Das Publikum als Förderstelle
Von Regula Fuchs. Aktualisiert am 03.02.2012
Auch Ron Orp sucht Schwarmfinanzierer
Gewisse Ideen liegen in der Luft. Neben Wemakeit.ch geht noch eine zweite Schweizer Crowdfunding-Plattform an den Start. Sie heisst 100-days.net, und dahinter stehen Romano Strebel und Christian Klinner, die mit ihrem Ron-Orp-Newsletter Zürich, Bern, Basel, Genf oder London mit Eventtipps bedienen. Das Unternehmen liefert aber nicht nur Ideen, es hat auch oft geholfen, Projekte anzuschieben – der Schritt zur eigenen Crowdfunding-Site ist da kein grosser mehr. Mussten Künstler wie Noël Dernesch bis vor kurzem noch auf US-Plattformen zurückgreifen – der Zürcher sammelte auf Kickstarter 60 000 Franken für seinen Dokumentarfilm über die Reggae-Szene –, bieten sich ihnen nun also gleich zwei heimische Anlaufstellen an. Eine komfortable Situation, die aber zur Frage führt: Sind zwei nicht eine zu viel? Romano Strebel von 100-days.net wie Johannes Gees von Wemakeit (siehe Hauptartikel) sehen der Konkurrenz locker entgegen. Ihm sei wichtiger, dass das Thema Crowdfunding überhaupt lanciert werde, sagt Strebel. Das ist auch für Gees vorrangig. Mittelfristig sieht er dabei eine Entwicklung wie in den USA, wo sich die meisten Plattformen spartenmässig diversifiziert haben. Im Kleinen sind die Differenzen zwischen 100-days.net (ab 16. Februar online) und Wemakeit auch bereits angelegt. Beide funktionieren zwar ähnlich – die Projekte werden ausgewählt, und die Abgaben im Erfolgsfall liegen mit 5 (100-day.net) und 6Prozent (Wemakeit.ch.) etwa gleichauf – dennoch scheint Strebels Plattform etwas informeller. Das zeigt sich darin, dass er und sein Team 100-days.net selber finanzieren. Wemakeit.ch dagegen ist mit einem Businessplan unterwegs und will in drei bis vier Jahren unabhängig sein. Marcel Reuss
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Normalerweise geht das so: Hat ein Künstler eine Projektidee, erstellt er ein Dossier und klopft dann bei öffentlichen Förderinstitutionen an, um so Geld zusammenzubringen. Oder, wie es früher in der Musikindustrie gebräuchlich war, er findet ein Label, das das Album vorfinanziert. Was heutzutage jedoch eine Seltenheit ist. Kulturschaffende greifen neuerdings vermehrt auf eine Strategie zurück, die im Charity-Bereich schon länger etabliert ist: Crowdfunding. Der Ausdruck bedeutet Schwarmfinanzierung: Ein Schwarm von Gönnern ermöglicht mit kleineren oder grösseren Beiträgen die Realisierung eines Projekts – und erhält dafür ein Dankeschön des Künstlers, seien das signierte Bücher, T-Shirts, Einladungen zu Vorpremieren oder auch mal ein gemeinsames Nachtessen.
Was vor allem in den USA schon gang und gäbe ist, bekommt nun auch in der Schweiz eine Plattform: Wemakeit.ch geht morgen online, ein Pendant dazu Mitte Februar. Der Künstler Johannes Gees, der Wemakeit initiiert hat, war selber einst Teil einer Crowdfunding-Aktion: «Ich habe damals einen amerikanischen Musiker und Künstler dabei unterstützt, ein Comicbuch herauszubringen. Das Spannende ist, dass man als Gönner ganz nahe bei der Herstellung eines Kunstwerks dabei ist – und Teil von dessen Geschichte wird.» So hat Gees zusammen mit Jürg Lehni und Rea Eggli Wemakeit ins Leben gerufen – seinerseits unterstützt vom Migros-Kulturprozent, der Pro Helvetia und der Ernst-Göhner-Stiftung.
Zwanzig Projekte am Start
Wenn die Plattform morgen online geht, werden 20 Projekte aus den verschiedensten Sparten am Start sein, von den zwei jungen Berner Grafik-Designerinnen, die 2750 Franken für eine Buchpublikation brauchen, bis zum in Bern lebenden Filmemacher Mano Khalil, der für den Spielfilm «Die Schwalbe» 55'000 Franken sammeln will.
