Kultur

«Heeey Anliker!»

Von Christoph Lenz, Benedikt Sartorius. Aktualisiert am 17.09.2011 1 Kommentar

Seit 25 Jahren ist Bädu Anliker Chef des Thuner Kulturlokals Mokka. Ein Gespräch über seinen Kampf mit den Behörden und warum er die Kassette von Nirvana damals aus dem Fenster warf.

1/9 «Huereschööngsi»: Am Einweihungsabend des Mokka fehlte Bädu Anliker. Er war nach Montreux gefahren, alleine. Fürs Aufräumen war er wieder zurück.
Bild: Adrian Moser

   

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25 Jahre Mokka

Der Konzertreigen zum 25-jährigen Bestehen des Café Mokka beginnt heute mit Element of Crime, den Erfindern des Indie-Schlagers.

Für morgen Samstag, 17. September sind die Thuner Lokalhelden Undiscovered Soul und Red Shoes mit Rock affchiert. Die Konzerte finden im Bärensaal Thun statt,
Beginn jeweils 20.30 Uhr.

Herr Anliker, nach 25 Jahren im Mokka: Welcher Song bringt Ihre Gemütslage auf den Punkt?
Was? Ein Song? Ouuuh! (Lange Pause.) Diesen Song gibts nicht.

Wie wärs mit «A Hard Day’s Night» von den Beatles?
Nein, für die Beatles hatte ich nie was übrig. Led Zeppelin, das war mein Ding. Später auch Folk. Und Pink Floyd – Drogen und so.

25 Jahre sind eine lange Zeit.
Stimmt. Ich hätte vor 25 Jahren ja auch nie gedacht . . . Was heisst hier gedacht? Ich habe überhaupt nichts gedacht, ich habe einfach mal angefangen.

Was hält Sie hier?
Das Mokka ist mein halbes Leben. Ich bin jetzt 53. Frag mal den Lauener von Züri West, wann er aufhört. Da sagt der doch: Gopf, was soll ich denn nachher machen?

Es gibt viele Jobs in der Kulturbranche.
Okay. Mal angenommen, ich schliesse ab mit dem Mokka. Was käme als Nächstes? Bei Appalooza irgendein Produktionsjöbli? Irgendwie VIP-Betreuung planen? Das ist doch . . . Und dann noch irgendeine Sandra als Assistentin und so? Neeeii! That’s not my life! Ich würde ja sowieso keinen anderen Job in diesem Bereich kriegen. Die Dampfzentrale hat gerade eine Stelle ausgeschrieben für Neue Musik. Dann musst du Caspar Brötzmann Massaker machen, und dem habe ich schon vor fünfzehn Jahren den Stecker rausgezogen. Der hat mit etwa 130 Dezibel gespielt. Das war so ein arroganter Arsch damals.

Sie könnten auch zurück auf den Bau. Sie haben sogar Erfahrung als Bademeister.
Zurück auf den Bau: Migottstüüri, ich liebe ja dieses Handwerk nach wie vor. Maurer, das hat Bestand. Aber so ist es auch mit dem Mokka. Wenn du manchmal nicht mehr über den Berg siehst, den Blues hast, dann musst du nur daran denken, wie viele Leute du hier schon glücklich gemacht hast. Und wie viele du künftig noch glücklich machen kannst. Das vergisst man manchmal.

Sie beklagen sich ziemlich oft und gerne.
Stimmt. Der Druck ist auch enorm, das war er schon immer. Aber irgendwie hatten wir früher schon mehr Raum.

Wie meinen Sie das?
Manchmal stosse ich beim Aufräumen auf alte Programme. Mai 99: Da hatten wir sechzehn Shows. Sechzehn! Das haben wir einfach gemacht. Und nebenbei voll gekifft und gesoffen, und daneben fanden wir sogar noch die Zeit, Frauen flachzulegen und alles. Ich weiss heute auch nicht mehr, wie wir das genau hingekriegt haben. Es liegt ja sowieso so vieles im Dunkeln. Deshalb kann man ja auch so schöne Räubergeschichten erzählen.

Sind diese Erinnerungen Ihr Antrieb?
Nein, diese Momente gibt es noch heute. Da passieren immer noch Sachen, die du nie für möglich gehalten hättest.

Beispiel.
Da ist ein Konzert, geile Band auf der Bühne. Und im Publikum steht so eine Frau, gelangweilt, spielt mit ihrem Handy. Plötzlich greift sie in ihre Handtasche, dann knüpft sie ihre Haare auf, die ihr bis unter den Arsch fallen. Und dann beginnt sie, ihre Haare auszubürsten. Und du stehst so am Mischpult und überlegst so: Wo tut sie jetzt diese Haare hin? Und sie bürstet einfach weiter, und du denkst: Hey, das gibts nicht, das kann nicht sein!

