Kultur

Der Sänger blinkt rot-weiss

Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 08.08.2011 1 Kommentar

Neu, neu, neu. Am Bejazz-Sommer feierte das Asmin Sextett Plattentaufe, führte Oli Kuster seine Menschmaschine vor und ging Stimmextremist Bruno Amstad an die Grenzen des Menschenmöglichen.

Ein Hochleistungssängerrapperbeatboxer ist der Autodidakt Bruno Amstad.

Ein Hochleistungssängerrapperbeatboxer ist der Autodidakt Bruno Amstad.
Bild: Manuel Zingg

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Wüsste man es nicht besser, es wäre zum Fürchten. Erst färben sich nur die Wangen, dann breitet sich die giftige Rötung aus – auf die Stirn, den Hals, den Brustkorb. Am Schluss glühen die ganzen 175 Zentimeter von Bruno Amstad. Es sieht gefährlich aus, könnte eine Krankheit sein. Aber dann ist der Luzerner Stimmextremist mit seinem Solo durch und nimmt allmählich wieder eine gesunde Farbe an.

Dass Amstad ein Hochleistungssängerrapperbeatboxer ist, weiss man spätestens seit seinen Auftritten bei Christy Doran’s New Bag. Was der Autodidakt aber mit Mister Mohop and large shape am Samstagabend auf dem Berner Rathausplatz abliefert, ist eine Parforceleistung. Knapp 75 Minuten lang präsentieren Amstad und seine drei formidablen Mitmusiker Markus Moser (git.), André Hahne (b.) und Yannick Oppliger (dr.) die Collagen ihres Erstlingswerkes «Barockoko» (Unit Records). Von der urtümlichen Buschtrommel bis zur distinguierten bürgerlichen Salonmusik, vom Kitsch des Musicals bis zum muezzinesken Klagelied wird hier so ziemlich alles fusioniert, was Renommee, Geschichte und vor allem Charakter hat. Das Resultat ist eine ausufernde, komplexe, stets wogende Spielform des Jazz-Rock, die auf dem Rathausplatz sogar noch ein bisschen mehr Spass macht als ab CD. Und das liegt nicht nur am fulminanten, rot-weiss blinkenden Amstad.

Gedichte von Victor Hugo

Auch wenn die Methoden von Bruno Amstad und Gregor Frei durchaus eine Verwandtschaft verbindet – Amstad interpretiert auf «Barockoko» Gedichte von Victor Hugo, auch der junge Klarinettist Frei holt sich die Inspiration für seine raffinierten Kompositionen bei der Literatur – kommt Freis Asmin Sextett doch zu einer grundlegend anderen Form der Musik. Was soeben auf «Roots of a Weightless Soul» (Unit Records) verewigt wurde, sind gutherzige, aber eher lichtscheue Jazz-Fantasien. Und, wie sich am Freitagabend herausstellt, leider ein bisschen zu betulich für eine Freiluftbühne in der Anflugschneise Belp, wo die Kirchturmglocken die Viertelstunden anzeigen und sich ein ziemlich gesprächiges Publikum versammelt hat.

Alle erdenklichen Freiheiten

Am meisten Gesprächsstoff hat im Vorfeld des Bejazz-Sommers ein anderer geliefert: Für Freitag war der umtriebige Berner Pianist Oli Kuster (Pola, Oli Kuster Kombo, Ex-Züri-West) mit einer Demonstration seiner Menschmaschine angesagt, ein hochklassig besetztes Ensemble mit einem hochspannenden Motiv. Gemeinsam wollen Bandleader Kuster, Domenic Landolf (sax.), Kevin Chesham (dr.) und Christoph Utzinger (b.) das Œuvre der Düsseldorfer Techno-Pioniere Kraftwerk neu deuten.

Tatsächlich wird es am Freitagabend von den vier Herren auf der Bühne zunächst mal gründlich zerlegt. Digital-Chic? Raumfahrtkitsch? Zukunftseuphorie? Synthesizer? Fehlanzeige. «Autobahn», «Das Model», «Die Roboter», «Tour de France» – die Hits von Kraftwerk sind hier nur noch als analoge Abziehbildchen vorhanden.

Oder als Hookline, also Haken, und daran, das wissen Menschmaschine, hängt das Publikum recht zügig, wenn nur im Intro diese naiven Melodien erklingen. Ansonsten foutieren sich Kuster und seine Mitstreiter um Werktreue und nehmen sich alle erdenklichen Freiheiten raus. Solieren ausgiebig, changieren Takt und Rhythmus, bauen Arrangements um und bringen wo nötig Korrekturen an. Das ist cool und nett und lässig. Nicht weniger, nicht mehr. (Der Bund)

Erstellt: 08.08.2011, 07:59 Uhr

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1 Kommentar

vogt michael

15.08.2011, 01:16 Uhr
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mein persönliches und vielleicht doch nicht ganz nur subjektives high-light: der gastauftritt von nadja stoller bei menschmaschine: wahrhaft klassisches jazz-feeling, und doch modern, gerade deshalb sympathisch, weil nicht besonders "high", ganz im menschlichen mass, und liess doch an in gelassenheit integrierter dynamik nichts zu wünschen übrig... Antworten



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