Kultur

Gerührt, geschüttelt und gestrichen

Von Tom Gsteiger. Aktualisiert am 18.02.2012

Die Jazzwerkstatt Bern ist auch im fünften Jahr dem Wundertüten-Prinzip verpflichtet: erste Impressionen.

Dem Wundertüten-Prinzip verpflichtet: Die Jazz-Werkstatt Bern. Im Bild das Ballbreaker Ensemble bei der Ausgabe 2009.

Dem Wundertüten-Prinzip verpflichtet: Die Jazz-Werkstatt Bern. Im Bild das Ballbreaker Ensemble bei der Ausgabe 2009.
Bild: Adrian Moser

Jazzwerkstatt

Die 5. Jazzwerkstatt Bern im Progr endet am Sonntag. www.jazzwerkstatt.ch

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Bei der Auseinandersetzung mit populären Hits lassen Jazzmusiker zumeist entweder jeglichen Humor vermissen (z. B. Brad Mehldau & Co.) oder dann setzen sie voll und ganz auf forcierte Verhunzung (z. B. die holländische Haha-Avantgarde). Dabei gäbe es ihn durchaus, den goldenen Mittelweg zwischen Ambition und Klamauk, wie das Ghost Town Trio unter Beweis stellt.

Der Gitarrist Urs Vögeli, der Bassist Claude Meier und der Schlagzeuger Lukas Mantel haben ihre frischen, frechen und überhaupt nicht frommen Schüttelbecher-Coverversionen von «Millionen-Musik» während eines mehrmonatigen Engagements in einem ehemaligen Puff an der Zürcher Langstrasse derart verinnerlicht, dass nun ihre Performance an der 5. Jazzwerkstatt Bern, die erneut im Progr Zuflucht gefunden hat, total cool und souverän daherkam – sogar wenn sie ein bisschen geräuschmässig «grümschelten», waren die drei Jungs ihrer Sache jederzeit sicher und fanden rechtzeitig, nämlich kurz bevor man nervös zu werden begann, auf den Pfad des Abrockens zurück.

Der grösste Aktivposten des Geisterstadt-Trios ist Vögeli, der über eine geradezu enzyklopädische Auswahl an Elektrogitarrensounds und -spielweisen verfügt und diese äusserst effektvoll einzusetzen versteht; die hymnische Folk-Seligkeit eines Bill Frisell ist ihm ebenso wenig fremd wie das Blues-Geschreddere eines James Blood Ulmer. Und Meier und Mantel grooven mit einem Mix aus Angriffigkeit und Nonchalance.

Skurrile Schönheit

Dass das Ghost Town Trio zu relativ später Stunde auftrat, als die Bar von immer mehr Small-Talk-süchtigen Nachtschwärmern heimgesucht wurde, war in diesem Fall ausnahmsweise kein Störfaktor, sondern geradezu ein passender atmosphärischer Tupfer.

Beim ersten Konzert des langen zweiten Abends der 5. Jazzwerkstatt war dagegen passagenweise sogar Geflüster ein Ablenkungsfaktor, derart leise und subtil bauten die Pianistin Vera Kappeler, die ihr Instrument regelmässig präparierte, und der Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor, der auch ungewöhnliche Geräuscherzeuger einsetzte, einige ihrer skurril-schönen musikalischen Minidramen und Momentaufnahmen auf.

Wie sich dieses zugleich nonkonforme und naive Duo einen Weg zwischen schrägen, scheppernden und klappernden Tinteltangel-Klängen und dunkel-grüblerischer Introspektion bahnte, war wirklich beeindruckend und löste eine assoziative Achterbahnfahrt aus, zu deren Beschreibung hier die Stichworte Buster-Keaton-Slapstick, Zirkus, «Chilbi» und Halloween-Horror genügen mögen. Was für ein berührender und gleichzeitig verstörender Mix aus Herzlichkeit und Abgründigkeit: So etwas hat man in dieser schlafwandlerisch-sicheren Art zuvor noch nie zu hören bekommen!

Zwischen dem somnambul-exzentrischen Duo und dem schräg schunkelnden Trio fand die Welturaufführung von «Morph in Music» statt: ein polystilistisches Werk des Saxofonisten Matthias Wenger für ein 10-köpfiges Ensemble, das aus einem Streichquartett, drei Bläsern plus Rhythmusgruppe besteht. Als mögliche Inspirationsquelle für diese abwechslungsreiche und mehrheitlich wohlklingende Mischung aus romantischer Emphase, kapriziösen Einsprengseln und Groove-Extravaganz kam einem als Erstes der mit allen Wassern gewaschene Musikmixer Vince Mendoza in den Sinn.

(Der Bund)

Erstellt: 18.02.2012, 11:34 Uhr

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