Diese Momente bewegen Sie dazu, weiterzumachen?
Irgendwie ja.

Sie schätzen die Konfrontation mit der Realität, die Freakshow?
Ich glaube schon. Die Leute erleben hier ihre wilden Jahre. Später, wenn sie schon längst SVP wählen und irgendeinen Big-American-Grill im Garten stehen haben, fährt eines Tages der Anliker auf dem Velo vorbei, und sie rufen «Heeey Anliker!», während sie in irgendeiner doofen Hollywoodschaukel sitzen. Dann geht der Anliker hin und sagt Grüezi, und dann plappert der andere irgendwas von den alten Zeiten. Dafür sind wir da. Wer ins Mokka kommt, kann an die Stätte seiner Jugend zurückkehren.

Ist das Mokka eine Trutzburg?
Das ist sicher so. Eine Trutzburg! Und eine Insel. Aber das letzte Jahr war trotzdem schwierig.

Was war das Problem?
Der Gewaltfall im Februar. Wenn du eine Disco voll Blut hast und die Presse am Hals, ist das nicht gut fürs Geschäft. Das Business hat sich sowieso verändert. Die Leute kommen später, trinken schon vorher. Die richtig fetten Jahre waren Ende der Neunziger.

Aber auch da haben Veranstalter und Wirte gejammert.
Ja, logisch, Kleingewerbler.

Zählen Sie sich da dazu?
Ja, ja.

Was ist denn heute so viel schwieriger als in den Neunzigern?
Es ging um weniger Geld: Die Gagen waren tiefer, viele haben gratis gearbeitet.

Die freiwillige Arbeit gibts heute nicht mehr?
Nein, hier ist jede Arbeit bezahlt.

Weshalb?
Das kam mit der Professionalität. Wenn die Leute gratis arbeiten, wollen sie trinken und feiern. Nur: Wir haben schon 1994 festgelegt, dass unser gesamtes Personal absolut nüchtern sein muss. Da waren wir Vorreiter.

Kein Schluck?
Kein Schluck. Und auch keine Joints.

Warum?
Wir gewähren dem Publikum viele Freiheiten. Hier drin hast du an einem Abend 200 bis 300 Leute, und jeder ist in seinem eigenen Film. Da kann immer etwas passieren. Wir haben keine Security, also müssen die Leute, die hier arbeiten, parat sein. Ich bin auch immer nüchtern. Das war früher, als wir den Jack Daniel’s schon nachmittags um vier getroffen haben.

Früher war das möglich?
Ja, logisch. Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll. Auch die Bands sind heute weniger betäubt als früher.

Ist das gut?
Ich weiss nicht, das ist der Zeitgeist.

Erklären Sie uns mal diesen Zeitgeist.
Alles ist leistungsorientiert. Die Jugend ist wahnsinnig unter Druck. In der Schule, im Freundeskreis. Sie haben grosse Angst, alleine zu sein. Und der Mensch ist weitgehend nicht mehr dort, wo er ist.

Sondern?
Irgendwo. Mit einem Kommunikationstool beschäftigt oder so.

Erkennen Sie das auch bei Ihrem Publikum?
Klar. Mein Platz ist ja beim Mischpult. Da kann man gut Leute beobachten.

Sie waren erst gerade der Jugend entwachsen, als Sie das Mokka gründeten.
Ich bin nicht der, der das Mokka machen wollte. Es waren die anderen, die sagten: «Juhuu, mir machen ä Rock-Clupp. Sächs Tag ir Wuche Show.» Das Mokka war damals ein Jugendhaus, abgefuckt wie nur irgendwas. Die anderen wollten es sanieren mit ein paar Kübeln Farbe. Da habe ich gesagt: Als Profihandwerker würde ich euch gerne ein Konzept machen für einen richtigen Umbau. Ich habe Vorschläge gemacht und den Job dann gleich selbst erledigt. Zweieinhalb Monate hat es gedauert.

Wie war die Eröffnung?
Ich war gar nicht da. Am Freitag sollte Reeto von Gunten, der heute bei DRS 3 ist, mit seiner Art-Rock-Band auftreten. Als Erstes hat von Gunten hinter der Bühne ein grosses Tuch aufgehängt, das jahrelang in einem feuchten Keller gelegen hatte. So stank es schon vor der Einweihung im ganzen Club wie in diesem Loch. Unser frisch renovierter Laden! Da wusste ich, dass ich verschwinden muss. Ich ging nach Montreux. Joe Jackson, die Big-World-Tour. Huere schöön gsi.

