Auf ein Gipfeli mit dem Monster
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 13.10.2011 2 Kommentare
Konzert
Reitschule Dachstock: Samstag, 15. Oktober, 22 Uhr.
Alles begann am 1. August 1986, einem sonnigen Freitag, an dem keine nennenswerten Weltgeschichten geschrieben wurden. Etwa drei Monate zuvor war in Tschernobyl immerhin ein Atomkraftwerk in die Luft geflogen, YB war amtierender Schweizer Fussballmeister, und in den Hitparaden der Schweiz wechselten sich Eros Ramazotti, Samantha Fox und Elton John an der Spitze ab. Damit waren die drei jungen Herren unzufrieden, die an ebendiesem 1. August 1986 in die Kellerräumlichkeiten eines besetzten Hauses in Kehrsatz hinunterstiegen, während draussen die ersten Raketen zur Feier des 695. Geburtstages der Schweiz gezündet wurden. Zweck der Zusammenkunft: Gründung einer lauten Rockabilly-Punk-Band. Problem dabei: Keiner der Beteiligten beherrschte ein Instrument.
An diesem Umstand scheiterte auch bald das Vorhaben, die Stücke alter Helden nachzuspielen. Es musste einfacheres Liedgut ersonnen werden, Songs, die dem Können der Band entsprachen, und so wurde an ebendiesem 1. August 1986 die Gruppe The Monsters erfunden – die lauteste und beste Rock-’n’-Roll-Garage-Punk-Thrash-Band der Schweiz.
Ungezügelte Party-Happenings
Beat-Mans Stimme ist merklich aufgeraut, als er an seinem Frühstückstisch im Berner Wylerquartier die Geschichte seiner Band erzählt. Er klingt ein bisschen wie ein Bandit in einem verstaubten Westernfilm, isst dabei Mohngipfeli mit Käse und versucht daneben seinen aufgeweckten Sohn Chet zu zähmen. Gerade ist er von einer Monsters-Tournee durch halb Europa zurückgekehrt, zwölf Konzerte in zwölf Tagen – ein aufreibendes Programm, wenn man bedenkt, dass Monsters-Konzerte keine ordinären Musikaufführungen, sondern ziemlich ungezügelte Party-Happenings mit ebenso ungezügelten Fans sind.
Beat-Man ist Gitarrist und Sänger der Monsters, Letzteres nicht, weil er die beste Stimme der Gründungsmitglieder hatte, sondern weil er am lautesten singen konnte, was zu dieser Zeit weit wichtiger war. «Irgendwann waren wir auf der Suche nach einem Kontrabassisten und hatten vernommen, dass es im Kanton Aargau einen gebe, der die gleiche Frisur hatte wie ich» erzählt Beat-Man. «Wir orderten ihn nach Bern, nahmen ihn in unsere Band auf, fanden dann aber bald heraus, dass er zwar einen Bass besass, diesen aber nicht spielen konnte. Am Ende stand er hinter dem Bass, und wir drückten ihm die Finger dorthin, wo wir den richtigen Ton wähnten. Er heisst Janosh und ist das zweitälteste Bandmitglied der Monsters.»
Geniale Dilettanten
Ansonsten hat die Formation einige personelle Mutationen erlebt. Ein Instrument beherrsche er noch heute nicht, behauptet Beat-Man, einen Migros-Gitarrenkurs habe er nach nur einer Lektion abgebrochen, weil es ihm weniger auf die korrekte Harmonie als auf die rohe Energie seines Instruments ankomme. Diesem Prinzip sind Beat-Man und The Monsters bis heute treu geblieben, und auf der neuesten Einspielung «Pop up Yours» (Voodoo Rhythm), die pünktlich zum 25-Jahr-Jubiläum der Band erschienen ist, wird ihm mit der grösstmöglichen Inbrunst gefrönt. Es sind kurze, prägnante und energetische Rock-’n’-Roll-Nummern, die hier auf den Zuhörer lospreschen, einfach im Wortlaut, simpel in Wuchs und Gestalt, aber in einer derartigen Wucht und Erregung dahingespielt, dass keine Wünsche und auch keine Fragen offenbleiben.
