Kultur
Hohe Wellen am Genfersee
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 13.04.2012
Hört man sich am Genfersee um, wo das hübscheste Musikfest des Jahres gefeiert wird, dann rangiert bei vielen längst nicht mehr Montreux an erster Stelle, es ist das Jazzfestival von Cully, das momentan in der Gunst vieler Konzertgänger die Spitzenposition einnimmt: Keine Kamerakräne, die irritierend vor der Bühne herumwedeln, keine aufdringlichen Sponsoren, die einem überall den Kopf zu verdrehen trachten; das Städtchen zwischen Vevey und Lausanne wartet in erster Linie mit prima Musik auf.
Neben dem kostenpflichtigen Programm im Chapiteau und im Club Next Step werden jedes Jahr zahlreiche Bars und Weinkeller zu schmucken, aber oft auch überbevölkerten Konzert- oder Partylokalen umfunktioniert – es ist, als stehe das ganze Städtchen im Dienste des Jazz und Jazzverwandten.
Klapprige Elektronik
Eher aus Jazzverwandtem setzt sich denn auch der heutige Eröffnungsabend zusammen, mit dem hochbegabten Detroiter Soul-Bruder Amp Fiddler und dem Afrobeat-Miterfinder Tony Allen. Der Nigerianer wird sein neuestes Projekt «From Detroit to Lagos» vorstellen, für welches er vom Rapper Ty, vom Saxofonisten Pee Wee Ellis und vom Zeremonienmeister des Abends – Amp Fiddler – flankiert wird.
Auch wenn einige Konzerte des Festivals bereits ausverkauft sind (Monty Alexander, Piers Faccini, Melingo, Bobby Mc Ferrin, Mamani Keita), gibt es am Genfersee in den verschiedenen Spielstätten noch immer genug Musik zu entdecken.
Da ist zum Beispiel Lucas Santtana, der zu den verheissungsvollsten brasilianischen Musikexporten der Stunde gezählt wird. Er vermengt brasilianisches Singer/Songwritertum mit psychedelischer Bossa Nova und schreckt auch vor dem Einsatz klappriger Alltagselektronik oder hipper Mash-up-Techniken nicht zurück. Lucas Santtana dürfte am Genfersee hohe Wellen schlagen.
Starkstrom-Jazz
Zu den angenehmsten Vertreterinnen der Untersparte «Schöner-Wohnen-Jazz» gehört die franko-amerikanische Sängerin Madeleine Peyroux, eine Stimme, die nie mehr vergisst, wer sie einmal gehört hat – ihre Interpretation des Leonard-Cohen-Schmachtfetzens «Half the Perfect World» gehört auf jede gut sortierte Musikfestplatte.
Ebenfalls zu den Schönheiten des Festivals darf der Auftritt der Pianistin und Jazz-Reformerin Carla Bley gezählt werden. Sie reist mit dem Saxofonisten Andy Sheppard und dem Bassisten Steve Swallow nach Cully. Und wen es nach einem Jazz-Abenteuer im Starkstrom-Bereich gelüstet, der wird am Konzert des Saxofonisten Guillaume Perret froh werden. Der Pariser veröffentlicht seine wilden Klangspinnereien auf dem John-Zorn-Label Tzadik, seine Musik changiert raffiniert zwischen Spannung und purer Ekstase.
(Der Bund)
Erstellt: 13.04.2012, 14:00 Uhr
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