Heidis Erlösung
Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 15.03.2011 1 Kommentar
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Diese Geschichte könnte von Tom Waits stammen: Netter Bub, schönes Mädchen, junge Liebe, böser Vater – am Ende treibt eine Leiche im Hafenbecken. Aber die Erzählerin heisst Heidi Happy, und sie beugt sich in «Down at the Port» nicht raunend über das tote Glück, wie es der Meister des düsteren Liedguts zu tun beliebt. Heidi Happy selbst ist es, die gemordet wurde. Nun sitzt die Luzerner Sängerin auf einer Wolke, lässt die Beine baumeln und fasst ihre Tragödie in gut gelauntes, beinahe überschwängliches Dur. Da wird vergnügt gesummt und geklatscht, ausgelassen geschunkelt und getanzt. Keine Trauer, kaum Melancholie – nur sehr viel helles Entzücken über die groteske Sinnlosigkeit des Seins. Vielleicht hat Heidi Happy recht und der Tod ist wirklich und in jedem Fall ein Happy End.
Befreiung von Erwartungen und Zwängen
Heidi Happy, eigentlich Priska Zemp, 30-jährig, aufgewachsen in Dagmersellen, lächelt. Die Frage lautete, mit welchen Hintergedanken sie ihr drittes Album in Angriff genommen hat. Die Antwort: «Ich wollte erfahren, welche Musik dabei herauskommt, wenn ich durchdrehe.»
Durchdrehen? «Hiding With the Wolves» zeigt, dass es ihr vor allem um eines ging: die Befreiung von jenen Erwartungen und Zwängen, die der Erfolg mit sich brachte. Charmant, gewitzt, klug und schön waren ihre zwei bisherigen CDs «Back Together» (2005) und «Flowers, Birds and Home» (2008). Heidi Happy kam in die Charts, wurde von den Illustrierten entdeckt, zum regelmässigen Gast der People-Sendungen des Schweizer Fernsehens – es hätte ewig so weitergehen können. Heute sagt Heidi Happy: «Die Leute haben eine Vorstellung von mir. Sie erwarten, dass ich dieses Bild bestätige. Aber das kotzt mich an.»
Wichtige Kulisse
Was also tun? Nur an Narren und Verrückte werden keine Erwartungen gestellt. Deshalb verlangt Heidi Happy nach einem solchen Stempel. Selbsteinweisung als Selbstverteidigung. «Hiding With the Wolves» ist ein Gospel auf die Erlösung.
Dazu passt, dass sie sich für dieses Werk ins Exil begeben hat. Im Winter 2010 zieht sich Heidi Happy für vier Monate in ein kleines Haus in Eschenz zurück. Ganz allein. Sie trifft keine Leute, geht nicht aus, schreibt keine E-Mails, sieht nicht fern. Anfangs spricht sie tagelang kein Wort. Später schon, aber nur mit sich selbst. Sie hat ihr Studio vor dem grossen Fenster im Wohnzimmer eingerichtet. Draussen ein alter Nussbaum, auf dem Krähen nisten, im Hintergrund der Untersee, alles begraben unter einer dicken Schneedecke. Abends schleichen Füchse durch den Garten, sitzen Eulen auf dem Balkon.
Die Kulisse ist wichtig. In dieser Winterlandschaft spielen die Lieder. Heidi Happy holt die Songs rein in die Wärme.
Er weg, sie da
Natürlich wird die Sängerin in der Eschenzer Einsamkeit nicht wirklich verrückt. Aber als die vier Monate vorüber sind, hat Heidi Happy 15 Kompositionen für Band und Orchester im Kasten. Manches klingt wie Filmmusik – gross das Ensemble, gewichtig die Motive, dramatisch die Arrangements. Anderes ist in der linkisch-zupackenden Art des Spaghetti-Westerns abgefasst. Wieder anderes sorgsam und federleicht hingetupft.
Zum Beispiel «All I Remember», eine Folk-Miniatur, kaum mehr als eine neckische Skizze. Der Bass zieht sanfte Schlaufen, das Schlafzeug atmet leise, das Piano grundiert, nur die Gitarre singt ein bisschen vorlaut. Der Song dreht sich um eine unglücklich verlaufene Liebesgeschichte. Jetzt ist er weg und sie immer noch da. Die alte Heidi Happy hätte darüber wohl bittere Tränen vergossen. Die neue sieht darin einen guten Grund für einen kleinen, verstohlenen Jauchzer. Erlösung – auch hier.
Erwartungen unterlaufen
Freilich, diese Freiheiten waren nicht umsonst zu haben. «Hiding With the Wolves» ist mitunter widerspenstig, weil da keine dieser leicht zu dechiffrierenden Jungdamen-Attitüden über die Musik gespannt wurde. Das Album ist anspruchsvoll, weil Heidi Happy sich für Ernsthaftigkeit entscheidet, wo andere Musiker süffige Abgerissenheit wählen. Und es ist kühn, weil Heidi Happy bisweilen einen grossen Bogen um die bewährten Muster der Popmusik schlägt. Die ausufernden Intros, die schleichenden Instrumentals, die sehr eigenwillig eingesetzte Dynamik – vielleicht ist hier allzu vieles darauf angelegt, Erwartungen zu unterlaufen.
Dass es Heidi Happy dennoch gelingt, so vielfältige Stücke zu einem so schlüssigen Album zusammenzufügen, das ist die eigentliche Sensation von «Hiding With the Wolves». Geholfen hat dabei sicherlich das 30-köpfige Orchester Camerata Musica, das ihre Band begleitet und für ein homogenes Klangbild sorgt. Mit Andrew Scheps (u. a. Johnny Cash und Manu Chao) hat ausserdem ein ebenso gründlicher wie geschickter Tontechniker Pate gestanden. Über allem stehen jedoch Heidi Happys unheimlich raffinierte Arrangements. Wie hier die Klangfarben tanzen, wie Band und Orchester ineinandergreifen, wie hier die ganz grosse Musik und die ganz grosse Stille harmonieren – das ist schlicht atemberaubend. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.03.2011, 08:13 Uhr
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