Die Sonne wird ausgeknipst
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 08.12.2011 8 Kommentare
Sie war zuständig für den musikalischen Irrsinn: die Sous-Soul-Hausband Tequila Boys. (Bild: Fire Widmer)
Der Sous-Soul-Schlussspurt
Bevor die Party im Sous Soul endgültig vorbei ist, wird noch einmal alles aufgeboten, was diesen Club ausgemacht hat: ein Konglomerat aus Kompetenz am Plattenteller, Hip-Hop, Minimal-Folk, Elektropop, Funk, Rock und einem ganzen bisschen Irrsinn.
Do, 8. Dez.: Baze & Liveband, «D Party isch verby» – der Soundtrack zur aktuellen Lage
Fr, 9. Dez.: DJs Diferenz & Ramax
Sa, 10. Dez.: Garcon-sauvage & Bitch Computer (Gay-Party)
Do, 15. Dez.: Nadja Stoller & Fiona Daniel, zwei One-Woman-Bands
Fr, 16. Dez.: Dietrick, Capitanio, Enderli, Lieblingssongs aus 60 Jahren Musikgeschichte.
Sa, 17. Dez.: Fiji. Die Berner Elektropop-Band stellt ihre neue Single «No Fucking Cinema» vor.
Do, 22. Dez.: James Brown Tribute Special: Eine achtköpfige All-Star-Band huldigt dem Meister des Funk.
Fr, 23. Dez.: Play More Jazz. Mit dem Spenza’s Overdub Orchestra, StuderTM und Giggs.
Sa, 24. Dez.: DJ Raphaël DeLan & Special Guest. Der nach London ausgewanderte Berner DJ-Sohn kehrt mit neuen und alten Platten zurück.
Mi und Do, 28. und 29. Dez.: The Tequila Boys
Fr, 30. Dez.: Sous Soul Finissage. Mit DJs Ramax, Captain Zissou, Boba Fett, Diferenz, Terry L, Tororkoff und vielen mehr.
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Infobox
Das Ambiente war herzlich, die Akustik prächtig, das Essen für Künstler oder Kunden sensationell, und als Bühnendekoration diente eine simple Leuchtschrift: «Sonne» war da zu lesen, und meistens entsprach dieser Slogan dem Gemütszustand der auftretenden Damen und Herren.
Die Sonne im Sous Soul wird nun Ende Jahr ausgeknipst. Und nein, es ist nicht die Schliessung irgendeines ordinären Clubs, dem das Publikum den Rücken zugekehrt hatte oder dessen Konzept nicht funktionierte. Es ist auch nicht einfach das Ende einer Vergnügungsstätte, die man bald wieder vergessen haben wird. Die Schliessung des Sous Soul an der Junkerngasse 1 auf Ende dieses Jahres ist ein einschneidendes Ereignis für das Kulturleben der Stadt Bern, angereichert mit zünftig politischem Zündstoff.
Fragen über Fragen
Die Fragen, welche die Schliessung aufgeworfen hat, sind bekannt und wurden in letzter Zeit schon öfters gestellt: Wie kann es sein, dass zwei Nachbarn, die sich in ihrer Nachtruhe gestört fühlen, ein traditionelles Konzertlokal (im gleichen Kellergewölbe ist einst Louis Armstrong aufgetreten) zum Verstummen bringen? Warum werden Lärmgrenzwerte angepasst, wenn zum Beispiel eine neue Tramlinie gelegt wird, nicht aber, wenn ein Club das Kulturleben der Stadt bereichert? Warum gilt Kultur nicht als öffentliches Interesse? Wie kann es sein, dass schlussendlich das subjektive Lärmempfinden eines bejahrten Regierungsstatthalters dafür entscheidend ist, ob die Emissionen für einen Nachbarn zumutbar sind oder nicht? Fragen über Fragen.
Und wenn man etwas Gutes sehen will in der Schliessung des Sous Soul, dann ist es der Umstand, dass diese Fragen nun endlich auch auf politischer Ebene diskutiert werden.
