Der Tod des Blues

Jeder kriegt den Blues. Der dazugehörige Soundtrack aber wird zusehends leiser. Dabei verdanken ihm die Menschen den Rock 'n' Roll und vieles mehr.

Blues verlangt nach Authentizität, und so spielte auch John Lee Hooker. Der Entertainer starb 2001, wenige Tage nach seinem letzten Bühnenauftritt.

Blues verlangt nach Authentizität, und so spielte auch John Lee Hooker. Der Entertainer starb 2001, wenige Tage nach seinem letzten Bühnenauftritt.
Bild: Keystone

Zehn Minuten verbleiben bis zur Sendung. Sonny Payne schaut sich noch einmal um, ob alles seine Ordnung hat. Er ist alt geworden als DJ, geliebt und unersetzlich. Denn Sonny Payne, der bald seinen 84. Geburtstag feiern wird, hat eine beneidenswerte Lebensaufgabe: Er wirkt als Brücke zu einer fast versunkenen Welt. Seit 1951 moderiert Payne jeden Werktag die berühmteste amerikanische Blues-Sendung: Die «King Biscuit Hour», live aus Helena in Arkansas. Werbung für Maismehl machte die Sendung. Und im Studio spielten die Blues-Grössen Sonny Boy Williamson, Robert Lockwood, Frank Frost und viele andere.

Als Helena blühte, strotzte der Blues vor Leben; nun ist die Stadt am Mississippi verblichen wie ein alter Wandteppich, dem niemand mehr Beachtung schenkt. Und ähnlich wie ihr ergeht es dem Blues. Das bräunliche Wasser des Flusses trennt Helena vom Staat Mississippi, vom Delta, um es genau zu sagen: einem Dreieck zwischen dem mächtigen Mississippi und dem Yazoo-Fluss, worin der Blues geboren wurde. Südlich von Memphis erstreckt sich die Ebene des Deltas, ein zäuberlicher Ort nicht nur der Musik wegen. Fruchtbare Lössböden gebaren riesige Plantagen, deren Herren mit Baumwolle reich wurden. Und deren afroamerikanische Arbeiter irgendwo in dieser weiten Ebene der Welt den Blues schenkten.

Nach der Baumwollernte

Vielleicht geschah es zwischen Cleveland und Ruleville, wo die Dockery Plantation – 4'000 Hektar, eigenes Münzgeld, Eisenbahnanschluss, Schulen und 2'000 schwarze Arbeiter – zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts als Symbol für den weissen Reichtum des Deltas galt. «Dockery war das Zuhause des berühmten Bluesmannes Charlie Patton und spielte eine signifikante Rolle bei der Entwicklung des Delta-Blues», belehrt eine historische Tafel am Highway 8. Vielleicht wurde der Blues in Dockery geboren, ehe er sich im Delta ausbreitete und weiterzog nach Chicago und St. Louis und Houston und Atlanta und New Orleans. Patton jedenfalls spielte den Blues in und um Dockery. Der junge Howlin' Wolf tauchte dort auf. Und Robert Johnson, der sagenumwobene König der Delta-Bluesmen, dessen Mythos wächst, je mehr er im Dunkel der Geschichte entschwindet.

Johnson starb 1938, wahrscheinlich an vergiftetem Whiskey; sein Grab könnte sich nahe dem Gedenkstein befinden auf dem Friedhof der kleinen Mount-Zion-Kirche nahe Quito im Delta. Mächtig ist an diesem Tag der Himmel über dem bescheidenen Friedhof aufgequollen, als wolle er sich bald furios entladen über der spröden Landschaft. Die afroamerikanische Mehrheit des Deltas war stets arm und ist es allen Fortschritten zum Trotz noch immer; gelyncht aber wird niemand mehr im Delta, und viele Bürgermeister und Polizeichefs und Schulräte in den kleinen Flecken und verlorenen Städtchen sind von schwarzer Hautfarbe.