Was hält Sie eigentlich in Thun?
Ich bin von hier. Und Bern ist ein verdammtes Dorf.

Schlimmer als Thun?
Viel schlimmer. Erstens hocken alle ihr Leben lang in ihrer Szeneecke. Zweitens ist den Thunern im Gegensatz zu den Bernern bewusst, dass sie Provinz sind. Das hält mich aber nicht davon ab, im Mokka das Programm einer Grossstadt zu machen. Ich habe auch schon ein Nirvana-Tape aus dem Fenster geschmissen. Das war, als der Grunge gerade aufkam. Ein Agent bot uns diese Band an. Aber diese Kassette fand ich so beschissen, und dann stand auch gerade das Fenster offen, da dachte ich: Was solls. Auch mit den Fugees hatten wir einen Vertrag. Und dann waren sie plötzlich Nummer eins in den USA. Tja, so läufts, dieses Business.

Ist das Ihre Grossstadtvision?
Ja. Aber das Lustige ist ja: Auch wenn Nirvana gekommen wären, niemand hätte es gemerkt. Ich meine: Ween sind gross, die waren hier und spielten unendlich stoned vor fünf Leuten. Wir hatten Townes Van Zandt, kurz bevor er starb, und Maureen Tucker. Der letzte Überlebende der UK Subs hat mir im Treppenhaus in einen Blumentrog gepisst. Und dann gibt es noch all die Storys, bei denen Ihr das Aufnahmegerät abstellen müsstet.

Schon mal eine Band rausgeschmissen?
Ja. Sogar Bands nicht reingelassen. Da war mal eine tschechische Elektro-Punk-Band. Die hatten einen englischen Fahrer, der die Band zum Hotel brachte, aber schon wenige Minuten später wieder vor mir stand und sagte, dieses Hotel akzeptiere er nicht. Dieser Typ sah aus wie der grösste Penner, stank, hatte keinen einzigen Zahn im Maul und Mundgeruch bis nach Interlaken. «Was sagst du da?», fragte ich und er so: «I don’t accept this hotel.» Ich: «Okay, Baby, ’schguet, ihr spielt heute Abend nicht, und das Hotel könnt ihr ja nicht akzeptieren, also ist es wohl das Beste, wenn ihr gleich wieder verschwindet.» Dann knallte ich ihm die Gage auf den Beifahrersitz, 800 Stutz, und sagte: «Gang u chum nie me.» Aber klar, du hast schon Druckmittel. Als Wurzel 5 mal meine Garderobe auseinandernahmen, sagte ich ihnen: Jungs, wenn diese Garderobe nicht in zehn Minuten wieder picobello ist, mische ich euch heute so beschissen ab, dass euch in Thun nie mehr jemand sehen will. Da haben sie Besen und Schüfeli genommen, und alles blitzblank aufgeräumt, die Buben.

Sie hatten immer wieder Konflikte mit den Behörden.
Das braucht man.

Als Reibungswärme?
Nein, das war nötig, um diesen Club zu machen. Früher war ja alles verboten. Da musstest du es halt illegal machen, mit ein bisschen Schummeln. Das mache ich noch heute, sonst wärs ja langweilig.

Sind Sie ein Solitär?
Aufgewachsen bin ich in einer Grossfamilie mit fünf Geschwistern. Aber ich bin vielleicht schon nicht so ein Gruppenmensch, bin oft allein, manchmal auch einsam.

Muss man so sein, um so etwas wie das Mokka so lange durchzuziehen?
Letztendlich darfst du keine Partynudel sein. Und auch nicht der überschwängliche Menschenfreund. Sonst frisst es dich auf. Weisch, man muss Menschen schon gern haben, aber man kann nicht mit jedem so irgendwie.

Sie sind ein Dinosaurier in der Berner Szene. Jetzt ist auch Mühli-Pesche weg.
An seinem letzten Abend sagte Pesche zu mir: «Bädu, jetzt kannst du meinen Rekord knacken. Bleib noch zwölf Jahre, dann hast du ihn.»

Und, Herausforderung angenommen?
Ich weiss doch nicht. Du musst dein Leben nehmen, wies kommt. Grundsätzlich ist jeder Tag eine Einheit: an jedem Tag ein bisschen Liebe, an jedem Tag ein bisschen Hass, an jedem Tag ein bisschen Leiden, an jedem Tag ein bisschen Ferien. Die Bilanz ziehst du am Ende jedes Tages und dann noch eine am Ende des Lebens.

