Kultur

Die Zündschnur brennt

Von Marianne Mühlemann. Aktualisiert am 11.09.2011

«Die Stadt wird grün», verkündet Hanspeter Renggli im Rathaus. Dass dies keine politische Ansage ist, wissen die Anwesenden. Grün ist die Farbe des Musikfestivals Bern, Renggli dessen Präsident.

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Bis 18. September präsentiert das Festival an 14 Standorten in der Stadt über 50 Veranstaltungen. Als «Werkschau mit Zugaben und Seitensprüngen» definiert Veronica Schaller, Leiterin der Abteilung Kulturelles der Stadt Bern, das ambitiöse Projekt, das Bern in den Ausnahmezustand versetzen will. Am Eröffnungsabend in der Rathaushalle ist von einem Flächenbrand zwar noch nicht viel zu spüren; die Kulturschaffenden und -veranstalter sind noch mehrheitlich unter sich. In den kommenden zehn Tagen dürfte sich das aber ändern. Grün ist auch die Farbe der Hoffnung, und die Kostproben in Wort und Ton zum «Flucht»-Auftakt sind gehaltvoll und viel versprechend. Elham Manea , die jemenitisch-ägyptisch-schweizerische Politikwissenschaftlerin und Dozentin an der Uni Zürich, spricht über die Fluchten in ihrem Leben. Sie zeigt, dass Heimat und Identität Fantasiekonstrukte sind: «Meine Heimat ist da, wo ich atmen kann und meine Rechte respektiert sind», kommt die Kulturnomadin zum Schluss. Auch der in Genf lebende afghanische Rubab-Spieler Khaled Arman öffnet ein Fenster in ferne Denk- und Fühlräume. Faszinierend, wie sich in seinem virtuosen Spiel Fremdes und Eigenes organisch und authentisch verbindet: In den filigranen Klangnetzen, die Arman und sein Perkussionist auswerfen, erkennt man nicht nur Klanggut aus dem persisch-indischen Kulturraum, sondern auch aus dem europäischen.

Das Hauptkonzert des Eröffnungsabends bestreiten Les Passions de l’Ame in der Französischen Kirche. Berns jüngstes Barockensemble (Leitung Meret Lüthi) sucht die ungünstige Akustik des hallenden Raumes mit scharfen Konturen, dramatischen Kontrasten und zügigen Tempi auszutricksen. Im Laufe des Abends gelingt das immer besser. Die paar Takte Welt-Chaos, die Jean-Féry Rebel an den Anfang seines Opéra-Ballets «Les éléments» komponiert, nehmen das innere Chaos vorweg, das danach in Ino tobt. Herzschmerz im Götterhimmel – da fliegen die Fetzen. Das wissen wir aus der Oper «Semele» am Stadttheater. Hier knüpft Telemanns Kantate an. Ino, die Schwester der Semele, ist allerdings nicht das Unschuldslamm, das der Librettist Karl Wilhelm Ramler uns vorgaukelt. Mit ihrem beweglichen Sopran macht es Carolyn Sampson einfach, den Worten Inos zu glauben und mit ihr zu leiden. Breit gefächert sind die Affekte in ihrem Stimmfundus. Im Handumdrehen lädt sie die Kantate zum farbigen Barock-Krimi auf. Und wie sie sich im Rausch ihrer funkelnden Koloraturen über die Klippe ins Meer stürzt, hält man den Atem an. Unter Wasser wohnen zum Glück ein paar Götter und schwanzflossige Nymphen. Von ihnen erzählen Les Passions de l’Ame in Telemanns «Hamburger Ebb und Flut». Ein instrumentales Tableau, das lodert, obwohl es im Wasser spielt. Der Auftakt ist ein gutes Omen für das Festival: Die Zündschnur brennt. (Der Bund)

Erstellt: 11.09.2011, 14:22 Uhr

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