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Das Tolle an Musik ist, dass sie ungeahnte Nebenwirkungen entfalten kann. Manche Songs zwingen einen auf die Autobahn, um zu rasen. Andere lassen einen zur Whiskeyflasche greifen. Cat Powers Lieder sind besonders gefährlich. Sie treiben den Hörer auf die nächste Brücke, um in den Tod zu springen. Klar, man kann und sollte das kathartisch nehmen und sich staunend über so viel Traurigkeit gleich ein bisschen besser fühlen. Einfach fällt das nicht immer:
(«Hate»)
(«The Moon»)
Chan Marshall, so heisst Cat Power mit bürgerlichem Namen, wuchs als Kind von Hippie-Eltern auf. Ihr Vater war Musiker, verbot seiner Tochter allerdings das Musizieren. Vielleicht ist das der Grund für Cat Powers legendäre Schüchternheit und Verunsicherung. Konzerte brach sie immer wieder mitten in der Show ab, das Nervenkostüm war zu schwach. Schwierige Beziehungen, Alkohol und Drogen, die in Cat Powers Leben immer wieder präsent sind, spielen dabei auch eine Rolle.
Wie kann man jemanden, der live stets gegen den Blackout ankämpft, nicht ins Herz schliessen? Cat Power jedenfalls ist seit Jahren Darling der Indie-Szene. Und weil die Amerikanerin erst noch unverschämt gut aussieht, hat sie Karl Lagerfeld zum Chanel-Gesicht gemacht – trotz sich abzeichnenden Tränensäcken. Wobei wir wieder beim Thema wären – oder eben nicht. Cat Powers Musik, jahrelang akustisches Äquivalent für graue Regentage, hört sich auf dem neuen Album alles andere als deprimierend an.
Schon der Albumtitel ist für die Sängerin, die sogar Frank Sinatras Optimisten-Hymne «New York, New York» in einer Coverversion entmutigt klingen liess, ein kleine Sensation: «Sun». Das Album klingt, wie es heisst – nach einem Neuanfang. Schubige Synthesizer-Klänge haben die intimen Gitarren- und Klavier-Arrangements verdrängt. Sogar vor einer Drum-Machine schreckt Cat Power nicht zurück.
(«Real Life»)
(«Sun»)
In Fan-Foren sorgt der überraschende Wandel für Aufregung. «Songs schreiben konnte sie ja noch nie», schreibt jemand. «Aber früher hat sie diesen Makel mit Intimität, Schlichtheit und ihrer grossartigen Stimme wettgemacht. Das neue Album ist belangloses Synthie-Geplänkel und klingt mehr nach Philippe Zdar.»
Besagter Philippe Zdar ist der Produzent von «Sun». Der Franzose ist ein Kollege von Daft Punk und amtet heute als Produzent von Phoenix, ausserdem hat er die letzte Platte der Beastie Boys aufgenommen. Früher war er Teil des French-House-Duos Cassius. Und tatsächlich sind Dance-Einflüsse auf Cat Powers neuntem Album hörbar. «Manhattan» zum Beispiel ist ein hübscher Elektro-Pop-Track, mit zart gebrochenem Beat:
Cat Power deswegen abzuschreiben oder ihr Verrat vorzuwerfen, ist aber Fehl am Platz. «Sun» ist ein mutiges Album. Weniger im musikalischen Sinn als vor dem Hintergrund der Künstlerin gesehen: Für jemanden wie Cat Power, die wie kaum eine andere Musikerin das Exzessive und Schmerzvolle verkörpert, waren die offensichtlichen Songs auf «Sun» wohl schwieriger zu schreiben, als sie sich anhören.
Und da ist ja immer noch Cat Powers Gesang, eigentlich eher ein Hauchen, das ihr Markenzeichen ist und die Intimität herstellt, die ihre Fans an ihr lieben. Auf «Sun» ist diese Stimme immer noch präsent – wird allerdings immer wieder verfremdet. Philippe Zdar lässt grüssen:
(«Cherokee»)
Unser Lieblingslied aber – neben dem Duett mit dem Seelenverwandten Iggy Pop auf dem epischen «Nothin But Time» – ist das letzte Stück auf dem Album. Es klingt schleppend cool wie Beck und führt im Titel jene Begriffe, die man der geplagten Sängerin wünscht: «Peace and Love»:
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 05.09.2012, 13:54 Uhr
















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