Kultur

Der Herbst der Aufrechten

Von Benedikt Sartorius. Aktualisiert am 22.11.2011

Wie tönt Unbehagen? Wohin zieht es die Weltüberdrüssigen heute? Und wie feiert ein Altstar sein Überleben? Das Festival Saint Ghetto lieferte in drei Nächten Antworten.

1/6 Best-of-Programm eines Überlebenden: Marc Almond.
Bild: Eliane Baumgartner

   

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So stellt man sich den letzten Schwof unter der Discokugel vor: glamourös, schön, aber eben auch ein wenig tragisch. Marc Almond schenkt dem mit ihm älter gewordenen Publikum diesen letzten Tanz und spielt am Sonntag in der Berner Dampfzentrale ein beinahe karriereumspannendes Set.

Als Intro wird auf der Videowand ein Clip-Zusammenschnitt aus den seligen MTV-Achtzigerjahren mit den vielen Gesichtern des 54-jährigen Überlebenden gezeigt, untermalt mit einem Synthie-Potpourri, das in Strauss’ «Also sprach Zarathustra» gipfelt. Alle sind sie im anschliessenden, beinahe zweistündigen Auftritt untergebracht, die geliehenen wie die eigenen Hits: Jacques Brels «Jacky», Gene Pitneys «Something’s Gotten Hold of My Heart», das pumpende «Tainted Love» und zum Schluss der hymnische Abschied «Say Hello Wave Goodbye» aus den Zeiten seines Duos Soft Cell.

Gegeben werden die Gassenhauer von einer kaum subtilen Stadion-Gala-Band, die jene Brüche zudeckt, die Almonds Biografie säumen – aber für die Unbehaglichkeit, für das Gegenwärtige waren am dreitägigen Festival Saint Ghetto der Berner Dampfzentrale ohnehin andere zuständig.

Der Wald ist mein Club

Das Saint Ghetto setzte bei seiner vierten Ausgabe – mit der Ausnahme Almond – auf jüngere Kräfte, nachdem in den letzten Jahren exzentrische Figuren der Musikgeschichte wie die anonymen Residents oder der grosse Mark E. Smith von The Fall im Fokus gestanden hatten. Diese Neuausrichtung zahlte sich publikumsmässig nicht aus, künstlerisch aber schon – etwa dank der 24-jährigen Engländerin Annika Henderson, die am Samstag die Affiche zierte.

Die Sirenen heulten, der Dub ihrer Begleitband aus dem Umfeld der Bristoler Grossmeister Portishead zeigte seine Muskulatur, während sie als künstlich-dilettantische Sängerin und unnahbare Bühnenfigur Anika Zeilen aus meist obskuren Liedern der Sechziger- und Siebzigerjahre wiedergab. Vorab im riskanten Spiel der Band mit einem verpeilten, unberechenbar gähnenden, viel trinkenden und lärmend attackierenden Gitarristen zeigte sich, dass die gegenwärtige Gesellschaftsordnung auf der Kippe steht. Und so bastelte diese Popmusik mit Elementen aus der Vergangenheit einen der dringlichen Soundtracks zur unbehaglichen Gegenwart.

Derweil zog am Freitag das Trio Esben and the Witch in den Hexenwald und frönte der Sucht nach dem Jenseits. Jüngere, eher konfuse Genrebezeichnungen wie Witch House zeugen von diesem verbreiteten weltflüchtigen Sehnen nach Nebel und Geistermystik, das sich im Klang- und Erscheinungsbild der Anfangszwanziger bemerkbar macht. Der Wald ist ihr Club – und Esben and the Witch reichern das einnehmende Beat-Pochen mit Trockeneis, Schamanentänzen um die Standtrommel, verloren hallenden und eisig schneidenden Gitarren sowie der traurig-schwebenden Stimme von Rachel Davies an.

Eine «Depressionsoper»

Und dann war da noch die Band, die derzeit alles sprengt. Die Gruppe Ja, Panik aus dem österreichischen Burgenland, mittlerweile in Berlin heimisch, erschuf dieses Jahr mit ihrer vierten Platte «DMD KIU LIDT» ein sprachlich und musikalisch steinbruchhaftes Album, das erst jetzt, im Herbst der fallenden Regierungen, seine Grösse in Gänze entfaltet. Im Anschluss an Marc Almond beschliessen die fünf schwarz gekleideten Freunde der Angst um den 27-jährigen Sänger, Gitarristen und Texter Andreas Spechtl das Saint Ghetto mit einem Konzert, das leise und getragen mit der zu Tränen rührenden Ballade «Trouble» anhebt, aufbrausend und laut und rauschhaft wird und ans Lebendige geht, das allerdings vor leider arg ausgedünnten Publikumsreihen.

Man tanzt, während «Alles hin, hin, hin» ist, man hört mitleidend zu, wenn die einzelnen Bandmitglieder – sie heissen Sebastian, Stefan, Thomas, Thomas, Christian und Andreas – ihre persönliche Strophe im Liebeslied für die Vereinzelten «Nevermind» singen. Und steigt, ganz zum Schluss, in die «Depressionsoper», die dem aktuellen Album den Namen gab.

Das Weltsystem sprengen

Das viertelstündige «DMD KIU LIDT», dieses Monster von einem Lied, hat die Dunkelheit gesehen – und wie es am Sonntag vorgetragen wurde, kann zweifellos zu den ganz, ganz grossen Konzertmomenten der Gegenwart gezählt werden. Spechtls lädiertes Text-Ich zieht in die Welt hinaus, bleibt krank, nimmt Opiate, versucht als Anarchist das schwankende Weltsystem zu sprengen, während die Band den Sänger immer lauter, dringlicher in die Tiefe begleitet, bis sie stoppt.

Allein ein Wispern im Raum bleibt übrig und bringt dieses «seltsame Lied» zu Ende. Aber natürlich, so Spechtl im Text, «kommen noch ein paar Strophen / An denen mir mehr als an allen anderen liegt». Und das Publikum und die Band, die aufs Ganze geht, verharren aufgewühlt in tiefer Stille. So stellt man sich den letzten Tanz am Abgrund vor. (Der Bund)

Erstellt: 22.11.2011, 08:40 Uhr

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