Die Jungen hören Hiphop

Der Blues verlangt nach Authentizität, das Delta aber bewegt sich ächzend und knirschend nach vorne. Die Jungen hören Hiphop und Soul und Rap; der Blues ist ihnen so fremd wie die lange Liste seiner Götter und Ikonen, die einen veritablen Gotha verstorbenen musikalischen Adels bildet. Pinetop Perkins und Honeyboy Edwards sind die verbliebenen Ur-Barden der Delta-Bluesmänner, beide über neunzig; wenn Honeyboy in den Blueshimmel einfährt, wird der letzte Zeuge des Todes von Robert Johnson verschwunden sein. Die Liste der Abgänge ist endlos: Muddy Waters ist tot und John Lee Hooker, desgleichen der legendäre Blues-Drummer Sam Carr – er starb vor wenigen Wochen – und Junior Kimbrough und R. L. Burnside. Der Nachwuchs im Delta ist dünn gesät; unter den Lebenden geben Oldtimer wie T-Model Ford, Big Jack Johnson und CeDell Davis den Ton an.

«Der Blues erzählt uns Geschichten, Hiphop dagegen erzählt uns keine Geschichten», sagt CeDell Davis. Mag sein, aber die Wurzeln des Blues im Delta sind schwach geworden, und die Juke Joints, die dem Blues als Bühne dienten, haben zumeist geschlossen. Vor anderthalb Jahrzehnten war es noch möglich, in Holly Springs östlich des Deltas jeden Sonntagabend eine ausgemusterte Kirche zu besuchen, worin Junior Kimbrough und Burnside musizierten und «Moonshine», illegal gebrannten Whiskey, verkauften – elegische Nächte waren es, die den Tod des Blues vermeintlich aufschoben.

Sie spielten, wonach das Publikum verlangte

In der baufälligen Kirche, die zwischenzeitlich niederbrannte, erhob sich der Blues noch einmal von seinem Totenbett und trieb die Tanzenden an wie damals, als er den schwarzen Arbeitern des Deltas ihre Unterhaltung lieferte. Schliesslich waren die Bluesmen geborene Entertainer und spielten, wonach ihr Publikum verlangte: die Hits des Tages, Songs aus dem fernen New York, ein Potpourri des Populären. Populär aber ist der Blues vor allem in den Akademien und unter zumeist weissen Aficionados, die trotz seines schwachen Pulses seine Lebendigkeit beschwören.

«Ich hatte Mühe mit der Show, weil es ein bisschen wie ein Zirkus ist», befand ein Kritiker über eine Vorstellung von T-Model Ford in London. Vielleicht nicht wie ein Zirkus, sondern eher wie ein authentisches Fundstück, dessen Anblick man sich keinesfalls entgehen lassen möchte. Sogar sein Bayreuth oder sein Salzburg hat der Blues: Clarksdale im Delta, ein Ort von unbestrittener Blues-Grösse. Sam Cooke ist in Clarksdale geboren und ebenso Little Junior Parker und John Lee Hooker und Son House und Earl Hooker und Ike Turner und Jackie Brenston, der 1951 zusammen mit Ike den Highway 61 von Clarksdale nach Memphis nahm, um dort «Rocket 88» einzuspielen, die wohl allererste Rock-Scheibe, aus der indes der Blues tropfte.

Clarksdale als Mekka des Blues

Muddy Waters und Robert Johnson und Pinetop Perkins, W. C. Handy und Frank Frost: Sie alle lebten in Clarksdale. Nun geht die Stadt damit hausieren. Zäh versucht sie sich als Mekka des Blues zu etablieren und mithilfe des Blues-Tourismus ihrer Ärmlichkeit zu entfliehen. «Die Leute klagen, es ginge nicht schnell genug voran damit, aber es geht voran», sagt La La vom Blues-Laden in der kleinen Innenstadt. Der Hollywood-Schauspieler Morgan Freeman lebt in Clarksdale und hat in einen Blues-Club und ein feines Restaurant investiert. Eine schöne Blues-Galerie hat aufgemacht. Und mehrere Juke Joints laden zumindest am Wochenende zu Livemusik ein. «Früher hatten wir nur am Freitag und Samstag Musik, jetzt auch am Mittwoch und Donnerstag», so La La. Aber neulich musste sie zwei enttäuschten europäischen Blues-Touristen an einem Montag mitteilen, dass es montags in Clarksdale keine Livemusik gebe. Es tat ihr weh, den Blues-Pilgern ihre Illusionen zu nehmen.

