Kultur

Das Wunder von Düdingen

Von Markus Spörndli. Aktualisiert am 28.05.2009

Mit Anti-Marketing zum Erfolg: Warum Sonic Youth und andere Rock-Ikonen lieber in Düdingen als in Montreux auftreten und Musikfans massenhaft an ein verschrobenes Festival in der Freiburger Provinz pilgern.

Die Avantgarde der alternativen Rockmusik trifft sich in der Landwirtschaftszone: an der Bad Bonn Kilbi. (Tomas Wuethrich)

Die Avantgarde der alternativen Rockmusik trifft sich in der Landwirtschaftszone: an der Bad Bonn Kilbi. (Tomas Wuethrich)

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Bad Bonn Kilbi, 29. bis 31. Mai

Der Festivalpass und die Tagespässe für Samstag und Sonntag sind ausverkauft. Für Freitag gibt es noch wenige Karten. Im Schatten der Headliner Sonic Youth (Sonntag), Mogwai (Samstag) und Sophie Hunger (Freitag) gibt es wie üblich viel weniger bekannte Musik aus verschiedensten Sparten zu entdecken. Allein am Freitag zum Beispiel: der dunkle, elektronische Postrock der Freiburger Black Cargoes. Die experimentelle und doch tanztreibende Electronica der New Yorker Gang Gang Dance. Oder die schrägen, komplexen und doch wundersam frohen Deerhoof aus San Francisco. (spö)

Die Bad Bonn Kilbi ist der Albtraum jedes Marketingtheoretikers: Location? Nicht Downtown Switzerland, sondern in der Landwirtschaftszone der Gemeinde Düdingen, Kanton Freiburg. Branding? Bad Bonn Kilbi! – da kann es sich ja eigentlich nur um ein Volksfest in einem süddeutschen Kurort handeln. Marketingstrategie? Was ist das?

Daniel «Duex» Fontana ist ein Mann der Praxis, und der Erfolg seines Musikfestivals beruht auf Konsequenz, Kreativität und Networking. «Viele der Bands, die hierherkommen, sind einfach begeistert von der Atmosphäre des Ortes», sagt Fontana. «Das spricht sich in der Szene herum.» Medien betitelten die Bad Bonn Kilbi schon als «bestes Festival der Schweiz», namhafte Vertreter der alternativen Rockmusik tummeln sich auf der kleinen Clubbühne und im improvisiert wirkenden Openair-Bereich. Und Fans aus der ganzen Schweiz haben dieses Jahr dafür gesorgt, dass der Festivalpass für die neunzehnte Ausgabe des Festivals innert weniger Wochen ausverkauft war (siehe Box).

Der Name Bad Bonn stand bis Ende der Sechzigerjahre in der Tat für ein Kurbad entlang der Saane. Dann wurde die Infrastruktur durch den Schiffenenstausee unter Wasser gesetzt. Das ehemals fast mondäne Kurhotel «Bad Bonn» wurde weiter oben durch einen gleichnamigen Landgasthof ersetzt, der bald zu einer Absteige verkam. Auch eine volkstümliche Kilbi gab es im historischen Bad Bonn seit über 500 Jahren, die im nachfolgenden Landgasthof bis 1990 in versiffter Version weiterexistierte.

The Prodigy und Landregen

Dann kam Daniel Fontana. Der damals 25-jährige Düdinger, ein interessierter Musikkonsument, der im Dorf schon ein Pub führte, übernahm 1991 den Landgasthof und interpretierte die Tradition der Kilbi auf seine ganz eigene Art. Rock, Blues und vor allem Heavy Metal prägten die erste Kilbi-Ausgabe der neuen Zeitrechnung. Später lockten grössere Schweizer Bands aus dem Mainstream-Rock wie Züri West einige Auswärtige an.

Vier Jahre später fand Fontana die Zauberformel, die er bis heute konsequent und kreativ anwendet: eine magische Mischung aus vielen äusserst unbekannten, aber vielversprechenden Bands verschiedenster alternativer Musikbereiche und aus wenigen grossen Namen des Alternativ-Rock, für die andere Konzert-Veranstalter ihr letztes Hemd hergeben würden.

1995 war der grosse Name The Prodigy. Und er stand beinahe für das vorzeitige Ende des Experiments Bad Bonn. Der teure Act sorgte zusammen mit einem dreitägigen Landregen für ein kolossales Defizit. «Ich habe mich da auch selbst hineingeritten», sagt Fontana: «Früher habe ich nebenbei die Finanzen gemacht und gleichzeitig alles programmiert, was mich interessierte.» Nun wacht Patrick Boschung über das Budget, und Fontana hat trotz dem diesjährigen grossen Namen – Sonic Youth – keine Angst, sich finanziell zu übernehmen, obwohl dies das bei Weitem teuerste Engagement in der Geschichte von Bad Bonn ist.

Bands im Embryonalstadium

Heute finanziert sich der Club zu über 90 Prozent selbst – in erster Linie durch den Erlös aus dem von Georges Gobet geführten Barbetrieb. Daneben schiesst die Loterie Romande einiges Geld ein. Die Gemeinde Düdingen hingegen bringt für den Club keinen Rappen freiwillig auf – obwohl dieser seit der Schliessung des historischen Kurbades die einzige Institution ist, die Auswärtige anzulocken vermag. Fontana hat sich daran gewöhnt, dass sein Club von der Gemeinde an der Sprachgrenze bestenfalls geduldet werde. Wichtiger findet er, dass viele der 7000 Dorfbewohner durchaus stolz sind, wenn sie von Auswärtigen auf Bad Bonn angesprochen werden.

Früher hing Fontana im Fri-Son in der Stadt Freiburg herum und versuchte die Bands, die dort spielten, auch gleich noch für das Bad Bonn zu verpflichten. Heute pilgern die Konzertveranstalterkollegen von Montreux bis Frauenfeld nach Düdingen, um die grossen Bands von morgen im Embryonalstadium zu beobachten. Wie fühlt Fontana den Puls des Neuen, Vielversprechenden? «Ich habe viel Kontakt mit alternativen Konzertveranstaltern in aller Welt, höre auf die Tipps der eingeladenen Bands und verbringe einfach viel Zeit vor dem Computer», sagt der 43-Jährige.

Dank Fontanas Kontaktnetz spielen Sonic Youth eines ihrer nur sieben kontinentaleuropäischen Konzerte in der Freiburger Provinz. Die Ikonen der alternativen Rockmusik verkörpern wie keine andere Band den Geist dieses einzigartigen Festivals. All denen, die keine Tickets mehr ergattern konnten, sei empfohlen, unter dem Jahr in Düdingen vorbeizuschauen. Denn auch dann ist das Bad Bonn ein Ort, an dem es viel zu entdecken gibt – Bands zuweilen, die in zwei oder zehn oder zwanzig Jahren neue Ikonen der alternativen Musik sein könnten. (Der Bund)

Erstellt: 28.05.2009, 14:51 Uhr

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