Das Märtyrertum des heiligen Bono

Von Peter Nonnenmacher. Aktualisiert am 14.06.2011

Nächste Woche startet in England das Glastonbury-Festival. Hauptattraktion ist U2. Steuerschlawiner Bono erwartet dabei ein heisser Empfang.

Bono mimt Jesus, Mitte Mai in Mexico City.

Bono mimt Jesus, Mitte Mai in Mexico City.
Bild: Keystone

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Glastonbury-Festival

Vom 22. bis 26. Juni.
www.glastonburyfestivals.co.uk

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Für Grosskonzerne in Britannien ist es nichts Neues, wegen übler Manöver zur Steuervermeidung angegriffen zu werden. Topshop- und Vodafone-Filialen in London waren vor wenigen Monaten Schauplätze zorniger Demonstrationen. Auch beim Delikatessenkönig und Hoflieferanten Fortnum & Mason standen für ein paar Stunden alle Kassen still.

Aktivisten hatten die hehren Hallen des Luxusladens besetzt. Zu einer Zeit, in der der Staat den Ärmsten im Lande die letzten Groschen aus der Tasche ziehe, sei es vollkommen inakzeptabel, dass reiche Firmen sich mit Tricks vor der eigenen Verantwortung drückten, meinten die Ladenbesetzer. Mittlerweile sind die selbst ernannten Steuerfahnder freilich einem weiteren «Sünder» auf die Spur gekommen. Sie wollen, dass auch U2-Sänger Bono sich seiner Pflicht und Schuldigkeit erinnert – und der eigenen Heimat nicht länger Millionensummen an Steuern vorenthält.

Während Bonos Auftritt am Glastonbury-Festival am 24. Juni will die Protestgruppe Art Uncut dem musikalischen Riesen auf der Bühne drunten im Publikum ein ebenso riesiges, bunt strahlendes Banner mit den Worten «Bono Pay Up!» (Bono, zahl endlich!) vor die Nase halten. Ein Bündel Banknoten soll von einer mit irischen Farben markierten Stelle auf dem Luftweg zu einer anderen, niederländisch eingefärbten Stelle verschoben werden. Die Aktion soll darauf verweisen, dass der Ire und seine Band den Grossteil ihrer Geschäfte vor fünf Jahren von der Grünen Insel nach Amsterdam und auch in andere Teile der Welt verlegten.

Der gute Mensch von Dublin

Damals hatte die Dubliner Regierung die Steuerfreiheit von Künstlern in Irland eingeschränkt – während Holland weiterhin günstigere Bedingungen offerierte. U2-Manager Paul McGuinness hatte darauf bestanden, dass die Verlegung «durchaus legal» sei und ja auch andere Firmen ihre Steuerlast «minimal zu halten» suchten. Die Gruppe erklärte später, dass 95 Prozent ihrer Aktivitäten sich ausserhalb Irlands abspielten und sie «viele verschiedene Arten von Steuern überall in der Welt» zu entrichten hätten. Dennoch kam es zu Protesten im irischen Parlament und zu enttäuschten Reaktionen in der Bevölkerung. «Bono behauptet immer, es gehe ihm um die unterentwickelten Länder», erklärt man bei Art Uncut. «Aber die Band U2 ist in ihrem Geiz an genau den gleichen Praktiken der Steuervermeidung beteiligt, die den armen Nationen der Welt so zu schaffen machen.»

Auch seinen eigenen Landsleuten, die sich dieser Tage in schwerer Finanznot fänden, habe Bono den Rücken gekehrt, obwohl er noch immer seinen Wohnsitz in Irland habe und dort auch weiterhin Leute beschäftige. Der gute Mensch von Dublin ist an allen möglichen Unternehmungen beteiligt. Allein sein 1,5-Prozent-Anteil an Facebook soll mehr als eine halbe Milliarde Dollar wert sein.

Für Bono, der zurzeit in Nordamerika gerade die erfolgreichste Musiktournee aller Zeiten zum Abschluss bringt und mit Tour-Einkünften von insgesamt 700 Millionen Dollar inzwischen sogar die Rolling Stones geschlagen hat, ist die Aussicht auf einen solchen Empfang in Glastonbury keine erfreuliche. Vor zwei Jahren schon räumte Bono gegenüber der «Irish Times» ein, dass ihn die harten Steuervorwürfe «zutiefst verletzten».

Dass er, der sich so lange Zeit so nachdrücklich für Afrika einsetzte, der vielen seiner Fans als Held der humanitären Bewegung gilt und der mehrfach für den Friedensnobelpreis nominiert wurde, nun auf so öffentliche Weise an den Pranger gestellt werden soll – das muss den Sänger kräftig wurmen. Zumal Glastonbury jahrzehntelang auf seinen «grossen» Auftritt wartete. Zum 40-Jahr-Jubiläum des Festivals im vorigen Sommer musste er absagen, weil er sich im Monat zuvor schwer verletzt hatte.

Ganz im Sinn des Festival-Geists

Diesen Sommer zum 41. wollte er sich so richtig «vom Geist des Festivals» mitreissen lassen, «der offenbar auf jenem heiligen Stück Erde alle Beteiligten ergreift». Stattdessen muss er nun befürchten, dass er von seinen Kritikern auf sehr profane Weise auf den Boden unabgeklärter finanzieller Realitäten geholt wird. Im Grunde, meinte schon eine Kommentatorin des Londoner «Guardian», sei dieses «Märtyrertum des heiligen Bono» vielleicht gar keine schlechte Sache. Damit kehre Glastonbury zumindest zu den eigenen Ursprüngen zurück – zum unbekümmerten Anti-Establishment-Geist des Festivals aus alten Hippiezeiten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.06.2011, 09:29 Uhr

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