Kamerun–Panama via die Alpen

Zu welchem Beat tanzt Ghana? Warum sind lateinamerikanische Tänzerinnen so leicht bekleidet? Ein neues Buch gibt Auskunft.

Die Neugier ist gross: Das Buch «Out of the Absurdity of Life».

Die Neugier ist gross: Das Buch «Out of the Absurdity of Life». Bild: www.norient.com

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«Musikalischer Fortschritt ist bis auf weiteres nur von Ländern der Dritten Welt und von Indien oder China zu erwarten», hat Simon Reynolds, Autor des kulturpessimistischen Buches «Retromania» 2011 behauptet. Dieser Satz ist auch der Leitgedanke des ersten Buches des Berner Online-Netzwerks Norient – und hier ist die These beileibe nicht kulturpessimistisch eingefärbt. «Out of the Absurdity of Life – Globale Musik» heisst der Wälzer, der ausloten will, wie denn diese fortschrittverheissende Musik im Heute klingt.

Das Blickfeld der diversen Autoren ist breit, die Neugier gross, das Feld ein weites. So wird über den kamerunischen Modetanz Bikutsi ebenso detailreich berichtet wie über den syrischen New Wave Dabke, es wird dem Neo-Topicália in São Paulo nachgespürt, oder panamaische Kopulationstänze werden als politisch-provokative Statements entlarvt. Das Buch ist ein kultureller Flickenteppich, und genau als das will es verstanden werden.

Jäger und Sammler

Ferndiagnosen werden keine gestellt, berichtet wird von Reisenden oder Ansässigen aus erster Hand, in einer Mischung aus wissenschaftlichem Eifer und purer Liebe zur Musik. Natürlich ist dem Buch auch ein gewisser Hang zum weltmusikalischen Fremdreiz eigen, den der Musikproduzent Joe Boyd als «new sounds for a bored culture» umschrieben hat. Doch der Jäger- und Sammlerappetit nach bisher unerhörten Klang-Trophäen wird nie zum Selbstzweck.

Dem ungeliebten Begriff der Weltmusik wird hier ein Neustart gewährt: Weltmusik 2.0 wird das Themenfeld neuerdings genannt und beschreibt nicht mehr bloss das, was in den Ohren des Westlers exotisch klingt: «Weltmusik 2.0 ist das Produkt von raumzeitlich entgrenzter Kommunikation», schreibt der Norient-Gründer Thomas Burkhalter. «Wir leben in einer Welt der multiplen verwobenen Modernen.» Und: «Die alte, saubere und sanfte Weltmusik wird attackiert und ersetzt durch neue, unbequemere Sounds.»

Diese Sounds heissen Cumbia Electronica, Nortec, Tecnobrega, Tuki Bass oder Shangaan Electro und stehen im Fokus, verknüpft mit der Frage, wie sie sich in den neuen Medien verbreiten und von was sie uns erzählen. Das ist dermassen einnehmend, dass man sich bei der Lektüre des Buches öfters dabei ertappt, nach imaginären Links zur beschriebenen Musik zu fahnden. Und das ist denn auch der Nachteil dieses Werks: Es klingt nicht. Die Musikjäger sind mit dem Besuch der prima verlinkten Norient-Homepage (www.norient.com) besser bedient als mit der gebundenen Lektüre. (Der Bund)

Erstellt: 09.01.2013, 09:00 Uhr

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Das Buch

Theresa Beyer, Thomas Burkhalter: Out of the Absurdity of Life – Globale Musik. Traversion, Deitingen 2012. 327 S., 36 Fr.

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