Entwicklungsarbeit
Als das Sous Soul im September 2006 seine Pforten öffnete, waren die Skeptiker und Ketzer schnell zur Stelle. Diverse Vorgänger hatten nicht reüssiert an der Junkerngasse 1; die Tanzbar U1 war sechs Jahre zuvor aufgegeben worden, dem Syrup war ebenso wenig Glück beschieden wie dem La Wy. Es sei kein Standort, wohin man das gehmüde Berner Ausgehvolk locken könnte, meinten die Zweifler. Doch die Sous-Soul-Betreiber haben es verstanden, das Sous Soul mit einem aparten Konzertprogramm, Lesungen und andergattig Erfinderischem zu einem Place-to-go des Berner Nachtlebens zu machen.
Fehlen wird das Sous Soul ganz besonders als Konzertlokal für Newcomer-Bands. Diese werden es in Bern, wo die Clubs immer weniger Risiken einzugehen imstande sind, äusserst schwer haben, zu Auftrittsmöglichkeiten zu kommen. Wie wichtig das ist, zeigt ein unvollständiger Blick auf jene Künstler, die quasi im Sous Soul gross geworden sind: Sängerinnen wie Steff La Cheffe, Heidi Happy, Evelinn Trouble oder Valeska Steiner (die heute mit der Gruppe Boy durch die Welt tourt) erhielten im Sous Soul Auftrittsmöglichkeiten, als ihr Marktwert noch kaum messbar war. Diese Entwicklungsarbeit hat das Sous Soul mit grösster Kompetenz betrieben. Lokalen, die die Lücke möglicherweise füllen könnten (Ono, Mahogany Hall), fehlt die Verankerung in der Szene.
Jahrelange Scharmützel
Doch nicht nur der Nachwuchs, auch Grössen waren im kleinen Kellergewölbe zu Gast: Züri West traten ebenso zum Überraschungskonzert auf (und testeten die Wirkung ihres neuesten Song-Materials) wie der amerikanische Superstar Imogen Heap. Es gab Jazz-Jams, Late-Night-Shows und Fussball-Diskussionen. Kurz: Das Sous Soul strotzte vor guten Ideen und löste – vor allem in den ersten Jahren seines fünfjährigen Bestehens – das Versprechen ein, dem etwas ausgetrockneten Berner Nachtleben neue Impulse zu vermitteln.
Nach dreijährigen Scharmützeln und Diskussionen mit Nachbarn und Behörden ist nun Schluss. Obzwar die Gutachten und Gegengutachten zum Schluss kamen, dass die Lärmemissionen des Sous Soul keine geltenden Grenzwerte überschreiten, kam man nach einer «subjektiven Beurteilung» des Regierungsstatthalters zum Schluss, dass im Sous Soul nur noch Veranstaltungen mit einem Pegel von 90 Dezibel erlaubt sein sollen; das ist nur noch unwesentlich lauter als ein sich unterhaltendes Publikum. Eine Auflage, die sowohl lächerlich wie motivationstötend ist und die auch einen Dizzy Gillespie jäh zum Verstummen gebracht hätte. Der Co-Vorstand Fire Widmer verspürt unter diesen Umständen auch kein Bedürfnis, sich nach einem neuen Lokal umzusehen: «Solange die Stadt ihre Richtlinien derart schwammig auslegt, läuft man in Bern überall Gefahr, dass ein einziger Anwohner einen Club stilllegen kann. Unter diesen Umständen haben wir keine Lust, unsere Energie in ein neues Projekt zu stecken», sagt er und schliesst damit eines der schöneren Kapitel des aktuellen Berner Nachtlebens. (Der Bund)
Erstellt: 08.12.2011, 08:42 Uhr
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8 Kommentare
Das Sous-Soul war der einzige Club in Bern, wo konstant qualitativ gute Mucke gespielt wurde und man auch noch mit 35 Jahren ein,zwei oder drei Biere trinken gehen konnte. Was bleibt vom Nachtleben? Ach ja, die Kokainmeile an der Aarbergergasse, inkl. deren anspruchlosen Kommerzclubs. Die Reitschule scheint in der Sozi-Stadt Bern die einzige Veranstalterin zu sein, die Narrenfreiheit geniesst. Antworten
In den 1970ern hat sich die Jugend von Bern ein Kulturzentrum erkämpft. Ob die Jungen heute das Recht auf Ausgang und gute Musik sich auch erstreiten mögen? Ich hoffe es für diese Generation, denn Repression und Einschränkung sind wieder Salonfähig geworden und es braucht die Energie und den Willen der Jungen etwas zu verändern. Antworten
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