiteten und ausgefeilten Textes verlassen zu können. Das improvisierte Zusammenspiel zwischen Musik und Text funktionierte bestens – deshalb sollte es nicht bei diesem einen Freestyle-Rap bleiben. Zugleich trat auch schon der grosse Unterschied zwischen CD und Live-Auftritt in aller Deutlichkeit zu Tage: Im Vergleich zum Album war das Konzert grobschlächtiger und ungehobelter – dafür mit einer rohen und unbändigen Energie, die die Platte hie und da vermissen lässt.
Sophie Hunger ab Konserve
Dass dabei die vielen kleinen Details, von denen die CD lebt, durch die stampfende Rhythmusdampfmaschine des One Shot Orchestras plattgewalzt wurden, spielte keine Rolle. Die auf der CD so geschickt wie dezent eingesetzten Streicher, Bläser und Backgroundstimmen waren am Konzert aufs Minimum reduziert und wurden, wenn überhaupt, per Band eingespielt. So war auch der Gastauftritt von Sophie Hunger ab Konserve, was auch nicht weiter störte. Vermutlich wurde sie sowieso vor allem aus marketingtechnischen Gründen (sie ist beim selben Label wie Kutti MC zu Hause) für einige kurze Passagen auf dem Tonträger engagiert.
Je länger der Abend dauerte, desto mehr lehnte sich Kutti MC in die vom One Shot Orchestra produzierten Rhythmen, liess sich von ihnen treiben und wechselte zwischen neuen Songs und improvisiertem Freestyle-Rap. Atemlos steigerte er sich in einen Rausch. Da blieb kaum Platz für die melancholischeren Augenblicke des Albums wie im zum Heulen schönen «Du bisch nid allei», das zur zornigen Anklage wurde.
Am Schluss des langen Konzertabends liess Kutti MC eine Art Mini-Werkschau folgen. Vom letzten Album «Dark Angel» gab es das irrlichternde «Dini Stadt» als Zugabe und für «Kutti Funk» von der Debüt-CD «Jugend & Kultur» kramte er sogar die Klamotten hervor, die er damals im gleichnamigen Videoclip trug.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 05.10.2009, 09:42 Uhr
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