Eine musikalische Machtdemonstration
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 28.05.2011 1 Kommentar
Die magische Welt des Animal Collective
Zwei Jahre sind vergangen, seit das amerikanische Animal Collective mit seinem Album «Merriweather Post Pavilion» die Pop-Koordinaten neu zusammengesetzt hat. Man musste schon damals passende Worte ergründen – und schrieb von Beach-Boys-Chören auf LSD, von freundschaftsstiftender Musik, die sich im Club ebenso gut auskennt wie in der Tradition der Minimal-Komponisten.
Seit seinem Kilbi-Auftritt vom Donnerstag ist alles wieder offen in der magischen Welt des Animal Collective. Die vier spielten ein Set, das mit wenigen Ausnahmen auf neues, unveröffentlichtes Material setzte: Panda Bear – das Solo-Genie der Band – sitzt hinter einem elektronisch manipulierten Schlagzeug, Avey Tare steuert einen Grossteil der Gesänge bei, Deakin spielt die Gitarre, die selten wie eine Gitarre klingt, während am Pult des Chefelektronikers Geologist alle Klang-Informationen zusammenkommen und weiter verfremdet werden.
Tropisch-flirrende Sounds
All diese Informationen verwandeln das Publikum in taumelnde Geschöpfe, die die tropisch-flirrenden Sounds durchwandern. Die psychedelischen Farben schillern, man wird von einem Tribal-Noise-Freakout aus dem Frühwerk der Band attackiert und gerät beim karnevalistischen Rave «Brothersport» und dem frenetischen«Summertime Clothes» in frohes Tanzen. Ohne Frage: Diese neugierigen Abenteurer bauen einmal mehr an einer neuen Welt – jenseits von allem und jedem. (bs)
Düdingen Downtown dürfte leicht gebebt, der nahe gelegene Schiffenensee mittelhohe Wellen geschlagen haben, während die New Yorker Gruppe Swans ihre Idee von musikalischer Strenge und Lautigkeit über den Weiler von Bad Bonn gewuchtet hat. Es ist beileibe nicht das erste Mal, dass es an der Bad Bonn Kilbi, dieser Fundstätte für Randständigenmusik, eine Band darauf anlegt, Verstörung und Konfusion auszulösen. Doch kaum jemandem ist dies bisher dermassen überzeugend geglückt wie der Band um den bedrohlichen Zeremonienmeister Michael Gira.
Swans sind Boten aus einer Zeit, in der die musikalischen Dogmen verwilderten. Im Gründungsjahr der Band, 1982, lag der Punk in den letzten Zuckungen, die Metal-Szene überbot sich gegenseitig in neuen Geschwindigkeitsrekorden, und dann kam diese Band aus New York und kreierte mit ihrem Slow-Motion-Hardcore eine Wucht, wie sie in der Musik zuvor noch niemand zu bewerkstelligen imstande war. No Wave nannte sich diese von den Swans massgeblich geprägte musikalische Epoche, in der das Atonale, das Bruitistische und die lustvoll zelebrierte Langsamkeit die Subkultur erschütterten. Am Schlagzeug sass der Schweizer Roli Mosimann, der bald als gemächlichster, aber lautester Schlagzeuger der Welt gehandelt wurde und später die wegweisenden Alben der Young Gods produzierte, die wiederum ihren Namen einem Stück der Swans entlehnten. 1997 stellte Michael Gira das Projekt ein, widmete sich seinem eigenen Plattenlabel, entdeckte den Hippie-Folker Devendra Banhart und machte diesen zum Weltstar. Seit 2010 ist Gira wieder mit den Swans unterwegs, das Credo ist dasselbe wie anno dazumal: «Swans are majestic, beautiful looking creatures. With really ugly temperaments.» Während des Auftritts an der Bad Bonn Kilbi unterstreichen die New Yorker nicht nur ihr apartes Temperament, sondern den Umstand, dass ein Swans-Konzert nicht die Summe einzelner Songs, sondern die Ganzheit eines musikalischen Statements ist. Es ist Musik, die nicht der Virtuosität entspringt, sondern dem Instinkt. Die markerschütternden Tracks bestehen nicht aus Refrains und Strophen, sondern aus Kontraktion und Entspannung, gerne auch auf einem Akkord beharrend, wenn er denn mit der grösstmöglichen Vehemenz gespielt wird. Dazu singt Michael Gira mit sonor-klagender Stimme über Religion, Verderben und Familiäres, doch so genau will niemand wissen, was der Mann gerade zu verarbeiten hat – viel Erspriessliches scheint nicht im Angebot zu sein. Trotz dem kolossalen und nachhaltigen Eindruck, den die Band hinterlässt, markiert das Revival der Swans nicht gleichzeitig ihren musikalischen Höhepunkt. Es gab Phasen, in denen die brachiale, zeitlupenartige Zähflüssigkeit einer finster-folkigen Schönheit gegenübergestellt wurde. Auf diesen Kontrast verzichten Swans 2011 weitgehend. So dominiert der Hang zur bombastischen Unwohlfühlmusik, zur Drastik und zur Härte. Diese Kunst beherrscht die alternde Sechserschaft freilich noch immer wie keine andere, und sie zelebriert sie in einer Lautstärke, die diese musikalische Machtdemonstration zum physischen Erlebnis macht.
Flaute nach dem Sturm
Nach einem Swans-Konzert nicht der Bedeutungslosigkeit anheimzufallen, ist in der Folge nur noch dem Animal Collective gelungen (siehe Text rechts). Die Queens of the Stone Age, die als grosser Publikumsmagnet die Kilbi-Affiche zieren, entpuppen sich daneben als ziemlich ordinäre Rockband. Gespielt wird ausschliesslich Material aus dem unbetitelten 1998er-Debütalbum, aus einem Stadium also, in dem die Qualitäten der Band – das Erzeugen emotionaler und rhythmischer Spannung, die geschickte Verschachtelung der Rockmusik – erst im Ansatz erkennbar waren. Ebenfalls eher flau gerät der Auftritt von Matthew Dear, immerhin der Urheber des bestechendsten Elektro-Albums des letzten Jahres («Black City»). Dieses versucht Dear mit einer gesichtslosen Band nachzustellen, wobei prompt sämtliche Gefährlichkeiten und Extravaganzen im Programming in einer discohaften Belanglosigkeit ertrinken.
Vieles haben wir in letzter Zeit über Japan erfahren. Wir wissen, wie da die Winde üblicherweise wehen und wie die Japaner ihren Strom produzieren. In Düdingen ist einmal mehr in Erfahrung zu bringen, welch wunderbar-eigentümliche Musik von diesem Eiland kommt. Das Frühabend-Konzert des Tokioter Damen-Trios Nisennenmondai gerät zum bahnbrechenden Happening: Mit Bass, Schlagzeug und einer in die Loopmaschine eingeschlauften Gitarre produziert die Dreierschaft eine gesanglose, patternhafte, repetitive und doch höchst raffinierte Form handgemachter Discomusik – die ultimative Tanzmusik für die Post-Atom-Stromspar-Generation. (Der Bund)
Erstellt: 28.05.2011, 12:58 Uhr
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