Kultur

Die freien Radikalen des Jazz

Von Tom Gsteiger. Aktualisiert am 20.02.2012

So macht Globalisierung Spass: Die Jazzwerkstatt Bern schickt immer mehr internationale Querkopf-Joint-Ventures ins Rennen. Der Oberquerkopf war heuer der US-Dudelsack-Liebhaber Matthew Welch.

Vom Türsteher zum Dudelsackspieler: Matthew Welch mit seinem Blarvuster-Ensemble.

Vom Türsteher zum Dudelsackspieler: Matthew Welch mit seinem Blarvuster-Ensemble.
Bild: Palma Fiacco

Jetzt haben sogar die Chefs ein bisschen die Übersicht verloren. Benedikt Reising, Andreas Schaerer und Marc Stucki haben für die fünfte Jazzwerkstatt Bern unter ihrer Ägide eine veritable Heerschar an Jazz-Aliens aus allen Himmelsrichtungen einfliegen lassen – und so kam es, dass im Programmheft bei der Nennung der Herkunftsländer doch tatsächlich ein Land, wenn auch ein kleines und flaches, vergessen ging. Der Spielfreude des niederländischen Gitarristen Anton Goudsmit konnte diese Lapsuslappalie selbstverständlich nichts anhaben.

Goudsmit lieferte sich ein freundschaftliches, hochgradig turbulentes und kurzweiliges Duell im Katz-und-Maus-Modus mit dem Vokalakrobaten Schaerer, der seine Stimmbänder derart strapazierte, dass er mehrmals husten musste. Hier haben zwei Independent-Rampensäue zusammengefunden, die ihr blitzschnelles Ideen-Pingpong mit verblüffenden Effekten und mitreissender Psycho-Dynamik zu unterfüttern verstehen und auch im humoresken Fach einiges zu bieten haben, was nicht abgestanden, sondern spontan und trotzdem äusserst gekonnt wirkt.

Wahlverwandtschaften

Zum ersten Mal gekreuzt haben sich die Wege von Goudsmit und Schaerer – allerdings noch nicht im Duo – im letzten Jahr am National Arts Festival im südafrikanischen Grahamstown. Wie Schaerer in einer Ansage erläuterte, fühlt sich die Jazzwerkstatt Bern diesem Festival sehr eng verbunden. An beiden Orten findet ein angeregter und anregender Austausch zwischen freien Radikalen der Jazz- und Improszene statt: So wird manch eine Wahlverwandtschaft zutage gefördert, von der man sich dann natürlich wünscht, sie möge in der einen oder anderen Form weiterleben.

Mit dem Tenorsaxofonisten Marc Stucki trat ein zweiter Spiritus Rector der Jazzwerkstatt Bern ebenfalls mit in Grahamstown entdeckten Wunschlistenpartnern auf. Mit dem herzhaft in die Saiten greifenden Kontrabassisten Shane Cooper und dem fulminanten Schlagzeuger Kesivan Naidoo ging es sehr schnell sehr heftig zur Sache: Statt abwarten und abtasten war abfliegen angesagt. Dass nach rund der Hälfte des Konzerts noch der Posaunist Andreas Tschopp als Überraschungsgast zum Trio hinzustiess, tat der Freude an diesem inspirierten und enorm dringlichen Powerplay keinen Abbruch. Dass alle Beteiligten recht nahe bei einer von amerikanischen Vorbildern geprägten Modern-Jazz-Ästhetik blieben, kam im Rahmen der ansonsten auf Exzentrik abonnierten Jazzwerkstatt Bern einer kleinen, aber durchaus willkommenen Überraschung gleich.

Diese Exzentrik kann natürlich in ganz unterschiedlicher Form daherkommen. So folgte zum Beispiel am Freitag auf ein zerfahrenes und abstraktes Free-Impro-Treffen von Musikern aus Chicago und Luzern ein fesselndes Minimalmusic-meets-Spacejazz-meets-Rock-Happening unter Leitung des Dudelsack-Hypnotiseurs Matthew Welch statt.

