Schweben im binären System
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 27.12.2011
Wenn Andreas Ryser über seine Band Filewile Auskunft gibt, dann duellieren sich in seiner Stimme Überschwang und leise Panik. Die Tatsache, dass er derzeit viel über Filewile sprechen muss, rührt daher, dass die Veröffentlichung einer neuen CD ansteht, und die Journalisten, die man damit bemustert hat, dem Berner schier die Büromauern einrennen. In England und Deutschland hat man emsige Promotionsagenturen zur Popularitätsmehrung angeheuert, die Liste der Interviewanfragen ist lang, der deutsche Radiosender FM4 spielt Filewile bereits auf erhöhter Rotation, das Schweizer Fernsehen hat angeklopft, und im November startet man auf eine Tour durch Afrika.
Die leise Panik in der Stimme von Andreas Ryser fusst in der Angst, diesem ganzen Massnahmenkatalog als Musiker, Einmannlabel, Booker und Manager zeitlich kaum mehr gewachsen zu sein: «Im Moment bin ich von den Reaktionen etwas überrumpelt, Filewile ist zum 100-Prozent-Job geworden», sagt er, während seine Bandkomplizen versonnen auf die Tischplatte starren, als würden sich vor ihren geistigen Augen ihre geheimen Filewile-Erfolgsphantasien abspielen.
Verdrehte Tanzbeine
Dabei soll nun aber keinesfalls der Eindruck entstehen, es handle sich beim neuen Filewile-Tonwerk «Blueskywell» um ein ausgewachsenes Hit-Album. Dass dem nicht so ist, dafür sorgt bereits der Opener «Sombrero Or Die», ein holprig getaktetes musikalisches Etwas mit nachlässig handgespielter Orgel, einer mundgepfiffenen Melodie und allerhand Echospielereien – die Eröffnung einer Band, die gewillt ist, ihre musikalische Unfassbarkeit zu untermauern. Es finden sich einige solcher – im Grunde genommen unmöglicher – Tracks auf der neuen Filewile-Einspielung. «Kick The Spacedrum» ist eine Art swingender Rock’n’Roll mit digitalisierten Orgel-Trompeten, «Radiotower» ist ein munteres Zirp-Elektro-Lied mit quasi-japanischem Gesang, es gibt Diashow-Vertonungsmusik, oder es gibt dadaistisch anmutende Bastelarbeiten ohne erkennbaren Song-Fokus. Und es gibt aber eben doch auch einen regelrechten Hit auf diesem wunderbar-extraordinären Werk. Er heisst «Number One Kid» und verdreht einem mit seinem technoiden Ragga-Appeal den Kopf und die Tanzbeinchen, ohne dabei übermässig schönzutun. Doch auch diese Nummer ist keineswegs auf dem Pop-Reisbrett entstanden. Die staunenswerte Zürcher Sängerin Joy Frempong hatte den Bernern einen Gesangs-Jam übermittelt, aus welchem Andreas Ryser und Daniel Jakob dieses schicke Popjuwel gebosselt haben. Die Dame mit ghanaischen Genen, die sich schon auf so manchem musikalischen Abenteuerspielplatz zwischen Experimental-Jazz und vertonter Poetry ausgetobt hat, ist von der regelmässigen Mitarbeiterin zum festen Bandmitglied arriviert und ist eine der Hauptattraktionen dieses Albums. Sie klingt mal wie eine bewusstseinserweiterte Grace Jones, mal schmachtet sie wie eine sehr entspannte Disco-Hippe, um im nächsten Moment in aller Uneitelkeit unbeschwert drauflos zu improvisieren.
Gescheiterte Idee
Tanzbar ist diese Musik von Filewile nur noch sporadisch und bloss für Menschen mit besonders elastischen Gelenken. Die Beats wanken schwammig durch den Viervierteltakt, da gibt es nichts, was mit dem binären System in Einklang zu bringen wäre. Chefprogrammierer Daniel Jakob hat hier ein autarkes, absolut wunderlich groovendes, bizarr-verspieltes Klang-Design erschaffen, ein Segen in einem Umfeld, in welchem heute weltweit mit denselben wenigen Musikprogrammen und den entsprechenden Sound-Dateien hantiert wird. Die Abkehr vom Dancefloor war ein mehr oder minder bewusster Entscheid: «Wir hatten keine Lust mehr, als Laptop-Duo zwischen DJ und Bar aufzutreten, wir sind zu einer Band herangewachsen», sagt Daniel Jakob, und der Bassist Mago Flück fügt hinzu: «Vielleicht ist auch das Interesse geschwunden, den Leuten Beats aufzudrängen, die der Hinterste und Letzte begreift. Uns liegt daran, zum Hinhören einzuladen.» Dementsprechend mannigfaltig sind mittlerweile die Auftrittsorte der Band – Filewile funktionieren an einem Jazzfestival Willisau genauso wie im Szene-Club oder in den Kellern der Alternativ-Kultur.
Wenn Filewile eine neue CD auf den Plattenmarkt wirft, dann ist das immer auch ein Indiz dafür, dass da eine hehre Idee gescheitert ist. Die Berner gehörten zu den ersten, die den Verzicht auf den physischen Tonträger zum Konzept erhoben und ihre Musik zur freiwilligen Bezahlung ins Internet stellten – mit dem durchzogenen Erfolg, dass von etwa einer Million Downloads gerade mal zwei Bezahlungen eingegangen sind: «Einer schickte per Post eine 10er-Note, ein anderer übermittelte ein paar Yen», erzählt Andreas Ryser. «Blueskywell» möge diese wunderbare Band endlich reich und berühmt machen. (Der Bund)
Erstellt: 27.12.2011, 15:17 Uhr






