Kultur

Hunger nach mehr

Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 12.04.2010

Da steht Sophie Hunger mit ihrer Zedernholzgitarre, mit ihrer Wehmut im Gesicht und mit diesem sagenhaften Eröffnungslied, das sie in den Raum ruft.

Es stammt von Walter Lietha; ein Bündner Chanson über die Fahrenden, ohne Strophe, Refrain und beständigen Rhythmus – ein perlender Schwall aus Melodie und Poesie. Es wird still im Dachstock der Reitschule, das Holz knarrt, und Sophie Hunger betört. Wenn sie in urigstem Bündnerdeutsch die Zeile singt: «. . . und au i will endlos fahre und eu Wunder offebara», ist das eine Verheissung, die sich im Moment des Vortrags erfüllt.

Alles wie immer also, als sich Sophie Hunger, der blendendste Schweizer Musikexport der Gegenwart, im seit geraumer Zeit ausverkauften Berner Tempel der Alternativkultur präsentiert. Es ist ein gesetzteres Publikum aus der Generation der Noch-CD-Käufer, das der Sängerin, die erstmals ihr Album «1983» live vorstellt, mit viel Vorschusswohlwollen begegnet. Ein Wohlwollen, das sie und ihre Band, in welcher sich der Berner Schlagzeuger Julian Sartorius immer mehr zum musikalischen Dreh- und Angelpunkt entwickelt, sich mit jeder Minute ihres Auftritts verdienen.

Wenn es Abstriche geben sollte, dann gründen diese in der veränderten Wahrnehmung der Frau Hunger. Vom Wunderkind werden Wunder erwartet – es herrscht permanenter Magie-Zwang. So schlenkert das Programm launenhaft: magisch und wunderbar von deutschem Befindlichkeits-Pop zur lautmalerischen Ballade, vom bestickenden Chanson zum lauten Indierock. Und wer behauptete, Sophie Hunger liege gerade letztere Fachrichtung nicht, sieht sich nach dem Berner Konzert bekehrt. Was indes trotz der Mannigfaltigkeit ihrer Musik nur gelegentlich aufkommt, ist diese mulmige Unberechenbarkeit, die einst in ihren Liedern knirschte – diese Idee, dass jederzeit alles schiefgehen könnte, diese destruktive Energie, mit welcher sie die Schönheit ihrer Songs zeitweise zu sabotieren vermochte. Dies alles ist einer musikalischen Geschlossenheit gewichen, die den aufbrausenderen Liedern durchaus gut ansteht und immer noch fern von der Routine ist, die bei Bands mit ähnlich dichtem Tourneeplan aufzukommen droht. Umwerfend ist Sophie Hunger noch immer, auch wenn der Tunichtgut im Wunderkind gerade ein bisschen ruhiggestellt worden ist.

(Der Bund)

Erstellt: 12.04.2010, 09:41 Uhr

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