Eine Stimme wie ein verschmierter Lippenstift

Von Markus Schneider. Aktualisiert am 26.04.2010

Rocksängerin Courtney Love gibt offenherzige Interviews. Und liefert auf «Nobody's Daughter» viel lautes Spät-Punk-Gepolter. Hören Sie rein.

Vereint Emanzipation mit Silikon: Courtney Love.

Vereint Emanzipation mit Silikon: Courtney Love.

Die CD

Hole: Nobody's Daughter (Mercury Records).

Hörproben:

«Nobody's Daughter»:


«Letter To God»:


«How Dirty Girls Get Clean»:


Stichworte

Wie könnte man Courtney Love nicht mögen? Ein mittlerweile 45-jähriges Riot Girl, eine stolze Rockgöttin, Musik-Industrie-Terroristin und reuige Mutter, die uns seit zwanzig Jahren mit einem selbst gebastelten Feminismus unterhält? Eine Underground-Stilistin, bei der mittlerweile problemlos Emanzipation und Silikon, Punkgeschrei und Entzugsklinik zusammengehen? Alle paar Jahre – im aktuellen Fall sind es sieben – bewirbt sie ihre auf mysteriöse Weise erscheinenden Alben mit lautstarkem Kompletteinsatz, streitet sich im Vorfeld gern mit Kollegen und macht ihre Intimenthaarung öffentlich.

Die Wiederbelebung von Hole

Für das neue Album «Nobody's Daughter» geschah dies im Winter mit blanker Brust und Zombiemaskara für das Magazin «Dazed and Confused». Zudem hat die Witwe Kurt Cobains neben glücklich überstandenem Drogenmalheur und der gewohnten Klage über das offenbar verschwundene Erbvermögen viel Wind darum gemacht, dass «Nobody's Daughter» kein Solo sei, sondern nichts weniger als die neuerliche Wiederbelebung ihrer legendären Grungeband Hole. Ganze zwölf Jahre nach deren letzter Reunion.

Das erweist sich schnell als völliger Unsinn. Mehr als ein kleiner Zickenkrieg mit ihren überlebenden Mitstreitern Eric Erlandson und Melissa auf der Maur verbindet das neue Album nicht mit der prachtvoll aggressiven, lärmenden Band, die in den frühen Neunzigern den Rockbetrieb heulend und zähnefletschend überfiel. Immerhin kann man ihre andauernde Bedeutung als Popikone daran sehen, dass sie derzeit in Internetforen nicht etwa mit der immer verbisseneren Madonna verglichen wird, sondern mit Lady Gaga. Die gewinnt bei den Kids, trotz durchdringender Harmlosigkeit.

Courtney Love ist Iggy Pop

Für die Musik hat Courtney Love statt ihrer angeblichen Bandkollegen Leute wie den Stadionrockproduzenten Michael Beinhorn, ihren alten Freund Billy Corgan, Kopf der Alternativ-Rocker Smashing Pumpkins, und Linda Perry als Produzenten verpflichtet. Perry brachte nach ihren Zeiten bei den 4 Non Blondes immerhin Christina Aguilera, Gwen Stefani und Pink auf Chartskurs. Von Perry stammt zum Beispiel «Letter to God», eine raue Powerpop-Ballade, die als Selbstgeisselungs-Eloge Vorlage für die Interviews zu sein scheint, in denen Love von den Segnungen des Entzugs, aber auch von Nichtigkeitgefühlen plaudert.

Davon abgesehen gibt es meist glamourös brachiale Rocknummern im Stile des sogenannten L.A.-Punks: Love singt wie immer mit einer Stimme wie verschmierter Lippenstift, wozu riesig lauter, auch mal recht knatternd schneller Rock läuft, der aber produktionstechnisch zu aufgebrezelt und zu sämig wirkt.

In diesem Sinne bleibt, wenn Love nicht mehr die Punk-Madonna ist und Lady Gaga noch zu unnotorisch, eigentlich nur ein Schluss: Courtney Love ist Iggy Pop. Musikalisch bewegen sie sich im gleichen, sympathisch nichtigen Spät-Punk-Gepolter. Und sie treffen sich auch im begrüssenswert nichtsnutzigen, nüchternen Alt-Punk-Lifestyle. Nur zeigt sich Love als Kind ihrer Generation und wählt statt Iggys Weg aus Sport und Disziplin den einfacheren Gang in Entzugsklinik und Chirurgie. Auch dafür muss man sie doch mögen.

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Erstellt: 25.04.2010, 22:27 Uhr

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