Kultur
Die Diva auf dem Dancefloor
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Niemand stoppt diese Frau. Weder in stimmlichen noch in modischen Belangen kann Beth Ditto irgendwer etwas anhaben. Da steht sie bachnass am Bühnenrand und singt sich seit eineinhalb Stunden die Lunge aus dem Leib. So, als würden Aretha Franklin und Janis Joplin gemeinsame Sache machen. Bekleidet ist sie mit einem Nachthemd, das durch den vielen Schweiss längst transparent geworden ist. Zuvor war sie schon als Presswurst erschienen in engen Leggins und als Bonbon in grellen Kleidern mit spitzen Schulteraufsätzen. Die Option, ein Konzert einfach abzuspulen, scheint es für sie nicht zu geben. Eine Tour de Force muss es sein. Immer.
Im Kern besteht ihre vor zwölf Jahren gegründete Band Gossip nur aus einem Trio: Beth Ditto selber, Gitarrist Nathan «Brace Paine» Howdeshell und Schlagzeugerin Hannah Blilie. Ditto bringt mit ihrer Stimme das Volumen, die Melodie und den Überbau, Blilie hält mit ihrem Trommelspiel den ganzen Rhythmus, und Brace Paine kombiniert mit seinem hingeschlenzten Spiel Punkrock und Disco. Machten früher eine geladene Beth Ditto, ein angeschrammter Akkord und ein schepperndes Schlagzeug ein ganzes Lied, dreht die korpulente Sängerin heute über Discorhythmen Pirouetten. Die Kräfte werden dosiert eingesetzt, Dynamik spielt eine grosse Rolle.
Ein Solo in der Bandpause
«Music for Men», das letzte Album von Gossip (2009), wandelte die Punk-Kraft von früher in allgemeingültige Hymnen um. Und bedeutete den geräuschvollen Einstieg in die Welt des Pop. So, als hätte Beth Ditto mit einem Rums die Tür zu einer zugeknöpften Versammlung geöffnet, sich mitten in den Raum gestellt und laut geschrien: «Hallo, ihr kleinen Würstchen, hier bin ich!»
Dabei ist Ditto, die mit richtigem Namen Mary Beth Patterson heisst und eben 30 geworden ist, wahrscheinlich die liebenswürdigste Person, die der Schreibende je interviewt hat. Und neben der einnehmenden Fröhlichkeit und den schönen Geschichten über ein trautes Heim in Portland, Oregon, und über Karaokeabende mit Freunden sickert auch das durch, was den Punk-Anteil in der Musik von Gossip ausmacht: eine schwierige Kindheit ohne richtigen Vater, ein heuchlerisches, erzkonservatives Umfeld im amerikanischen Bibelgürtel und die schleichende Gewissheit, dass es in einem 20 000-Seelen-Ort wie Searcy im Bundesstaat Arkansas für eine lesbische junge Frau mit feministischen Anliegen keine Zukunft gibt. Anderssein kommt dort nicht gut an. Im Rest der Welt allerdings mittlerweile schon: 450 000-mal hat sich die Single «Heavy Cross» allein in Deutschland verkauft. Für das Album «Music for Men» tourte man über ein Jahr durch die Welt.
Da die Band jetzt aber gerade Pause macht, nahm Ditto einen anderen Faden wieder auf: Vor zwei Jahren hatte sie für ein Stück auf einem Album des englischen Electro-Disco-Duos Simian Mobile Disco gesungen, und nun sollte diese Zusammenarbeit vertieft werden. Entstanden ist eine EP mit vier hervorragend produzierten Stücken, die von der Erkenntnis leben, dass es eben doch nicht immer der grosse Kraftakt sein muss. Auf Anraten der beiden Produzenten – «Sie sagten, ich soll mich mehr zurücknehmen, ganz entspannt singen» – ging Ditto vom Gas und liess den Punk für einmal links liegen.
Zurück in den Kirchenchor
Die Präsenz und die betörenden Schwingungen ihrer Stimme sind geblieben: Mal schwebt Beth Ditto, mal stiefelt sie trotzig durch die synthetische, aufmerksam um sie herum drapierte Umgebung. Musik und Gesang gehen in diesen Produktionen aufeinander ein. Und auch wenn die einzelnen Klänge der Synthesizer nicht sonderlich originell ausgewählt sind und man ihr Wummern, Plinkern Plockern schon von den bisherigen Alben der beiden Londoner kennt, so überzeugen die Stücke doch durch ihre Arrangements und durch die Detailarbeit. Im besten Fall sind es, wie beim forsch vorwärtspeitschenden «Open Heart Surgery», gehaltvolle, sich stetig transformierende Tanznummern.
Bedenken, dass das Experiment nicht funktionieren könnte, hatte Ditto nicht, wie sie sagt: «Ich wusste schon, dass ich auch ganz anders singen kann, als ich das bei Gossip tue», erzählt sie, während sie die Dame von der Plattenfirma, die das Interview beenden will, in ihrem Londoner Hotelzimmer mit einer Banane in Schach hält. «Klar, Punk hat mich stark geprägt. Als ich in der Highschool war, kam Grunge auf, dann die ganze Riot-Grrrl-Bewegung. Aber vorher hatte ich im Chor und in der Kirche gesungen. Ich hatte eine ziemlich gewöhnliche Stimme. Die Jungs von Simian Mobile Disco haben mich wieder dorthin zurückgeführt.» Und so begegnet man auf ihrer ersten Soloplatte einer Sängerin, die nicht mehr herausschreien muss, um ganz bei sich zu sein. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.03.2011, 15:40 Uhr
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