Kultur

Da weint nicht nur der Wettergott

Von Julian Zahnd. Aktualisiert am 18.08.2012

Kann sich eine Band mit ihrem sechsten Studioalbum noch neu erfinden? Lunik beweisen mit ihrem neusten Wurf «What Is Next»: Man kann. Wenn auch nicht restlos.

Cédric Monnier, Jaël Malli und Luk Zimmermann servieren vorwiegend Nachdenkliches, jedoch auch blanken Frohsinn.

Cédric Monnier, Jaël Malli und Luk Zimmermann servieren vorwiegend Nachdenkliches, jedoch auch blanken Frohsinn.
Bild: zvg

«What Is Next»

Die CD «What Is Next» (Sony Music) von Lunik ist ab sofort erhältlich.

Lunik: Me-Time

Lunik: Elijah

Zwischen den Terminen reckt sie sich kurz, reibt sich die Augen. Doch müde ist Jaël Malli nicht, noch immer kann sie sich sanft enervieren, ob der Frage etwa, inwiefern ihr neues Album Kompromisse eingehe, inwiefern es einem Konzept unterliege. Solche Fragen mag sie nicht besonders: «An uns werden ständig Erwartungen gestellt, mehr Trip-Hop oder mehr Globi-Songs gefordert. Uns ist das mittlerweile egal, wir machen, was uns gefällt», so die Bernerin.

Die Sängerin von Lunik steckt mittendrin im Interview-Marathon, den ihr der neue Tonträger «What Is Next» beschert. In grossen Tönen preisen sie diesen: von «Tabula rasa» ist die Rede oder von «alten Gewohnheiten, die konsequent über Bord geworfen» worden seien. Doch was ist neu am sechsten Studioalbum der Berner Band? «So ziemlich alles», meint Jaël nach kurzem Überlegen, spricht von erweiterter Instrumentierung, von lockerer Herangehensweise und von unorthodoxen Songstrukturen.Locker und sachte weht er dann auch heran, der erste Song der CD, unbestimmt in Arrangement und Harmonie. Und mitten hinein in diese angenehme Vagheit stellt die Sängerin die Frage nach der Zukunft, die, so viel scheint bereits klar zu sein, zu diesem Zeitpunkt noch so ungewiss ist wie der Verlauf des Albums.

Mehr Eigenregie, mehr Spielwiese

Während bei der letzten CD noch ein Indielabel aus Kanada Pate stand und Freiheiten der Band beschnitt, setzten Lunik bei «What Is Next» auf Eigenregie, reisten nach Berlin und Lipari, um ihre Songs in aller Ruhe aufzuzeichnen. Eine Emanzipation, die dem Werk bestens bekommt. Unverkrampft tönen die meisten Lieder, ruhig und nachdenklich. Und doch blitzt hie und da Überraschendes auf: wenig feenhafte Textzeilen in «Cat & Mouse» etwa, ein choral angestimmter Refrain in «Little Fly in a Spiderweb», der nur kurz aufbrandet, oder aber in «Dot on the Horizon» eine kratzende Gitarre (Luk Zimmermann), welche die sanfte Lunik-Grundstimmung durchsticht.

Und spätestens in der zweiten Albumhälfte gerät man in die Fänge dieser betörend schönen Musik: Der durch Streichinstrumente dramatisierte Refrain zu «Elijah» reisst Gräben auf, aus denen ungeahnte Gefühle herausquellen. Es folgt mit «Your Tomorrows» einer der wenigen Tracks, auf dem Pianist Cédric Monnier mehr als nur ein paar lose Dreiklänge anspielt. Die von Schwermut triefende Ballade dringt so tief, dass der im Text beschriebene Wettergott wohl nicht der Einzige sein wird, der diese Musik beweint.

«The more I give the less comes back» singt Jaël Malli in «Little Fly in a Spiderweb», und diese Aussage erhält im Album auch umgekehrt Gültigkeit. Es scheint, als ob Lunik in denjenigen Liedern am überzeugendsten tönen, in die sie am wenigsten hineinpacken. In denen das Schlagzeug einmal ausbleibt und ebenso eine klare Strophen-Refrain-Struktur. In denen die Harmonieabfolgen zwischen kecker Unbestimmtheit und bedingungsloser Schönheit pendeln und die Stimme, die auf dem Tonwerk immer ganz vorne klingt, sich vollständig entfalten kann.

Ungebändigter Frohsinn

Ebendiese Unverkrampftheit fehlt in einigen Songs. Auf eine Aneinanderreihung gängiger Stilmittel stösst man dann: ein aussetzender Beat hier («Me-Time»), ein triolischer Aufbau zum Refrain dort («The Bubble I Am in»), schon ist man beim absehbaren und konstruierten Pop angelangt. Selbst wenn Sängerin Jaël bestrebt ist, auch diesen Songs mittels ihrer Texte Tiefgang zu verleihen, ziehen während dieser aufmüpfig froh klingenden Musik, während Schubidu-Gesang und Pfeifmelodie («Feet in the Sun») doch Bilder auf, die man eigentlich nicht sehen möchte: Denn spätestens wenn da Hausfrauen über den persönlichen Monitor flimmern, die sich während einer kurzen Auszeit einen kalorienarmen Schokoriegel gönnen, ist man definitiv in Sphären vorgedrungen, die das Album eben gerade nicht erschliessen will.

«Wir sind halt keine Tränendrüsen», so die Sängerin. Früher habe sie vor allem ihre Trauer in Musik geflochten, doch heute stehe sie auch zu ihren positiven Gefühlen, die ebenso Teil von ihr seien. Auch wehrt sie sich gegen den Verdacht, die Lieder seien nur fürs Radio geschrieben worden: «Muntere Songs haben nicht automatisch etwas mit Marketingstrategie zu tun. Radiotaugliche Musik schreiben, das könnte ich. Und wenn ich wirklich solche Musik komponieren möchte, dann würde sie ganz anders tönen.»

Und dennoch gehört das frohlockende Liedgut zusammen mit einem kleinen Diebstahl zum wohl Verzichtbarsten auf einer insgesamt erfrischend ungezwungenen CD, auch deshalb, weil es kaum Neues birgt. Zum kleinen Diebstahl: In «A Different You» tönen Lunik etwas gar ähnlich wie die Beatles im Abspann von «Hey Jude». Dies nun aber ist ebenfalls verzichtbare Nörgelei. (Der Bund)

Erstellt: 18.08.2012, 09:56 Uhr

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