Es ist schwer vorstellbar, dass Sie irgendwann die Koffer packen.
Nein, wenn wieder so ein Jahr kommt wie das letzte, überlegt sich das der Anliker schon. Man kann nicht hier und da und überall alles wegsparen.

Dass es nicht mehr so gut läuft, könnte auch damit zusammenhängen, dass Ihr Programm nicht mehr den Interessen des Publikums entspricht.
Ich habe nicht das Gefühl, dass ich am Publikum vorbeiprogrammiere.

Sie sind Monopolist. Brauchten die Jungen nicht einen eigenen Club?
Die sollen doch einen Club aufmachen. Ich weiss einfach nicht, ob die Jungen noch genügend Arsch haben, das durchzuziehen.

Wie meinen Sie das?
So, wie ich es sage. Es ist ein harter Job. Ein paar Konzertli organisieren und jahrelang einen Club betreiben, das sind zwei unterschiedliche Dinge.

Das Problem ist: Ihre Position ist seit 25 Jahren besetzt. Und Sie sind nicht bereit, das Feld zu räumen.
Warum sollte ich das Mokka einem Jungen überlassen, der nach einem halben Jahr davonläuft? Es ist allemal cooler, wenn man das einem Knallfrosch wie mir überlässt. Und es kam noch nie jemand zu mir und fragte: Anliker, hast du mir deinen Club?

Können Sie sich vorstellen, dass jemand anderes ihren Job gleich gut hinkriegen würde?
Es brauchte einfach mehr Personal, einen Buchhalter, einen Grafiker, einen Booker. Mit diesen 3800 Franken, die ich hier verdiene, ist das nicht möglich.

Auf welche Frage warten Sie schon lange?
Anliker, warum machst du das eigentlich? Und ich würde antworten: weil ich es schon so lange mache und weil es eine Hassliebe ist und . . . ja . . .

Sie können nicht anders?
Irgendwie ja. Es ist interessant. Es ist auch dieses Unternehmer-Sein. An einem Festival machst du 200'000 Franken Umsatz. Das ist schon geil.

Sie sind schon ein kleiner König in Thun.Ja, schon. Aber das hat auch damit zu tun, dass ich jahrelang konsequent gelebt habe. Wenn ich eine Kolumne schreibe, dann rede ich darüber, was wirklich ist. Dass man heute weniger kifft als früher, solche Sachen. Die einfachen Leute mögen das. Ich bin ja auch nicht Duzis mit den Grossen, nur mit den Kleinen. Ich gehe an den Märit und rede mit den Leuten. Das ist mein Leben.

Was sind Sie eigentlich: Stadtoriginal, Individualist . . .
. . . Stadtromantiker! Ich bin ja wirklich noch immer der grosse Romantiker. Das Herz ist wichtig.

Was möchten Sie noch erreichen mit dem Mokka?
Ich möchte dieses Level halten können: schöne Konzerte in der Altjahrswoche, im nächsten Frühling wieder fünf Tage Regionalton-Woche.

Gibts noch eine Band, die Sie unbedingt buchen wollen?
Nein.

Sie haben ein unsentimentales Verhältnis zur Musik.
Ich mag Musik sehr, aber: Ich werde die Toten Hosen nie hier haben. Man wird unsentimental. Ist halt so. Normal. Was mir wichtig ist: Im Mokka isst jeder gut, und es isst jeder gleich gut. Egal wer, ob jung oder Weltstar, beim Catering gibt es einfach eine Klasse.

Ein Song, der Ihre Stimmung trifft, ist Ihnen bislang nicht eingefallen.
Nein, ich ticke nicht so. Ich weiss nichts von Musik. Im Moment höre ich Rosenstolz. Ein Song? Wenn ich Disco mache, spiele ich 130 Songs. Von 20 Uhr bis morgens um drei. Fuck! Aber ’sch geil. MC Anliker, der einzige nüchterne DJ!

Wenn Sie jetzt einen Song auflegen könnten?
Zum Anfangen: etwas von Bombino, aus dem Album Agadez. Zum Aufhören: «Nothing Else Matters» von Metallica.

Und das wäre kein guter Themensong für Ihre Beziehung zum Mokka.
Hmm. Doch. (Der Bund)

Erstellt: 16.09.2011, 08:57 Uhr

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1 Kommentar

Julian Blaser

19.09.2011, 07:32 Uhr
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Immer wieder! Danke Pädu, so schlächt machst du den Job gar nicht. Die Konzerte gefallen, auf jeden Fall mir! Das hat sich am Freitag mit Element of Crime wieder mal gezeigt. Hut ab! Antworten



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