Kultur
Der Peitschenmann
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 02.05.2012 1 Kommentar
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Tag 6. Temperatur 38 Grad. Stimmung: Die Faranas haben Angst.
Gebt bloss Acht auf den Peitschenmann, riet der Mann im Hotel noch, als die Faranas ihm erzählten, dass sie die Fête des masques zu besuchen gedenken. Ein kleiner Trip ins urige Afrika sollte es werden, ein Augenschein, wie es um Tradition und Brauchtum bestellt ist, in diesem Burkina Faso. Der Peitschenmann sollte das kleinste Problem werden, soviel sei bereits vorweggenommen.
Die Fahrt ins kleine Dorf, wo die Zeremonie stattfand, war holprig, die Strassen wurden mit jedem Kilometer, den sich die Faranas dem Nest näherten, staubiger und unwegsamer. Es roch nach Abenteuer, und es sollte eins werden.
Das Dörfchen war einfach, die Hütten schlicht, und wenn man hineinspienzelte, sah man Frauen, die gemeinsam hinter diversen Kochtöpfen standen, Kinderchen spielten auf den Strassen, und auf dem Dorfplatz, in der Nähe eines Avatar-artigen Dorfbaumes fand also die grosse Zeremonie statt, das Maskenfest zum Gedenken der Ahnen und Urahnen. Und es wurde schon bald klar, dass das nicht irgendeine Touristen-Falle war, wo sich die Afrikaner das Baströckchen überstreifen, für die Urlauber lustig tanzen und singen, um sich danach wieder in T-Shirt und Jeans zu schmeissen und mit dem Motorroller davonbrausen. Nein, das hier war echt.
Die Dorf-Community hatte sich in einem grossen Kreis aufgestellt, alle hatten sich prächtig herausgeputzt, und in der Mitte des Kreises waren die Maskenmänner dabei, ihre wilden Tänze aufzuführen. Sie rotierten spektakulär durch die Luft, begleitet von Trommlern und einem Flötenmann, es staubte, die Sonne brannte und die Dorfsippe begutachtete konzentriert jede Tanzfigur und jedes Wirbeln der bunt kostümierten Gesellen.
Die Schweizer als Randerscheinung – zunächst
Dass eine Gruppe weisser Dahergelaufener diesem Ritual beiwohnt, ist offensichtlich nicht ganz üblich, demensprechend misstrauisch, aber zunächst noch freundlich, wurden die Faranas (der Bandname ist der anglo-afrikanische Ausdruck für Foreigners) beäugt, aber da die Zeremonie die volle Aufmerksamkeit forderte, war das Eintreffen der Schweizer zunächst nur eine Randerscheinung.
Dann muss es irgendwie passiert sein. Ob diese Zeremonie filmisch oder fotografisch festgehalten werden darf, darüber kursierten unter den Faranas unterschiedliche Thesen. Sie reichten von «kein Problem» bis «sehr grosses Problem», es habe drakonische Strafen zu befürchten, wer sich hier nicht an die Regeln halte. Und so entschied man sich unter den Weissafrikanern für die nicht ganz so draufgängerische Variante und beliess die Kameras schön in den Rucksäcken.
Doch so ganz alle schienen sich dann doch nicht an das Gebot zu halten. Dieser Meinung war jedenfalls ein aufgebrachter Dorfbewohner, der zwei Faranas-Schweizer bei filmischen Tätigkeiten ertappt zu haben glaubte. Und das war nicht gut. Das war gar nicht gut. Obwohl die Beschuldigten versicherten, sie hätten bloss den Avatar-Baum fotografiert, war der Mann nicht mehr zu besänftigen. Er war dermassen aufgebracht, dass er dazu überging, bei anderen Dorfbewohnern gegen die weisse Minderheit Stimmung zu machen. Die Faranas warfen als Schlichtungsbeauftragten ihren Sänger, den Senegal-Schweizer Mory Samb, in die Runde, doch es half alles irgendwie nichts. Die Fronten verhärteten sich.
Irgendwann bildete sich ein Pulk ernster Mannen um die eingeschüchterten Berner Musikanten, der Gitarrist Häberlin Bernhard und Bassist Aeberhard Andreas schlugen vor, das Dorf besser sofort als zu spät zu verlassen, zumal einer dieser ernsten Männer eine Machete um seinen Hals trug.
Man entschloss sich zum Rückzug
Der einheimische Organisator des kleinen Betriebsausflugs rief den Ältestenrat herbei, die Alten reiten zu Deeskalation, gaben sich wohlwollend und zogen wieder ab. Doch der Mann – vermutlich der Beauftragte für Klatsch und Skandal des Dorfes – war noch immer nicht zu beruhigen. Er informierte immer weitere Bewohner über die vermeintlichen Fehlleistungen der Bleichgesichter. Man entschloss sich zum Rückzug, bevor auch noch der Peitschenmann von der Sache Wind bekam.
Doch weil der Guide für die Faranas noch eine urige Mittagsmahlzeit in einer Strohhütte vorgesehen hatte und es sich nicht ziemt, ein versprochenes Essen nicht einzulösen, endete die Flucht in einem engen Gelass, wo den Musikern zunächst sehr sonderbares Bier verabreicht, kurz darauf ein äusserst sonderbares, aber sehr leckeres lokales Mahl serviert wurde. Und da sassen sie nun also, die verstossenen und verängstigten Fremden, um sie herum hatten sich ein paar neugierige Schaulustige versammelt, die ihnen beim Essen ohne Essbesteck zusahen und jedes Mal entsetzt aufschrien, wenn der Linkshänder Häberlin Bernhard barhändig in den Topf griff (ein altes afrikanisches Tischgesetz besagt, dass die linke Hand nicht zur Nahrungsaufnahme, sondern zur Reinigung des Hinterteils bestimmt sei, im Esstopf also nichts zu suchen hat).
«Oh, non, les blancs»
Und dann wurde es hitzig draussen. Der Peitschenmann ging dazu über, die Dorfbevölkerung durch die Gassen zu jagen. Frauen und Kinder waren nun ebenso auf der Flucht wie Männer und Opas, es wurde geschrien und gejault, die Faranas dachten zunächst, es handle sich um einen Volksaufstand und jetzt habe endgültig das letzte Stündchen geschlagen.
Eine junge Frau, die sich mit einem beherzten Sprung in die Strohhütte im letzten Moment vor dem Peitschenmann retten konnte, rang nach der ersten Erleichterung nach Luft, dann sah sie die Faranas, schrie «oh, non, les blancs» und zog es vor, lieber draussen in die Fänge des Peitschenmannes zu geraten, als bei den weissen Ketzern und Verrätern zu bleiben.
Irgendwie haben sie es geschafft, heil da rauszukommen. Zum Schluss wurden die Faranas noch einzeln, von einem Ritual-Trommler unter die Hüpplen genommen. Seither ist wieder Ruhe eingekehrt im Camp. Auf weitere solche Kultur-Experimente wollen die Faranas jedoch künftig verzichten. Eine weise Entscheidung, findet der Chronist. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.05.2012, 09:01 Uhr
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