Auf ewig die aggressive Witwe
Artikel zum Thema
Verspäteter Start zum Festival Feuerpolizeiliche Überprüfung
Der Einlass zum ersten Zürich Openair in Rümlang erfolgte gestern mit drei Stunden Verspätung. Laut Festival-Sprecher Remo Brunner waren feuerpolizeiliche Kontrollen für die Verzögerung verantwortlich. Man habe aber das erste Konzert mit lediglich zehn Minuten Verzögerung beginnen können, sagte er. Auch auf dem Gelände herrschte am Freitagnachmittag noch ein Riesenchaos, und viele Stände waren noch nicht fertig aufgestellt, wie ein Besucher sagte. Die Organisatoren rechnen mit 15 000 Besuchern pro Tag; das Festival dauert bis Sonntagabend.
VBZ und SBB haben ihre Kapazitäten vergrössert, um die vielen Besucher zum Festivalgelände an der Europastrasse zwischen Glattbrugg, dem Flughafen und Rümlang zu bringen. So verkehrt die Glattalbahn (Tramlinie 10) im 7½-Minuten-Takt, und die Nachtbusse fahren halbstündlich. Am Zürich Openair treten insgesamt 45 Bands auf, darunter bekannte Gruppen wie Placebo, Mando Diao, The Prodigy oder Belle & Sebastian. (hoh)
Man hätte sie ja so gerne getroffen, die Frau, die sich wie keine andere vor der Welt entblösst hat. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Die unter den Augen der Öffentlichkeit von Alkohol und Drogen benebelt durchs Leben wankte, mit einer enormen Wut im Bauch und auf der verzweifelten Suche nach Anerkennung. Die Frau, die immer Kurt Cobains Witwe bleiben wird.
Wie Courtney Love tatsächlich ist, so eins zu eins, das hätte einen wirklich wundergenommen. Man sah sie dann nur aus der Ferne auf der Bühne, weil ihr Flieger Verspätung gehabt hatte und der Interviewtermin deshalb abgesagt werden musste.
Der Funke sprang nicht über
Da stand sie also, mit blutroten Lippen, akkuratem Blondhaar und schwarzem Minikleid und benutzte bereits im ersten Satz, sozusagen zur Begrüssung, zweimal das Wort «Fucking». Obschon es ihr nach einem Entzug besser gehen soll, ist sie dünn. So dünn, dass die Rippen am Rücken hervorstechen und die Arme allzu sehnig wirken. Quasi zur Aufwärmung spielte die Band eine Coverversion von «Pleased to Meet You» der Rolling Stones, dann kam sofort die Single-Auskopplung des neuen Albums, «Skinny Little Bitch».
Und Love schrie und fauchte, tobte und flehte und verlangte ihrer eindrücklichen Stimme alles ab – doch der Funke vermochte nicht zu springen. Als ihr das Publikum nach mehrmaliger Aufforderung zum Mitsingen nur halbherzig folgen mochte, zischte sie ein «Fuck off» ins Mikrofon. Das half genauso wenig wie der Spruch beim Vorstellen der neu besetzten Band «... and I am Britney Spears». Sie wirkte irgendwie abwesend, die rotzige Attitüde wie einstudiert. Da schien eine ein Programm abzuspulen, aus dem sie mit 46 Jahren eigentlich herausgewachsen ist, die aber keine neue Rolle findet. Oder finden will. Weil sie alles ist, was sie hat.
Die verletzliche Courtney
Vielleicht lag es an der neuen Platte, «Nobody’s Daughter». Fünf Jahre hatte sie daran gearbeitet und sie ist stolz darauf, weil es die persönlichste ist, die sie je herausgegeben hat; es sei eine eigentliche Katharsis gewesen, sagte sie unlängst in einem Interview. Man hörte denn auch weniger die trotzige, zornige Love, die der ganzen Welt ihren Schmerz entgegenbrüllt, sondern eher eine verletzliche, traurige.
Entsprechend sind die Stücke langsamer, fangen fast immer mit einer akustischen Gitarre an. Es fehlt ihnen aber die rohe Kraft von früher; «weich gespült» nannte das einer während des Konzerts. Und vielleicht lag es auch am Publikum, das ab der Hälfte des Abends im strömenden Regen stehen musste. Aber wenn nicht einmal beim Intro der Coverversion von Pearl Jams «Jeremy» Jubel ausbricht, dann stimmt eindeutig die Chemie nicht. Das Konzert hatte mit 20?Minuten Verspätung angefangen und war pünktlich fertig. Nach Zugaben rief niemand.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.08.2010, 06:16 Uhr






