Der Hip-Hop-Streber
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 17.08.2011 14 Kommentare
Kanye West, Jay Z: Otis
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Das Cover ist ganz in Gold und Glanz gehalten, der Titel ebenso stolz: «Watch the Throne» heisst das Album, das den regierenden König des Hip-Hops mit seinem Kronprinzen vereint und eines der meistverkauften und vor allem meistbeachteten Hip-Hop-Alben des Jahres werden dürfte. Mit Superlativen jedenfalls wird nicht gespart. König und Kronprinz hätten sich hier zusammengefunden, das Resultat ihrer Zusammenarbeit könne genauso wenig als Hip-Hop-Genrewerk bezeichnet werden, wie die Zusammenarbeit der Beatles und der Stones im Jahr 1969 bloss eine Rockplatte gewesen sei, hiess es im Tagi, «Elefantenhochzeit des Hip-Hop» titelte die Basler Zeitung. Tatsächlich: Kanye West und Jay-Z sind die beiden Adressen, an die in den vergangenen Jahren die stolzesten Hoffnungen auf eine Renovation eines Genres gesendet wurden, das vor allem in der Leere seiner Grosskotz-Allüren zu drehen scheint.
Der König dankt ab
Den stolzen Ankündigungen zum Trotz ist «Watch the Throne» nicht das stilbildende Meisterwerk, das es gerne sein möchte. Es blickt stolz zurück, klopft sich auf die eigene Schulter und konstruiert mit Samples eine stolze Genealogie der Black-Music von den Sechzigerjahren bis ins neue Jahrtausend. Das eigentliche Ereignis dieses Albums aber ist keineswegs die erhoffte musikalische Frischzellenkur fürs Genre, auch nicht die Tatsache, dass die beiden Grossen des Hip-Hops sich zusammen auf ein und denselben Thron quetschen. Das Ereignis heisst Kanye West. Der als Producer akzeptierte, als MC lange belächelte College-Drop-out, der eigentlich des Hip-Hops fleissigster Streber ist, der selbst ernannte Louis-Vuitton-Don mit gebrochenem Kiefer, aber ungebrochenem Sendungsbewusstsein, der mit seinem unmöglichen Auftritt bei den MTV-Music-Awards zum Internet-Meme wurde und sich sogar eine Rüge von Barack Obama eingefangen hat, hat seinen Mentor, den agierenden King überflügelt. «Watch the Throne» kann hier nur bedeuten: Seht her Leute, der alte König dankt ab, es lebe der neue, und er heisst Kanye West.
Der Mann ist ein Phänomen, in jeder Hinsicht. Mit seinem beeindruckenden Kiefer und dem noch beeindruckenderen Sendungsbewusstsein, tauchte er im Jahr 2004 auf der Landkarte der amerikanischen Rapmusik auf wie ein Deus ex Machina – da dümpelte das Genre bereits einigermassen freudlos vor sich hin. Es gab auf der einen Seite die Bling-Bling-Exegeten des Mainstreams, die sich als Fixstern ihrer Schöner-Wohnen-Welt zwischen Crystal-Flaschen und halb nackten Damen inszenierten. Auf der anderen Seite versuchten ein paar idealistische Black-Conscious-Propheten via Hip-Hop ihre Botschaft ins Bewusstsein der amerikanischen Bevölkerung zu rappen – hoch geschätzt von einer kleinen Minderheit, schafften sie allerdings nie den ganz grossen Durchbruch. Und dann kam Kanye. Als Produzent für Jay-Zs hoch gelobtes Album «The Blueprint» akzeptiert, wurde er als MC lange belächelt, bis er mit seinem selbst produzierten «The College Dropout» nachdoppelte und die Hip-Hop-Gemeinde spaltete. Die einen hielten den Mann für einen Poser, bemängelten seinen Flow, bezeichneten ihn als weich und weibisch. Andere horchten auf, weil sie in Kanyes frischem Zugang die Rettung des Genres witterten. Denn Kanye war weder Team Bling-Bling, noch Team Consciousness, er verband von Anfang an beides – gewürzt mit einer gehörigen Portion Witz und einer Selbstironie, von der nie ganz klar wurde, ob sie nicht doch ernst gemeint war.
