Die dunkle Seite des Bauchtanzes
Von Hanna Jordi. Aktualisiert am 11.01.2012 1 Kommentar
Der Film
«At Night, They Dance» feiert morgen Donnerstag im Rahmen des Musikfilmfestivals «Norient» Schweizer Premiere. Kino in der Reitschule, 22 Uhr.
Hind ist die jüngste Tänzerin der Familie. Sie hat ein Engagement, gegen Mitternacht hat sie ihren schwarzen Pagenschnitt unter einer langhaarigen Perücke versteckt und ihr grell geschminktes Gesicht hebt sich eigenartig von den mädchenhaften Strassenklamotten ab. Dann läuft sie in einer Kairoer Festhalle ein, wo die Vermählung des Bräutigams unter Männern gefeiert wird.
Dieses fünfzehnjährige, stark geschminkte Mädchen also bahnt sich nun seinen Weg durch die Festgemeinschaft, die allein aus Männern besteht, gaffenden Männern mit gierigen Augen. «Wo kann ich mich umziehen?», wendet sie sich an einen Veranstalter. Der Ortskundige weist ihr den Weg in einen dunklen Hauseingang, und in dem Moment ist man als Zuschauer des Dokumentarfilms der kanadischen Filmemacher Isabelle Lavigne und Stéphane Thibault froh, dass dem Mädchen ein Kamerateam auf den Fersen ist, es könnte ihm ja sonstwas zustossen.
Blauäugige Furie
«At Night, They Dance» erzählt die Geschichte einer Dynastie von Bauchtänzerinnen in Kairo. Hauptquartier ist die ärmliche Wohnung der 42-jährigen Reda, die ihre drei tanzenden Töchter Bussy, Amira und Hind an Hochzeitsfeste vermietet. Auch sie war einmal Tänzerin. Seither brachte sie sieben Kinder auf die Welt, verlor einen Mann an eine andere und einen, weil er starb. Nun ist sie schwanger mit dem achten Kind, raucht Kette und tätigt Geschäfte.
Redas hellblaue Augen sind die meiste Zeit weit aufgerissen – denn wenn sie nicht gerade mit ihrer Mutter oder ihren Töchtern streitet oder ein nacktes Büblein vom einen auf den anderen Arm bettet, feilscht sie um Preise mit Kunden oder hält sie wortreich davon ab, Rache zu nehmen an einer Tochter, die von einem Engagement fernblieb, weil sie von den Drogen zu verladen war. Auf diese Weise gemanagt, tingeln die Töchter von Kairo bis Alexandria von einer Hochzeit zur nächsten, tanzen in knappen, nicht immer einwandfrei sitzenden Kostümen den Bauchtanz, mal absolut eindrücklich, mal nachlässig.
Die Kamera scheint unsichtbar
Vom orientalischen Tanz als jahrhundertealtes Kulturgut ist in diesem Film wenig zu spüren, was hier gezeigt wird, ist die Industrie dahinter. Den Zauber aus Tausendundeiner Nacht sucht der unbedarfte Zuschauer vergebens, die Tänzerinnen werden auf der Strasse als Huren beschimpft, von der Polizei harassiert und als Ehefrauen verschmäht.
Ob und wie sich das Image des Bauchtanzes in Ägypten verändert hat, wann und wie es geschehen konnte, dass sich die professionellen Tänzerinnen vom Scheinwerfer- ins Zwielicht bewegten, diese Fragen lässt der Film unbeantwortet. Das ist schade, liegt doch ein Mehrwert des Dokumentarfilmgenres in der Information des Publikums. Wenn die beiden Regisseure für ihren Film dennoch mehrfach ausgezeichnet wurden, so mag das daran liegen, dass sie einen anderen Trumpf der Disziplin virtuos ausspielen: Ihr Familienporträt gibt einen Einblick in eine Subkultur, die sich die Zutraulichkeiten aufgrund ihres geringen Ansehens in der Gesellschaft sonst wohl verbieten dürfte. Er dokumentiert, was sonst unsichtbar bliebe.
Eigenartig emanzipiert
Hind stösst dann doch noch etwas zu – sie wird von Polizisten aufgegriffen und auf den Posten gebracht. Die Mutter hatte sie im Streit zuvor verflucht, hatte gesagt: «Hind! Gott möge dich ins Gefängnis bringen!» Als Reda vom Schicksal ihrer Tochter erfährt, weigert sie sich, die Kaution zu bezahlen. Selbst der befreundeten Nachbarin, die neben der Matriarchin am Boden sitzt, wird Redas Härte unheimlich, sie sagt: «Sei nicht so grausam.»
Der Zuschauer wird zum Zeugen dieser Szenen und zugleich auf den Richterstuhl gehievt. Da sich der Film jeglichen Kommentar verbittet, muss das Gesehene in Eigenregie bewertet werden. Und dabei an die Grenzen herkömmlicher Bewertungsmuster stossen: Gilt es jetzt, diese Mutter zu verurteilen dafür, dass sie ihre Kinder der harten Industrie aussetzt? Oder ist es vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Situation der Familie nicht vielmehr nachvollziehbar?
Und so ist die Betroffenheit über das harte Geschäft und das ludenhafte Gebaren der Mutter Reda am Ende nur ein Eindruck, der haften bleibt. Nebenbei legt der Film die Sicht frei auf eigenartig selbstbestimmte Frauen, die das Klischee der unmündigen Araberin auf den Kopf kehren: Die – wie sich zeigen wird – nur scheinbar mitleidslose Reda kann ihre Familie dank dem Tanzgeschäft allein durchbringen. Und die junge Hind hat die Kraft, sich von ihrer Mutter zu emanzipieren und bei ihrem Vater zu leben. Dort darf sie ihr selbst verdientes Geld behalten. (Der Bund)
Erstellt: 11.01.2012, 16:51 Uhr
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Das Klischee der unmündigen Araberin existiert tatsächlich nur im Westen. Ich habe viele selbstständige Araberinnen kennen gelernt, überall im Nahen Osten. Professorinnen, Malerinnen, Geschäftsfrauen. Und: Logischerweise werden alle Frauen, die sich ihr Geld mit der Lust der Männer verdienen, von jeder Gesellschaft verpönt. Antworten
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