Kultur

«Ich will spielen können wie Jimi Hendrix»

Von Adrian Schräder. Aktualisiert am 20.04.2012

Die viel gepriesene britische Soul-Hoffnung Michael Kiwanuka setzte ihre Tagträume in Zürich gekonnt um.

1/5 Bringt die Leute zum Lachen, zum Mitsingen, zum Mitklatschen: Sänger Kiwanuka. (Aufnahme vom Konzert am SXSW Music Festival in Austin, 14.3.2012)
Bild: Keystone

   

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Vielleicht Kiwanukas bekanntester Song: «Home Again».

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Kiwanukas «Im Getting Ready».

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Und dann ist es still im proppenvollen Club, ganz still. Auch jene, die zuvor noch kichernd ihren kleinen Feierabendschwips genossen haben und so weit hinten stehen, dass sie den kleinen Mann mit dem Farmerhut und der Gitarre gar nicht sehen können, lauschen jetzt andächtig. Wie sagt man so schön? In solchen Momenten könnte man eine Stecknadel auf den Boden fallen hören. «Ich möchte euch jetzt mal die Rohform meiner Songs zeigen», hatte jener Mann wenige Augenblicke zuvor gesagt und seine fünfköpfige Band, die zuvor eifrig untermauert und garniert hatte, von der Bühne geschickt. Irgendwas in der Stimme, in seiner Art zu singen, zielt direkt auf das zentrale Nervensystem. Auf die Sinnesantennen. Für gut vier Minuten zählt mal kein Handy, kein Facebook, kein Börsenkurs, kein frisches Bier. Nur die Stimme von Michael Kiwanuka und der Song «I Won't Lie».

Klar, das schaffen glücklicherweise auch andere Sänger immer wieder. Aber in Bezug auf den 24-jährigen Sänger, der in den letzten Monaten unglaublich viele Vorschusslorbeeren aus der Musikpresse erhielt, gilt es, diesen Moment deutlich hervorzustreichen. Zwei, drei Songs kursierten im Internet vor der Veröffentlichung seines Debütalbums «Home Again» im März dieses Jahres. Und sie waren genug, um den schüchternen, besonnenen und im Gespräch äusserst liebenswürdigen Briten ganz vorne in allen Jahresvorschauen zu platzieren. Als die neue Soul-Hoffnung, als den neuen Otis Redding, als was weiss der Geier.

Sein Soul hat vielerlei Couleur

Der Auftritt am Donnerstagabend im Zürcher Mascotte hat gezeigt, dass sich diese Prognosen für einmal zu grossen Teilen bewahrheitet haben. Und zugleich auch, wie meistens, völliger Humbug sind. Festnageln lässt sich der Sohn ugandischer Eltern, der im Londoner Stadtteil Muswell Hill aufgewachsen ist, nämlich nur sehr schwer. Da steckt nicht nur Otis Redding drin, da steckt nicht nur Marvin Gaye drin, da sein Soul vielerlei Couleur hat. Auf der Bühne erhalten die Songs, die auf dem Album in Streicher- und Flötenklänge gebettet sind, so etwas wie einen Landstrassenanstrich. Eine Landstrasse, die auch gerne mal nach Memphis führt. Es würde einen nicht erstaunen, hätte der junge Kiwanuka da einen Grashalm zwischen den Lippen und ein Bett im Kornfeld.

Natürlich: immer wieder abgeschmeckt mit alten R&B-Rhythmen, mit Jazz, mit Motown, mit Funk und auch mit Referenzen an Jimi Hendrix, den er momentan intensiv studiert, wie er im Interview am Nachmittag erzählte. Und auch der Afrobeat mischt sich immer wieder dezent dazu. Die Besonderheit von Bühnenarbeit und Debütalbum: die Details, wie mit dem Einsatz von kleinen Percussionsinstrumenten, mit dezenten Rhythmus- und Tempowechseln, mit der Orgel Abwechslung erzeugt wird. Und das von einer jungen Band, die klingt, als würde sie schon seit dreissig Jahren jeden Abend zusammen jammen.

Und Kiwanuka? Der macht das gekonnt, bringt die Leute zum Lachen, zum Mitsingen, zum Mitklatschen, obwohl er eigentlich viel zu leise spricht und singt und ihm die Schüchternheit ins schweissbedeckte, bärtige Gesicht geschrieben ist. Wenn er musiziert, ist von dem Druck, den die Vorschusslorbeeren aufgebaut haben, nicht viel zu merken. «Im Moment passiert alles einfach. Ich spiele jeden Abend und gebe mein Bestes», sagt er, darauf angesprochen. «Die Nervosität kommt dann aber wahrscheinlich, wenns dann um das zweite Album geht.» Dafür habe er «on the road» schon ein paar Songs geschrieben.

Ausbezahlt hat sich der grosse Hype bislang übrigens nur bedingt: In Grossbritannien stieg sein Album auf Platz 4 der Charts ein, hierzulande wurden allerdings lediglich etwa 3000 Einheiten abgesetzt.

Tagträume vom grossen Jimi

«Home Again», dieses ruhige, schöne Debüt, hat einen Stimmungsrahmen. Es kommt einem vor wie eine Ansammlung von Tagträumen. Von hellen, sanften Gedankenexkursionen. «Treffend» findet Kiwanuka diese Beschreibung. Wie aber würde sein aktueller Tagtraum aussehen? «Ich träume vom Gitarrenspielen. Ich will spielen können wie Jimi Hendrix. In meinen Tagträumen gehe ich auf die Bühne und spiele wie er.» Und, dann sagt ers noch mal: Das nächste Album nage bereits an ihm. Auch davon hat er Tagträume.

Michael Kiwanuka hat am Donnerstag mit seiner Musik und vor allem mit seiner Stimme zwar bewiesen, dass er dieses gewisse Knistern erzeugen kann. Aber längst nicht alle seine Songs bleiben einem so gut im Gedächtnis wie «Tell Me a Tale». Vieles schwingt nur im Moment. Das Potenzial jedoch ist da – auch für ein nächstes, grosses, grösseres Album. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.04.2012, 15:25 Uhr

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