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«Jazz ist die offenste Art zu musizieren»

Aktualisiert am 12.01.2013 8 Kommentare

Er war der wohl einflussreichste Jazzmusiker der Schweiz: Der Basler George Gruntz ist gestorben.

1/6 Gab im vergangenen Sommer am Montreux Jazz Festival ein Konzert zu seinem 80. Geburtstag: George Gruntz, hier 2005 am Jazzfestival in Schaffhausen.
Bild: Keystone

   

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Auftritt von George Gruntz im Jahr 1994. (Quelle: Youtube.com)

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Der international wohl einflussreichste Jazzmusiker der Schweiz ist tot: George Gruntz starb im Alter von 80 Jahren im Kreise seiner Familie in der Region Basel. Sein Vater sei am Donnerstag nach langer, schwerer Krankheit zuhause gestorben, sagte Felix Gruntz gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Er bestätigte eine Meldung von Radio SRF 1. Zu den letzten Auftritten von George Gruntz zählte sein «80th Birthday Concert» am Montreux Jazz Festival im Sommer 2012.

Nun ist er am gleichen Tag gestorben wie Festivalgründer Claude Nobs. Von einer «Woche der Trauer» für den Schweizer Jazz spricht der Herausgeber des Magazins «Jazz 'n' More», Peewee Windmüller. Gruntz sei ein «Visionär der Jazz-Szene» gewesen, «ein äusserst kreativer Komponist und ein genialer Mensch», sagte Windmüller.

Tourneen auf der ganzen Welt

George Gruntz prägte die Jazzgeschichte der letzten 50 Jahre massgeblich mit. 1972 gründete er seine «Concert Jazz Band», mit der er die ganze Welt bereiste. Selbst den Topacts der internationalen Szene war das Mitspielen in seiner Formation einen Eintrag im Lebenslauf wert.

Gruntz experimentierte früh mit Volksmusik. Als erster Schweizer Jazzmusiker habe Gruntz bereits in den 1960er Jahren mit Musikern anderer Kulturen, beispielsweise aus Nordafrika, zusammenarbeitet, sagte sein langjähriger Freund und Plattenproduzent Peter Schmidlin auf Anfrage der sda: «Der Schweizer Jazz verliert einen Pionier und ein Aushängeschild.»

Noch im November in New York

Gruntz war ein Vielschaffer, der auch im hohen Alter nicht ans Aufhören dachte: Unermüdlich komponierte und konzertierte er. Trotz der schweren Krankheit habe sein Vater noch in seinen letzten Lebensmonaten gearbeitet und sechs «super Kompositionen» vollendet, sagte sein Sohn.

Ende November seien diese Werke unter der Beteiligung der «Crème de la Crème der New Yorker Jazz-Szene» und in Anwesenheit von George Gruntz in den USA eingespielt wurden, sagte Felix Gruntz weiter.

Das Piano habe sein Vater nicht mehr übernehmen können. Doch das Album werde mit einem anderen Pianisten fertig gestellt. Die letzte CD mit Werken von George Gruntz soll im Frühling erscheinen.

Erfolge am Broadway

Seine Jazzopern «World Jazz Opera», «Cosmopolitan Greetings» und «Magic of a Flute» feierten Erfolge vom Menuhin Festival in Gstaad bis an den New Yorker Broadway. Gruntz war aber auch Komponist und musikalischer Leiter am Zürcher Schauspielhaus (1970 – 1986) sowie Leiter des Berliner Jazzfest.

Er komponierte fürs Kanzlerfest von Helmut Schmidt und das Jubiläum des Wiener Burgtheaters. Und schrieb vor mehr als zehn Jahren bereits seine Autobiografie mit dem programmatischen Titel «Als weisser Neger geboren» (Zweitausendeins 2002).

Profi-Jazzer seit jungen Jahren

Zur Welt kam George Gruntz am 24. Juni 1932 in Basel. Nach der Ausbildung zum Elektro-Maschinen-Konstrukteur besuchte er die Konservatorien in Basel und Zürich. Noch als Amateurpianist und -vibraphonist gewann er Preise am Zürcher Jazzfestival.

Schon 1958 trat Gruntz am Newport Festival auf und spielte unter anderen mit Louis Armstrong. Zum Profi wurde er 1963, indem er US-Jazzer auf Europa-Tourneen begleitete und gleichzeitig begann, mit namhaften Komponisten des E-Musik-Bereichs (insbesondere Rolf Liebermann) zusammenzuarbeiten.

Brückenbauer in allen Bereichen

Gruntz war es ein grosses Anliegen, sein Wissen an junge Musiker weiterzugeben. Immer wieder holte er junge Jazzer in seine diversen Bands, spielte als Gast bei jungen Projekten, leitete Workshops und gab Meisterkurse, sogenannte «Jazz Clinics». Nebst seiner musikalischen Arbeit und Leistung öffneten ihm auch sein charismatisches Auftreten und seine Qualität als Causeur manche Türen.

«Jazz ist die offenste, diktatfreieste Art zu musizieren, und seine Spielarten dürfen nie zu Horten der Sicherheit verkommen», pflegte George Gruntz zu betonen. Dieser Philosophie blieb er treu. (mrs/mw/sda)

Erstellt: 12.01.2013, 13:40 Uhr

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8 Kommentare

marc daniel

13.01.2013, 12:47 Uhr
Melden 3 Empfehlung 2

Kinderfrage: Was ist Jazz heute? Wer mir das genau beantworten kann, halte sich nicht zurück.
Wenn ich Patricia Kopatchinskaja zuhöre und zuschaue, habe ich keine bange um die klassische Musik und bei Yuja Wang zählen die Plateauschuhe bei den meisten Menschen leider mehr als die musikalische Elektrizität, die sie aussendet. Da sehen manche aktuellen Jazzer alt und müde aus.
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Joerg Bucher

13.01.2013, 19:09 Uhr
Melden 1 Empfehlung 2

Irgendwie, nicht gaenzlich und doch : Parallelen zu Ernst Mosch werden wach.
Gruntz fing mit Volksmusik an, wurde begnadeter, praegender Jazzer. Mosch war Jazzer und mutierte waehrend Jahrzehnten zum strahlenden Diamant und Solitaer der Volks- und Blasmusik.
Und die Hinterlassenschaft einer klaffenden Luecke: das unersetzliche Charisma beider...
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