Düster-poppig-bombastisch
Wie kein anderer arbeitete West mit Hochdruck an seiner Karriere. 2005 erschien sein zweites Album «Late Registration», das sich nahtlos an sein Debüt anschloss. Er intervenierte bei Magazinen, die seine Alben nicht nach seinem Gusto rezensierten, er gab Konzerte, für die er ganze klassische Orchester auf die Bühne stellte und alles gab, stundenlang. Er veröffentlichte Mixtapes seiner Tracks, bevor er sie zu Alben zusammenfasste, um die Reaktionen des Publikums schon vorab zu testen. Es folgten die Alben «Graduation», «808s & Heartbreak» und vergangenes Jahr schliesslich das musikalisch mutige, düster-poppig-bombastische «My Beautiful Dark Twisted Fantasy», das von vielen Kritikern als Rap-Album des Jahres gefeiert wurde.
Musikalisch machte der Rapper also alles richtig. Als Figur blieb er umstritten. So stürmte er aus dem Auditorium der American Music Awards of 2004, weil er nicht zum Best New Artist gekürt worden war. Zwei Jahre später war sein «Touch the Sky» bei den MTV Europe Music Awards als bestes Video nominiert, gewann aber nicht, worauf Mr. West die Bühne bei der Preisvergabe stürmte. 2009 enterte er während der Dankesrede von Taylor Swift erneut die Bühne der MTV Video Music Awards, weil er der Meinung war, Beyoncé und nicht die ausgezeichnete Swift habe den Award für das Best Female Video verdient.
Der Louis-Vuitton-Don
Trotz der nachfolgenden Kontroversen steht Kanye West heute ganz oben – selbst der King Jay-Z verblasst auf dem Thron neben dem Louis-Vuitton-Don, wie West sich selbst gern nennt. Längst hat er sich auch in anderen Sparten etabliert, sein Fashion-Blog ist inzwischen viel beachtet, im September wird er im Rahmen der New York Fashion Week seine neue Modelinie für Frauen präsentieren, bei der ihm Designerin Louise Goldin zur Seite gestanden ist. Die Fashion-Welt jedenfalls rechnet laut «Guardian» nicht einfach mit einer weiteren Superstar-Kollektion, sondern attestiert West reelle Chancen, auch im Modezirkus eine Grösse zu werden. Bleibt nur noch, Jay-Z auch auf der Forbes-Liste der Hip-Hop-Cash-Kings zu überholen – ein ehrgeiziges Unternehmen. Mit den 16 Millionen, die West im Jahr 2010 verdiente, hat er nicht einmal die Hälfte der 37 Millionen verdient, welche Jay-Z im selben Jahr machte. Doch das dürfte Kanye nicht schrecken, sondern im Gegenteil ein Ansporn sein.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 17.08.2011, 12:15 Uhr
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14 Kommentare
Von wegen "Leere der Grosskotz-Allüren", da sind wir bei Kanye genau an der richtigen Adresse. Als Produzent ist er echt okay, manchmal auch unglaublich gut, aber wenn er auf seine langweilige Art das Mikrofon misshandelt, krieg ich immernoch das kalte Grausen. Antworten
Sowohl Kanyes Soloalbum My Beautiful Dark Twisted Fantasy als auch das neue mit Kanye sind bombastisch gut. Beide Alben gabs so noch nie, ich liebe jeden einzelnen Track auf beiden Alben.
Gute Kritik, jedoch finde ich dass Jay ein bisschen mehr Respekt gezollt werden sollte, denn auch er ist in Topform auf dem Album. Einfach ganz grosse Klasse die beiden.
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