Extrem auf Zack
Von Tom Gsteiger. Aktualisiert am 21.04.2011
Natürlich ist es bedauerlich, dass der Kontrabass-Gigant Dave Holland seine Teilnahme am Jazzfestival Bern abgesagt hat: Dass er nicht von der Seite seiner schwer erkrankten Frau weichen will, ist allerdings durchaus verständlich. Als Komponist des furiosen Freebop-Stücks «Four Winds» war Holland vorgestern wenigstens indirekt in Marians Jazzroom anwesend, wo er vor einigen Jahren ein unvergessliches Solo-Konzert bestritt und wo er nun mit dem von ihm initiierten Overtone Quartet ein bis Samstag dauerndes Gastspiel hätte absolvieren sollen.
Ohne ihren Primus inter Pares erinnerte der atemberaubende Auftritt dieser All-Star-Gruppe ohne All-Star-Allüren über weite Strecken an folgendes Sprichwort: Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Mit anderen Worten: Der hypervirtuose Tenor- und Sopransaxofonist Chris Potter, der zwischen Surrealismus und Blues-Bodenhaftung pendelnde Pianist Jason Moran und der extrem risikofreudige Beat-Jongleur Eric Harland spielten noch ein bisschen draufgängerischer und unkonventioneller als sonst – und fanden in Drew Gress einen kongenialen Mitstreiter.
Sensationeller Stellvertreter
Der 1959 geborene Gress ist also als Holland-Stellvertreter alles andere als eine Verlegenheitslösung, sondern eine optimale Wahl, verfügt er doch über extrem viel Erfahrung in so unterschiedlichen Spielformen wie zum Beispiel dem filigranen Interplay-Jazz des sensiblen Klangfarbenpianisten Marc Copland, den angriffigen Free-Impro-Abstraktionen des vom Saxofonisten Tim Berne geleiteten Trios Paraphrase oder dem rhythmisch vertrackten und ziemlich verkopften Spektral-Jazz des Saxofonisten Steve Lehman.
Gress ist ein agiler, aber nie selbstverliebter Bassist, der Emotion und Intellekt auf überzeugende Weise zur Deckung bringt und sich dabei immer wieder aus der Deckung wagt: So kann er eine fulminante Band wie das Overtone Quartet, in der gleichzeitig mehrere Fliehkräfte am Werk sind, nicht nur zusammenhalten, sondern ihr sogar noch Impulse verleihen. Dafür darf er natürlich keine lange Leitung haben, schliesslich sind die regulären Overtone-Mitglieder alle extrem auf Zack.
Masterplan und Mystizismus
Obwohl er eher wie ein braver Chorknabe aussieht, ist Chris Potter so etwas wie der Macho der Gruppe: Er spuckt nämlich gerne mit kraftstrotzender Attitüde grosse Töne. Aber Achtung: Potter ist kein kraftmeierischer Aufschneider, sondern ein hochgradig fintenreicher Powerplay-Experte, der seine Energie effektvoll kanalisiert. Er hirnt also, bevor er hornt – sein Spiel weist nicht nur auf der motivischen, sondern auch auf der rhythmischen Ebene eine beeindruckend hohe Kohärenz auf.
Während Potter fast immer so etwas wie einen Masterplan zu verfolgen scheint, hat man beim Pianisten Moran und beim Schlagzeuger Eric Harland viel stärker das Gefühl, sie würden sich von spontanen Eingebungen treiben lassen. Tatsächlich wurden ja beide von Charles Lloyd in eine besonders charismatische Form von Jazz-Mystizismus eingeweiht.Wenn es darum geht, druckvolle Explosivität, dynamisches Differenzierungsvermögen, Unberechenbarkeit und tänzerische Eleganz unter einen Hut zu bringen, darf Harland zurzeit als Mass aller Dinge gelten. In einem entfesselten und doch präzisen Solo über eine von Piano und Bass durchgehaltene Ostinato-Figur brachte der Teufelstrommler mit verrückten Beat-Verschiebungen sogar Gress leicht ins Schwitzen. Last but not least: Der hinterlistige Moran, der zwischen Konzertflügel und Fender-Rhodes-Electric-Piano abwechselte. In seinem an Nonkonformisten wie Monk, Herbie Nichols, Cecil Taylor, Andrew Hill oder Jaki Byard geschulten Spiel erzielte er am Laufmeter verblüffende Wirkungen, etwa indem er einen repetitiv-hypnotischen Loop in mysteriöse Klangballungen übergehen liess oder indem er Free-Mäander mit romantisch-rhapsodischer Agogik spielte. Moran verleiht dem Overtone-Jazz eine spezielle, schräge Note.
Weitere Konzerte im Marians Jazzroom bis Samstag, 23. April. (Der Bund)
Erstellt: 21.04.2011, 07:27 Uhr
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