Kultur

Grösser als Federer

Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 20.12.2011

Der Berner King Pepe ist ein begnadeter Aufschneider. Und Dichter. Und Songwriter.

«Oh Baby, Baby, ohni di ischs hie Supershit»: King Pepe geht in den Tierpark.Foto: zvg

«Oh Baby, Baby, ohni di ischs hie Supershit»: King Pepe geht in den Tierpark.Foto: zvg

«Büssi»

Plattentaufe

Turnhalle im Progr, 28. Januar, 22 Uhr.

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Das ist ja mal eine Ansage: grösser als Federer, schöner als Brad Pitt, besser als Elvis und doppelt so beliebt. So stellt sich King Pepe seinem Publikum vor. Die Rede ist vom jüngsten Parvenü des Mundartpops, der dieser Tage mit «Tierpark» sein zweites Album vorlegt. Und wenn es noch eines Beweises bedurfte, dann ist er hiermit erbracht: Bescheidenheit ist eine schöne Tugend, aber total aus der Mode und deshalb ganz und gar ungeeignet als Grundlage einer Pop-Karriere.

Songs mit Haltungsschäden

Die Öffentlichkeit verschenkt ihr Herz längst nur noch an Draufgänger und Aufschneider – an die Münchhausens, an die Mr. Ripleys, an die Allmens und wahrscheinlich auch an diesen King Pepe, hinter dem sich der Berner Musiker und Texter Simon Hari verbirgt. Ein Mann, der noch vor drei Jahren ein ganzes Album im Schlafzimmer eingespielt hat, unter einer Bettdecke kauernd. Zum einen wegen des Aussenlärms, der in seine Wohnung drang, zum anderen aufgrund seiner klammen Finanzlage, die dem Besuch eines Tonstudios im Wege war. Die Entstehungsumstände haben sich durchaus auf Simon Haris Musik übertragen: Herausgekommen sind schnucklige Songs mit leichten Haltungsschäden, eingerahmt von 8-Bit-Gameboy-Klonks und schmalbrüstigen Drum-Loops. Feinster Pop im Mini-Format.

Aber das war damals. Die Songs von «Tierpark» (Der gesunde Menschenversand) streben jetzt jedenfalls sehr selbstbewusst und schnurgerade dem Horizont entgegen. Etwa das mit schwülem Glockenspiel unterlegte «I ha ke Angscht meh». Oder «Gheimarmee», in welchem sich der kleine Mann am Mikrofon ganz grossen Rachefantasien hingibt. Und dann ist da natürlich noch die formidable Singleauskopplung «Büssi»: eine Mundartadaption des Klassikers «Leave My Kitten Alone» von Little Willie John, dessen sich auch die Beatles schon angenommen haben. Doch wer vom Berner Sänger nun ein huldvolles «Dankeschön» an die grossen Legenden erwartet, der irrt. So arschkalt und grossspurig, wie dieser Song interpretiert wird, kann es sich nur um ein «Weg da!» handeln. Ein meisterhafter Aufschneider, dieser King Pepe. Einerseits.

Und was kommt nach dem Tod?

Andererseits macht dieser King Pepe immer wieder einen, nun ja, ziemlich unausgeglichenen Eindruck. Stets schwankt er zwischen Grossmannssucht und Weltflucht, zwischen Prahlhans und Duckmäuser. Auf «I bi dä wo d Mönschheit immer scho het gsuecht» folgt bald die schwierige Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit: «Wär nimmt mini Gebei mit hei?» Eine berechtigte Frage, die wohl alle Ripleys und Allmens plagt. Und darüber hinaus eine wunderbar welthaltige Lakonik.

Diese unterscheidet King Pepe von den üblichen Verdächtigen im Berner Mundart-Genre. Vom hintersinnigen Matter, vom präzisen Lauener, vom aufgebrachten Anaconda und vom barocken Büne Huber: Auch das allergrösste Unglück fasst King Pepe in die beiläufigsten Sätze. Das ist bisweilen salopp und gelegentlich zu geschwätzig, führt den Berner Sänger aber auch regelmässig zu Formulierungen von entwaffnender Brillanz. «Oh Baby, Baby, ohni di ischs hie Supershit», singt er einmal. Was will man da noch anfügen?

Wie Morricone und Morrissey

Höchstens, dass King Pepe eine sehr kluge Entscheidung traf, als er Olifr M. Guz als Mitmusiker und Produzent engagierte. Der Häuptling der Zürcher Band Die Aeronauten hat hier einige Wunder vollbracht. «Tierpark» ist so etwas wie die Vermählung von Morricone und dem jungen Morrissey: der Schmiss des Punk, die Tiefe der Filmmusik, hinzu kommt allerlei klingender Elektroschrott und ein bisschen Lagerfeuerromantik. Ein wirklich aussergewöhnliches Album. So gut war Elvis nie. Zumindest nicht nach 1977. (Der Bund)

Erstellt: 27.01.2011, 08:31 Uhr

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