Funky Claude

Claude Nobs versammelte Musiker aus aller Welt, die ihn als Freund empfanden.

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So, wie er lebte, wollte er sterben. Das wurde ihm bewusst, als ihn vor sieben Jahren ein Herzinfarkt ereilte. «Als mich der Krankenwagen in die Stadt fuhr, dachte ich, es sei vorbei», sagte er einem mit der so typischen Offenheit. Und wünschte sich einen raschen Abgang: «Ich möchte schnell gehen und mittendrin. Im Rollstuhl zu verenden, passt nicht zu mir.»

Sein Wunsch erfüllte sich zur Hälfte. Claude Nobs ging schnell, nämlich auf einer Langlauftour in den Waadtländer Bergen, die er liebte und in denen er wohnte, hoch über dem Léman mit Blick auf Himmel, Erde und Wasser. Bei einem Sturz verletzte er sich so schwer, dass er im Lausanner Spital CHUV operiert werden musste. Aus der Narkose ist der 76-Jährige nicht mehr erwacht. Und ist am Donnerstag, nach mehrwöchigem Koma, im Spital und im Beisein von Angehörigen und Freunden verstorben. Es wird sie trösten, dass er die letzten Tage nicht mehr wahrgenommen hat.

Alles, bloss keine Stille!

Claude Nobs hatte eine Menge Freunde, so viele man haben kann in diesem Musikgeschäft, in dem es hinter der Bühne rücksichtslos hergeht und wo Rendite, Buchhaltung und die Eitelkeiten der Künstler so hässlich mit der Musik kontrastieren, die vor dem Publikum aufgeführt wird. «Ich mache das Spiel mit, aber ich hasse es», hatte er im letzten Gespräch bekannt. Die Begegnung verlief typisch für diesen angetriebenen Menschen, der keine Stille ertrug, das Alleinsein hasste und dem es am wohlsten war, wenn seine Chalets voller Gäste waren. Wenn aus jeder Jukebox Musik quoll und die Bildschirme im Takt flackerten, die er überall aufgestellt hatte, zwischen Musikinstrumenten, Bildern, Lampen, Modelleisenbahnen und Postern, als dürfe keine Ecke frei bleiben, kein Zimmer ungenutzt: Fülle als Schutz vor der Leere.

Es war nicht schwer, ihn zum Reden zu bringen. Claude Nobs redete für sein Leben gern, auf Französisch, Englisch und mit seinem charmanten Schweizerdeutsch oder alles zusammen. Die Schwierigkeit bestand darin, seine atemlos vorgestossene Rhetorik zu durchdringen, dem Strom der Erinnerungen und Anekdoten zu widerstehen, die er detailreich zu erzählen wusste.

Seine zahllosen Begegnungen mit Miles Davis zum Beispiel, dem Claude Nobs, wie so vielen anderen Musikern, jeden Wunsch erfüllte. Wenn der Schwierige einen gelben Ferrari am Flughafen Cointrin wünschte, dann telefonierte sein Veranstalter so lange herum, bis das Gefährt bereitstand. Wenn Nina Simone sich wieder unmöglich benahm, was bei ihr häufig der Fall war, dann diplomatisierte Nobs so lange auf sie ein, bis sie zufrieden war oder wenigstens den vereinbarten Auftritt absolvierte.

Fische für Chuck Berry

Wenn David Bowie zu Gast war, wurde er vom gelernten Koch kulinarisch versorgt. Als die Rolling Stones ihr letztes Schweizer Konzert abhielten, kehrten sie vorher in Claudes Chalet ein und liessen sich von ihm frühe Auftritte ihrer Vorbilder zeigen. Als Chuck Berry in Montreux spielte, ihr grösstes Vorbild und als misstrauischer, penibler Charakter bekannt, hielt Nobs ein Fischerboot für ihn parat, weil er um diese Vorliebe wusste. Und legte sicherheitshalber ein paar Fische dazu, die der Musiker dann als Fang präsentieren durfte. Die Nähe zu den Künstlern entstand aus der nötigen Distanz. Gerade weil Nobs den Musikern mit Respekt, aber ohne Unterwürfigkeit begegnete, fühlten sie sich wohl mit ihm.