Heute aber ist Donnerstag, weshalb im Ground Zero Blues Club der Blues gespielt wird. Unter anderem von Josh «Razorblade» Stewart, einem coolen Entertainer in einem scharfen braunen Anzug. Razorblade ist im Pensionsalter. Gegenüber vom Ground Zero befindet sich das Delta Blues Museum in den Räumen des einstigen Bahnhofs, wo Muddy Waters 1943 den Zug nach Chicago bestieg. Voller Artefakte ist das Museum: Gitarren und Showanzüge berühmter Musiker rufen die Zeiten wach, da die Bluesmen das Delta Wanderpredigern gleich durchkreuzten und von den Kalamitäten des Lebens sangen.

Elf Dollar Fünfzig pro Stunde

«Jeder kriegt den Blues», singt Josh Stewart im Ground Zero. So ist es, der dazugehörige Soundtrack aber wird zunehmend leiser. Wenn Sonny Payne in seinem kleinen Studio in Helena jedoch das Mikrofon anschaltet, steht die Welt still, als habe sie sich nicht im geringsten bewegt seit 1951. Wie damals beginnt seine Sendung auch heute mit dem Slogan «Reichen Sie die Biskuits weiter!». Und wie damals singt Sonny Boy, nur eben von einem Tonband. Einen Lieblings-Bluesman habe er nicht, sagt Payne, der sie ja alle kannte. Aber Robert Lockwood, der Stiefsohn von Robert Johnson, sei sein bester Freund gewesen.

Payne verdiente als DJ elf Dollar und fünfzig Cents pro Woche, «die Musiker bekamen einen Dollar mehr», sagt er. Ausserdem durften Sonny Boy und Konsorten während der Sendung ankündigen, wann und wo sie abends spielten. 1965 erschien Sonny Boy nicht zur Sendung, worauf der Bluesman Curtis Peck nach ihm suchte und den Toten fand. «Ich bin nach Hause gekommen, um zu sterben», hatte Sonny Boy den Freunden in Clarksdale und Helena nach der Rückkehr aus Europa erklärt, wo der Harmonika-Zauberer zu einer Sensation wurde.

Entertainer im Pensionsalter

«Ich habe ein tolles Leben gehabt», sagt Sonny Payne. Gehabt? Sein Leben ist noch immer toll. Sonny Payne darf jeden Werktag die Vergangenheit lebendig machen. Auf Mittelwelle oder im Internet spielt er noch einmal die alten Hits und moderiert sie an, als sei der Blues gleich um die Ecke und lebendig wie eh und je. Obschon in Indianola im Delta, wo B. B. King aufwuchs, bereits ein brandneues Museum zu Ehren Kings gebaut wurde. Zu seinem jährlichen Jubelfest in Indianola aber erscheint B. B. ebenso wenig wie Pinetop Perkins zu seinem Festival auf der Hopson Plantage nahe Clarksdale.

Von der Zukunft des Blues zu reden, ist mithin so, als ob im Haus Wahnfried in Bayreuth Pläne zur Wiederauferstehung Wagners geschmiedet würden. Falls Clarksdale Glück beschieden ist, könnte die Stadt vielleicht zum Bayreuth des Blues werden – und nicht nur Geld verdienen, sondern daran erinnern, was die Menschen dem Blues verdanken. Nämlich Rock 'n' Roll und vieles mehr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.11.2009, 08:34 Uhr

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13 KOMMENTARE

Richard Koechli

30.03.2010, 16:39 Uhr

Glaubt der Verfasser an den Tod des Blues und nimmt diesen emotionslos hin (kann aber beiläufig beim Berichten immerhin Geld verdienen) ? Oder befürchtet er den Tod, würde ihn bedauern und versucht, mit seinem Artikel entgegen zu wirken ? Oder hat er allenfalls nicht begriffen, dass der Blues ein zeitloser Spirit im Hier und Jetzt sein kann ? Well, alles Worte - am besten, man SPIELT den Blues...!


