Kultur

Die Frau, die Dieter Bohlen abblitzen liess

Statt Bohlens Ruf zu folgen, bringt die Berner Rapperin Steff La Cheffe mit «Bittersüessi Pille» ein stellenweise bestechendes Debütalbum raus.

1/5 Ihr eigener Boss: Steff La Cheffe aus Bern.
pd

   

Steff la Cheffe: Annabelle

Die CD

Steff La Cheffe: «Bittersüessi Pille» (Bakara Music/Nation)

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Frech. Kaum ein Wort ist schlimmer. Es gibt freche Frisuren, freche Krawatten und freche Frauen. Sie alle wollen lustig sein und nicht ganz ernst genommen werden. So gesehen hat sich Steff La Cheffe, 22-jährige Berner Rap-Newcomerin, schon in den ersten Wochen ihrer öffentlichen Präsenz ein beachtliches Imageproblem eingehandelt. Zuletzt haben sie etliche Medien von nationaler Ausstrahlung mit dem immer gleichen Merkmal vorgestellt, eben: frech.

Wirklich verkehrt ist das ja auch gar nicht. Im zweiten Song ihres Debütalbums «Bitteri Pille» sucht Steff La Cheffe reichlich erregt einen Arzt auf: «Herr Doktr, Herr Doktr, i bruche es Schnäbi, zum räppe u so wärs drum würkli no gäbig.» Einige Zeilen später erweitert sie ihren Wunschkatalog: «Ich bruche no Ellböge u no ne grösseri Schnure u no nes grössers Ego u no ne grösseri Schnure.» Nur solchermassen ausgestattet könne sie sicher sein, im Rap-Geschäft nicht unterzugehen. Das ist witzig, der weiterhin grassierende Machismo im Hip-Hop hat es ja durchaus verdient, aufs Korn genommen zu werden. Nur verkennt, wer diese Künstlerin deswegen als frech bezeichnet, wie ernst es ihr im Grunde genommen ist, mit ihrer Kritik und mit dem Rap sowieso.

Gerade mal 13 Jahre alt, schrieb Stefanie Peter, inspiriert von The Roots und Rahzel, ihre ersten Texte, mit 16 wagte sie sich als Steff La Cheffe erstmals an einen Beatbox-Jam, nochmals zwei Jahre später trat sie auch als Rapperin in Erscheinung. Seither hat sie den Titel als Vizeweltmeisterin im Beatboxen errungen, 2009 ging sie aus der M4Music-Demotape-Clinic als Siegerin hervor, Harfenist Andreas Vollenweider nahm sie als Schlagzeugimitatorin in seine Band auf, selbst ein Engagement des Berner Ballettensembles ziert ihr Palmarès.

Ein bisschen ziellos

Das Erstaunliche dabei: Steff La Cheffe ist durch und durch Einzelkämpferin in dieser Männerdomäne. Anders als viele ihrer Kollegen verzichtet sie auf die Nestwärme einer Crew. Sie will ihren Weg ganz alleine finden. Als Dieter Bohlen Steff La Cheffe für seine Castingshow «Deutschland sucht das Supertalent» rekrutieren wollte, teilte sie ihm – dem Vernehmen nach recht kaltschnäuzig – mit, an dieser Art von Veranstaltung nicht interessiert zu sein. Sie mag frech sein, aber es ist ihr ernst damit.

«Bittersüessi Pille» (Bakara Music) ist nun in vielerlei Hinsicht ein klassisches Erstlingswerk. Ein bisschen ziellos, ein bisschen unentschieden, manchmal sehr bestechend, manchmal weniger. In «Briche Brot» erweist sich Steff La Cheffe als engagierte Kritikerin der gesellschaftlichen Umstände. In «Chum i mini Chuchi» wagt sie ziemlich expliziten Dirty-Talk. Und in «Schön» stimmt sie eine nicht eben unkitschige Coming-of-Age-Hymne auf das Leben und das Drumherum an. Ihr Flow, ihre genauen Beobachtungen, ihr Faible für Sprache und Bilder – das ist alles sehr beeindruckend. Und dass sie sich im Verlauf des Albums etwas verzettelt, das verzeiht man ihr gerne.

Problematisch ist eher, dass die Musik, die ihr der angeheuerte Produzent – der Zürcher Reggaeartist Dodo Jud – mit auf den Weg gegeben hat, ebenso unentschieden zwischen diversen Genres hin und her schlenkert. Da wird vom schroffen Battle-Beat bis zur angejazzten Ballade, vom balkanesken Gebläse bis zum Reggae-Groove nichts ausgelassen. So bringt es «Bittersüessi Pille» zustande, zugleich zufällig und überambitioniert zu klingen. Dies ändert aber nichts am erfreulichen Umstand, dass die etwas eingeschlafene Schweizer Rap-Szene mit Steff La Cheffe um eine bemerkenswerte und bitte ernst zu nehmende Künstlerin reicher geworden ist. (Der Bund)

Erstellt: 03.05.2010, 08:07 Uhr

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5 Kommentare

Bernd Webet

03.05.2010, 20:19 Uhr
Melden

@richtig, marco lardi. Im gegensatz zu ihr schreibt Bohlen wirkliche hits und verdient terst noch geld....... Antworten


marco lardi

03.05.2010, 14:28 Uhr
Melden

Naja, etwa gleich viel überzeugend wie BigZis. Wird in der Schweiz bemerkt, mehr nicht. Ernst nehmen kann man sie auch nicht, da es zu fester Einheitsbrei ist, nichts neues eben. Antworten


Sandro Studer

03.05.2010, 14:24 Uhr
Melden

Schon wieder so ein cooles, sorry freches Kind. Antworten


Boris Radtke

03.05.2010, 13:44 Uhr
Melden

Find ich super, dass die dem Dieter Bohlen die Grenzen aufgezeigt hat. Der Typ glaubt nämlich, dass seine "Show" die ultimative Musik-Wahrheit darstellt. Aber nicht für alle, wie man sieht. Herr Bohlen scheint wohl insbesondere Leute mit niedrigem IQ zu inspirieren mit seiner teilweise lächerlichen Show. Klardenker distanzieren sich eindeutig davon und dies mit gutem Grund. Bravo ! Antworten


Martin Bösiger

03.05.2010, 12:52 Uhr
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Ein Schnäbi ist aber nicht mal zwingend nötig, wenn man, wie in ihrem Fall, technisch zu überzeugen vermag. Antworten



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