Konkret sieht das dann so aus, dass Khalil in einem Video seinen Film der unbekannten Gönnerschaft schmackhaft macht. Wer will, kann per Kreditkarte zum Beispiel 25 Franken zeichnen. Wenn der gesamte geforderte Betrag innert einer bestimmten Zeit zusammengekommen ist, wird die Zahlung abgebucht. Wird das Finanzierungsziel nicht erreicht, geht der Künstler leer aus.
Natürlich möchte Khalil den anvisierten Betrag zusammenbringen, wichtiger ist ihm jedoch vorerst der Werbeeffekt: «Wenn 500 Menschen sich dank Wemakeit für den Film interessieren, habe ich schon 500 Kinozuschauer – mindestens!»Die 55'000 Franken für «Die Schwalbe» sind der grösste Betrag, der aktuell auf Wemakeit eingefordert wird. Die meisten anderen Projekte bewegen sich zwischen 5000 und 9000 Franken. Wemakeit berät die Künstler auch, wie sie ihre Finanzierungsziele am besten erreichen, «schliesslich haben wir selber ja auch ein Interesse daran», wie Rea Eggli sagt. Die Kommission beträgt – im Erfolgsfall – 6 Prozent. «Erfahrungsgemäss erreichen zwischen 40 und 50 Prozent der Projekte das Finanzierungsziel», so Eggli.
Johannes Gees hält das Potenzial für Crowdfunding in der Schweiz für gross: «Die Plattform zielt ja nicht nur auf Freunde und Bekannte der Künstler, sondern auch auf Stiftungen oder Firmen, die Projekte für ein finanzielles Engagement suchen.» Nachhaltig sei diese Form der Gönnerschaft auch: «Der Künstler hat für ein Folgeprojekt dann schon ein Netzwerk, das er wieder aktivieren kann.»
Der Berner Johannes Hartmann von der Filmproduktionsfirma Decoy Collective ist derzeit daran, für die Postproduktion seines Kurzfilms «Deadlocked» Geld aufzutreiben. Ganz bewusst setzt Hartmann auf Crowdfunding – jedenfalls im kleineren Rahmen: «Im Filmbereich dient Crowdfunding oft zur Restfinanzierung. Man dreht den Film, schneidet aus dem Material einen Teaser zusammen und geht damit auf Geldsuche.» Als Dankeschön winkt dem Spender dann etwa eine Erwähnung im Abspann – falls er sich als besonders grosszügig erweist, gar als Executive Producer.
«Es dürfte mehr sein»
Während Hartmanns Schwarmfinanzierung erst am Anfang steht, konnte die Berner Band The Shit damit schon Erfolge verbuchen: Auf der amerikanischen Plattform Indiegogo.com hatte sie 6500 Dollar zusammenbringen wollen – und bekam schliesslich über 9000 Dollar an die Finanzierung des neuen Albums. Etwas weniger flott läuft es in Sachen Crowdfunding derzeit der Berner Band Fiji. Ihr belgisches Label Lektroland betreibt auf seiner Homepage diese Art von Geldsammlung für seine Künstler, und obwohl die Unterstützer von Fiji bereits 7500 Euro gesprochen haben, meint Sängerin Simone de Lorenzi: «Es dürfte mehr sein. Ich glaube, viele unserer Fans würden uns lieber einen Hunderter direkt in die Hand drücken, als ihre Kreditkarte zu zücken und alles mühsam einzutippen.»
Gesetzt der Fall, dass das Fundraising erfolgreich ist, wie im Fall von The Shit – was bedeutet es für eine Band, die Fans mit an Bord zu haben? Ist der Druck grösser? Laut Peter Hertig von The Shit braucht es viel Ehrlichkeit: «Man darf den Gönnern nicht das Blaue vom Himmel versprechen und es dann nicht einhalten. Wir schätzen das Vertrauen, das jemand hat, wenn er Geld zusagt für ein Album, von dem er noch kein Lied gehört hat.»Genau diese Nähe zwischen Künstler und Publikum ist für Johannes Gees der Schlüssel des Crowdfundings: «Die Erfahrungen aus den USA zeigen, dass auch grosse Summen zusammenkommen. Wenn wir im ersten Jahr eine mittlere Projektsumme von 5000 Franken erreichen, dürfen wir zufrieden sein.» (Der Bund)
Erstellt: 03.02.2012, 09:04 Uhr
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