Eckhard Pech

25.11.2009, 14:33 Uhr

Der Blues wurde schon oft totgesagt aber er hat bisher alles überlebt,wenn auch in einem immer kleiner werdenden Rahmen. Was er aber dringend benötigt ist Veränderung,denn Stillstand bedeutet Tod ! Grade damit hat aber der Blues....oder seine (noch) Anhäger Probleme. Wie diese "Veränderung" aussehen soll ? Nun Musiker/Bands wie Jesus Volt oder der Brite Michael Messer zeigen es.


Rolf Winter

17.11.2009, 15:25 Uhr

na klar, sind die zitierten Orte nicht mehr, was sie einst waren. Das hat weniger mit dem Blues zu tun, der angeblich tot ist, sondern damit, dass der Süden wirtschaftlich am Boden liegt und sich niemand wirklich darum kümmert. Dass sich der Blues nach 100 Jahren verschoben und verändert hat, ist auch nicht weiter verwunderlich. Aber tot? Es wird weltweit mehr Blues gespielt als je zuvor.


andreas keller

13.11.2009, 17:11 Uhr

Der Hip Hop wurde ja auch schon totgesagt und trotzdem wird er heutzutage an den Radios rauf und runter gespielt. Natürilch hört man am Radio den Blues seltener, der Zugang zum Blues ist ja auch viel aufwändiger als etwa zum Hip Hop und es ist eine Musik für eine reifere Hörerschaft. Aber der Blues wird auch nach dem Hinscheiden der grossen Bluesmusiker weiterleben und gespielt werden.


Christoph Keller

12.11.2009, 09:55 Uhr

PEACE, LOVE AND BLUES Leider ist es schon so wie der Artikel schreibt. Zum Beispiel das Blue Balls Festival in Luzern hat als Blues Festival angefangen. Mittlerweile spielt der Blues dort leider nur noch eine Nebenrolle.


Jörg Dorner

12.11.2009, 08:04 Uhr

Guter Artikel. Einem Bluesfan wie mir tut er aber weh! Aber ich lebe glaub auch in der Nostalgie.


Erika Gnägi

12.11.2009, 06:42 Uhr

Danke, ein sehr schöner Artikel! Auch für die Schweiz aktuell: Diese Woche findet in Luzern das Blues-Festival statt!


Roland Sanwald

11.11.2009, 19:32 Uhr

Wirklich ein wunderbarer Beitrag - Danke! Ohne Blues ist das Leben nicht mehr lebenswert !!


RENE HELLER

11.11.2009, 18:35 Uhr

Guter Blues Bericht vom Mississippi von Herr Kilian. Der Blues wird sich leicht ändern, wenn die wirklich alten Blues Helden sich verabschieden, aber niemals sterben. Auf meinen Blues Reisen durch die USA, habe ich viele junge, tolle, schwarze Bluesmusiker getroffen. Yes, Blues will go on!


Daniel Simon

11.11.2009, 13:08 Uhr

Auch ich bedanke mich für diesen guten Artikel. Der Blues wird (hoffentlich) nicht sterben. Es gibt zumindest Millionen Menschen, die jeden Montag Morgen ihren Arbeits-Wochen-Blues haben ;-)


Anton Erni

11.11.2009, 12:24 Uhr

Viele Musiker haben noch eine starke Beziehung zum Blues, z.B. Eric Clapton und Steve Winwood, die 2008 zusammen ein großartiges Konzert im Madison Square Garden gegeben haben, aber auch junge Musiker wie Derek Trucks...Rap und Hip Hop Musik ist ja mittlerweile auch schon 25 Jahre alt, aber wenn die Radiostationen jeden miesen Rap Song spielen und spielen...Ja dann...


Peter Bürger

11.11.2009, 11:06 Uhr

Schöner Artikel. Trotzdem: the Blues will never die!


isa keuenhof

11.11.2009, 08:20 Uhr

Vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel.



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