Nobs hiess er offiziell. Für alle, die ihn kannten oder an seinem Festival auftraten, war er mit seinem Vornamen eins und mit jedem per Du. Wie treffend, dass der globalisierte Waadtländer, als einziger Musikveranstalter der Welt, in einem Song und in vielen Hitparaden einen Auftritt hat, mit einem Adjektiv als Auszeichnung versehen. «Funky Claude» nannte ihn die englische Hardrockgruppe Deep Purple, die mit ihrem Stück «Smoke on the Water» den Brand beschrieb, der 1971 das damalige Casino zerstörte. Nobs hatte geholfen, die verstörten Zuschauer ins Freie zu bringen.

Funky Claude, so sah er sich selber: Als von den Synkopen der afroamerikanischen Musik Rhythmisierter, als Ermöglicher und Zusammenbringer, als Katalysator der Stile, als Obermixer der nächtelangen Jamsessions, bei denen er nicht genug Musiker auf eine Bühne laden konnte. Nobs kam vom Jazz, dessen Virtuosen er nach Montreux holte, wo viele von ihnen brillierten, von Count Basie bis Keith Jarrett, Sun Ra oder Sonny Rollins. Aber er interessierte sich für alle Stile und hörte ohne Dünkel, brachte schon Anfang der Siebziger Gruppen wie Pink Floyd, Led Zeppelin oder Black Sabbath nach Montreux, öffnete das Festival für die brasilianische und afrikanische Musik. Es gab keine Bewegung, keinen Trend, keine neue Musikkultur, die nicht auf seinen Bühnen zur Aufführung gelangte.

«La salade Nobs» nannte der Masslose dieses wilde Ramassieren und hatte keine Bedenken, seine Konzertabende mit Solisten und Gruppen zu bestücken, die absolut nicht zusammenpassten. Dass sein Festival immer mehr zu einem übersponserten und überteuerten Allerweltsanlass verkam, dass er von seinen angelsächsischen Geschäftspartnern auch mit verbrauchten Musikern bedient wurde, störte ihn zu wenig. Hauptsache, die Auftritte wurden von den jeweils neuen Aufnahmetechnologien abgetastet, von kreisenden Kameras belauert, um dann in seiner einzigartigen Sammlung eingesargt zu werden: das Konzert im Zeitalter seiner Konservierung.

Mal jubelnd, mal zürnend

In den fast 50 Jahren seines Festivals erlebte er die Musik nicht im Saal, sondern am Bildschirm. Er müsse den Überblick haben, sagte er, der inkarnierte Gastgeber: «Für mich ist ein Konzert dann ein Erfolg, wenn Musiker und Publikum glücklich sind.»

Weder Technik, Sponsoren noch der ganze Aufregungskirmes können die weltweite Achtung erklären, die Nobs und sein Festival genossen. Sie liegt in der Zuneigung, die Nobs den Musikern entgegenbrachte. Und weil er sie so gerne hatte, lud er sie eins ums andere Mal wieder ein. Was dazu führte, dass der Anlass zu einem Nostalgietreffen der immer gleichen, ihre eigene Vergangenheit bespielenden Aktivdienstler verkam. Zwar heuerte Nobs regelmässig junge Veranstalter an, die in der Miles Davis Hall neue, aufregende Musik zur Aufführung brachten. Weil er aber allen dreinredete und die dauernde Kontrolle behalten wollte, überwarf er sich mit ihnen und verlor sie wieder.

Dennoch versöhnten sich die meisten wieder mit ihm. Das ist nicht selbstverständlich. Die Mitarbeiter an seinem Festival, viele von ihnen loyal weit über die korrekte Arbeitszeit hinaus im Einsatz, hatten unter den Launen und Wutausbrüchen zu leiden, die er, der Aufsteiger und Selbstvermarkter, ihnen zumutete. Nobs verlangte alles zu jeder Zeit, kanzelte seine Leute in der Öffentlichkeit ab und schaffte es bis zuletzt nicht, einen Nachfolger aufzubauen. Obwohl er die operative Festivalleitung 2010 wegen Rückenproblemen abgeben musste, behielt er die strategische Leitung. Wie das Festival ohne seine weltweit vernetzten persönlichen Kontakte, seine Präsenz auf und vor allem hinter der Bühne weiterbestehen wird, muss sich weisen.

Jenseits von Lärm und Festerei, von Musik und Showgeschäft bleibt die Erinnerung an einen unermüdlich begeisterten Menschen, der sich redend, gestikulierend, jubelnd und zürnend über die Stille hinweghalf, die er als Synonym für Einsamkeit wahrnahm und nicht ertrug. Funky Claude lebte sein ganzes Leben für ein Adjektiv.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.01.2013, 14:14 Uhr)

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