Kultur

«Der Selbstmord war absolut richtig»

Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 28.07.2011 1 Kommentar

Coroner waren Outcasts: zu laut für Jazz, zu komplex für Punk, zu progressiv für Metal. Nun kehrt die legendäre Zürcher Band zurück. Ein Gespräch mit Drummer Marky Edelmann vor ihrem Konzert in Thun.

«Heute wären wir Superstars», sagt Drummer Marky Edelmann (l.). 15 Jahre nach ihrer Auflösung geben die Zürcher Metal-Legenden Coroner ein Comeback.

«Heute wären wir Superstars», sagt Drummer Marky Edelmann (l.). 15 Jahre nach ihrer Auflösung geben die Zürcher Metal-Legenden Coroner ein Comeback.
Bild: zvg

Die Ausgeh-Agenda

Coroner – Live in Ost-Berlin 1990

Jazz im Metalpelz

Sie waren quasi die Young Gods des Metal: Eine Forschungsabteilung mit geringem Lohn, aber grossem Ruhm. Mit ihren sechs zwischen 1985 und 1995 veröffentlichten Alben hat sich das Zürcher Trio Coroner eingeschrieben ins dicke Buch der Popgeschichte als – wahlweise – Ikone des Trash-, Held des Progressive- oder Pionier des Speed-Metal. Wer mit diesen Begriffen nichts anzufangen weiss, soll sich elaborierten Jazz denken, einfach im Metalpelz.

Konzert:
Curlinghalle Thun, Sonntag, 31. Juli, 20 Uhr.

Schon 2005 kursierte das Gerücht, Coroner gäben ein Comeback. Sie haben die Hoffnung mit einem schönen Satz vernichtet: Coroner wärmen nichts auf ausser Spaghettisauce.
Stimmt. Und bei diesem Satz bleibe ich. Im Grunde genommen ist es ja auch wirklich nicht extrem interessant, unseren alten Kram nochmals auszubreiten. Ich finde die Zukunft spannender als die Vergangenheit.

Was hat denn nun den Stimmungswandel ausgelöst?
Viele Leute meldeten sich übers Internet. Sie wollten uns unbedingt nochmals sehen. Manche waren noch nicht mal geboren, als wir Coroner 1996 auflösten. Auf Youtube finden sich Videos von jungen Typen, die zu Hause sitzen und auf der Gitarre unsere Stücke nachspielen. Da kann einen schon zum Nachdenken bringen.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als sie diese Videos sahen?
Gopfertammi, vielleicht müssen wir es eben doch nochmals versuchen.

Die Nachfrage der Fans war also da. Haben Sie selbst die Musik auch vermisst?
Ja, das Schlagzeugspielen schon. Nach Coroner bin ich in die elektronische Musik eingetaucht. Ich habe mit Playstation-Sequenzern experimentiert, ein Album bei Cristian Vogel von Super Collider rausgebracht, einige Konzerte gespielt mit Laptop und so. Aber das kam mir bald sehr albern vor. Früher war live noch live – das Gespielte war einzigartig in genau diesem Moment. Auf der Bühne stehen und Samples abrufen, das war mir zu banal. Insofern reizte es mich schon, zu Coroner, zum handgemachten Sound zurückzukehren.

Gitarrist Tommy Vetterli hat ebenfalls Überzeugungsarbeit geleistet.
Ja. Er war ja durch seine Arbeit als Produzent und Musiker immer im Geschäft geblieben. Und bekam ständig von Promotern zu hören, wie gern sie uns für dieses oder jenes Festival buchen würden. Tommy hat die Anfragen stets weitergeleitet. Aber ich lehnte sie alle ab.

Wie oft musste er nachhaken?
Das hat sich so über vier Jahre hingezogen. Meine Antworten wandelten sich graduell. Von «vrgiss’s» bis «schauen wir mal nächstes Jahr». Es ging ja nicht nur um die Frage, ob wir wieder auftreten wollen. Sondern auch darum, ob wir unsere Lieder noch spielen können. Bei dieser Musik, die wir uns da eingebrockt hatten, ist das nicht selbstverständlich.

Irgendwann waren sie dann aber gemeinsam im Proberaum. Was ist da passiert?
Wir hatten vereinbart, dass wir drei Stücke vorbereiten. Drei einfache. Wir wollten nur mal schauen. Es war ja möglich, dass wir uns total lächerlich machen.

Es kam anders.
Genau. Aber es fühlte sich extrem merkwürdig an. Du sitzt da und dein Körper ist wie ferngesteuert. Plötzlich dreht er sich nach rechts und du fragst dich noch, warum, da schlägst du schon auf das rechte Becken und du so: Aha, deshalb. Diese Songs sind wie Programme, die der Körper abspult. Sie sind irgendwo eingeschrieben. Wo, weiss ich nicht. Und leider auch nur in Bruchstücken. Dann kommt die schmerzhafte Phase: Da muss man alle Parts wieder raushören und sich aneignen. Auch konditionell sieht es bei uns natürlich inzwischen anders aus als vor 20 Jahren.

Wie kommt man körperlich auf das nötige Niveau?
Mit üben.

Wie lange?
Sagen wir es so: Nach neun Monaten hatte ich erstmals keine Angst mehr vor einem Herzkasper.

Und wie waren die ersten Konzerte?
Extrem gut. Eine Reunion ist ja immer auch ein Risiko. Man kann das Publikum enttäuschen und sich selbst auch. Zum Glück blieb uns das erspart.

Was waren denn die Gründe für die Auflösung von Coroner?
Nach sechs Alben und vielen Tourneen waren wir an einem Punkt, wo wir alle etwas Neues brauchten. Zudem kam damals Crossover auf, das fanden wir huere cool. Metal schien verstaubt zu sein. Wir wollten nicht so lange weitermachen, bis der Abstieg kommt. Es war ein Selbstmord, aber die absolut richtige Entscheidung. Viele Bands von damals haben den Moment, aufzuhören, verpasst.

Bedauern Sie es, dass Ihnen der ganz grosse Erfolg versagt blieb?
Gar nicht. Ich staune bis heute, wie weit wir mit dieser vertrackten Musik gekommen sind. Es heisst ja oft, Coroner seien unterschätzt worden. So sehe ich das nicht. Wir haben von unseren Alben immer über 50'000 Exemplare abgesetzt – heute wären wir Superstars. Da bin ich echt stolz drauf. Klar, es geht immer noch höher und noch weiter. Aber für mich war es voll okay, so wie es war.

Sie spielen jetzt einige Konzerte. Gibt es auch eine neue Platte?
Nein. Dazu fehlt uns die Zeit. (Der Bund)

Erstellt: 28.07.2011, 10:49 Uhr

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1 Kommentar

Sämi Wenker

28.07.2011, 16:18 Uhr
Melden 6 Empfehlung

und wenn man Coroner jetzt live sieht, bemerkt man erst wie modern der Sound jetzt ist! Der verzerrte Bass, das harte, kompliziert gespielte Schlagzeug und die supertechnische Gitarre war vor 15 Jahren seiner Zeit genau 20 Jahre voraus, und trifft jetzt den Sond der Zeit!! Antworten



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