Die volle Dröhnung

Welch, der als Türsteher von John Zorns Club The Stone arbeitete, als ihm Stucki 2006 in New York zum ersten Mal über den Weg lief, sieht zwar ein bisschen wie ein Wirrkopf aus, weiss aber genau, was er will. Für seine Blarvuster-Ensembles formt der kurlige Komponist, der unter anderem bei Anthony Braxton und Alvin Lucier studierte, aus unterschiedlichen Elementen wie schottischer Highland-Folklore oder balinesischer Gamelan-Musik modulare Stücke, die in der Verbindung von hoher Lautstärke, dichten Texturen, penetranten Klängen (Dudelsack und Geige!), repetitiven Patterns und graduellen Variationen eine Art Trance-Zustand auszulösen vermögen.

Für den Auftritt in Bern stand Welch ein Sextett zur Verfügung, das durch das bestens eingespielte Groove-Tandem Tonee Schiavano (E-Bass) und Flo Reichle (Schlagzeug) auf Kurs gehalten wurde. Improvisation fand eigentlich nur kollektiv statt. Einerseits wurden vorgegebene Patterns umspielt und verziert: Hierbei punktete insbesondere der Berliner Gitarrist Ronny Graupe mit lockerer Verschrobenheit. Andererseits gab es ab und zu Platz für eher geräuschartige Exkursionen. Man stelle sich vor, einem Magier sei es gelungen, aus Terry Rileys «In C», Pharoah Sanders «The Creator Has a Master Plan», Fela Kutis «Afrodisiac» und schottischer Dudelsack-Musik ein neues Stück zu destillieren: So ungefähr klang das Konzert von Welch & Co.

Nummernrevue ohne Totalabsturz

Während Welch konsequent eine Vision verfolgt, ist beim Ballbreaker Ensemble Vielfalt Trumpf. Nur sticht dieser Trumpf leider nicht immer. Die 13- respektive 14-köpfige Band (ohne und mit Schaerer) ist sozusagen die einzige fixe Formation der Jazzwerkstatt Bern und damit eine Art Aushängeschild. Aber eben: Auch ein Lieblingskind kann sich als Sorgenkind entpuppen.

Zwar hat das Ballbreaker Ensemble letztes Jahr eine tolle CD vorgelegt, doch weil man sich bei den sehr seltenen Auftritten nach wie vor auf Uraufführungen kapriziert, fehlt es an einem gefestigten Repertoire. Kommt hinzu, dass bei weitem nicht bei allen Auftragswerken Rücksicht genommen wird auf die doch etwas spezielle Instrumentierung (u. a. zwei Schlagzeuge, Bass und Tuba) und auf die Tatsache, dass die Probezeit knapp bemessen ist. So glich auch der diesjährige Ballbreaker-Auftritt einer Revue von ganz disparaten Nummern, die man mal mehr, mal weniger souverän über die Rampe brachte.

Bei der von Philip Henzi dirigierten Partitur waren gewisse Verstrickungen derart labyrinthisch, das ein Totalabsturz nur knapp verhindert werden konnte. Dagegen lockte das harmlos-parodistische Stück der Russin Marina Sobyanina die Band zu wenig aus der Reserve.

Analoges Networking

Ziemlich konventionelle, wenn auch Action-reiche Bigband-Kost boten die zwei Stücke der Südafrikanerin Shannon Mowday. Und dass sich Keefe Jackson aus Chicago bei seiner Nummer nicht so recht zwischen Free-Dadaismus und Swing-Nostalgie zu entscheiden wusste, war irgendwie symptomatisch für dieses Eklektizismus-Ensemble, das wohl erst dann so richtig auf Touren käme, wenn es mal auf Tournee ginge. Etwaige Identitätsprobleme wären damit allerdings noch nicht gelöst.

Marc Stucki umschrieb die Programmpolitik der Jazzwerkstatt Bern folgendermassen: «Wir kaufen die Katze im Sack.» Nicht immer entpuppt sich diese Katze dann halt als gefährlicher Tiger oder härziges Plüschbüsi – manchmal steckt auch ein runzliges Chamäleon im Sack. Hauptsache, die Jazzwerkstatt Bern bleibt das frechste und frischste Schweizer Jazzfestival mit dem jüngsten Publikum und dem höchsten Anteil an Projekten und Bands, die man noch nicht im Katalog der Agenturen und Labels einkaufen kann. Analoges Networking zählt sich eben auch im Facebook-Zeitalter nach wie vor aus. (Der Bund)

Erstellt: 20.02.2012, 08:10 Uhr

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