The Monsters pferchen auf «Pop up Yours» den Rock ’n’ Roll auf seine Grundstoffe zusammen: Primitiv, gradlinig, laut und aggressiv ist er (die Sexyness wird seit je konsequent ausgeblendet), eher dem Instinkt als der Harmonielehre folgend und im Kern – prägnanter denn je – dem bitter-schwarzen Blues verpflichtet. Die Energie hat das Quartett (plus Tonmann) auf seinem sechsten Studiowerk nicht gedrosselt, sondern eher noch potenziert. Gewisse Songs präsentieren sich in HiFi-Stereo inklusive Ohrwurm-Qualität, andere sind kunstvoll in verrauschtem LoFi gehalten und scheppern und knarzen wie zu den Anfangszeiten der Band.
Als Beat-Man vor 25 Jahren die Monsters gründete, war er bereits eine auffällige Erscheinung in der Berner Subkultur. Einer Szene zuzuordnen, war er nicht. Vor dem 1. August 1986 spielte er in einer New-Wave-Band, man traf ihn an Punk-Festivitäten, und über seiner Stirn trug er stets eine schmucke Rockabilly-Tolle. Es war eine Zeit, in der alles möglich schien, die Dogmen des Punk waren gefallen, das Experimentieren konnte beginnen. «Ich war schon damals an den Wurzeln und an der Geschichte der Musik interessiert», erzählt Beat-Man. «Ich bewunderte die Bands der Gegenwart, erkannte aber, dass doch alles, was sie taten, auf den Blues und ganz besonders auf den guten alten Robert Johnson zurückging.»
Auf der anderen Seite seines musikalischen Spektrums fanden sich Bands wie die Einstürzenden Neubauten oder Elektro-Blueser wie Jim Foetus, die genialen Dilettanten des Post-Punk, von denen sich Beat-Man und seine Mannschaft den Antrieb holten, ohne viel Können an einem autarken Ausdruck zu werkeln. The Monsters sind Kinder dieser Epoche, und auf «Pop up Yours» präsentiert sich die Band, die den Techno und die Lounge-Musik überlebte, auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Die Ansprüche der Musiker an sich selbst sind gestiegen, von zehn neuen Songs schafft es laut Beat-Man nur gerade einer aufs Album.
Mit aller Entschlossenheit
«The Monsters sind zu meiner musikalischen Heimat geworden», sagt Beat-Man, der als Solokünstler ebenfalls auf der ganzen Welt konzertiert und kürzlich gar einen Auftritt in einer Jubiläumssendung von «Tracks» (Arte) absolvieren durfte (als Einmannband in einem Wrestling-Ring, umrahmt von gut gebauten Nackt-Performerinnen). «Wir sind eine Art Männerclub, wir treffen uns jeden Montag zum Musizieren, zum Trinken und zum Führen von Männergesprächen.» Und The Monsters sind längst auch die mit Abstand erfolgreichste Band des berüchtigten Voodoo-Rhythm-Labels, das Beat-Man durch eine immer unwirtlicher werdende Musiklandschaft steuert.
Bloss eines fuchst den Berner mit der heiseren Stimme über Gebühr: Die Monsters-Auftritte in der Schweiz sind rar geworden, weil Beat-Man in seinen Verträgen einen Lautstärken-Wert festlegt, der mit der helvetischen Schall-Verordnung nicht ganz harmoniert. «Unsere Musik muss laut und physisch erlebbar sein. Wenn das nicht gewährleistet ist, trete ich nicht auf. Fertig, Schluss.» Und da ist sie wieder, diese wohltuende und im heimischen Musikbusiness so rar gewordene Entschlossenheit, die das Schaffen des Berners kennzeichnet. Eine Entschlossenheit, die auch in jeder Rille des neuen Monsters-Album spür-, hör- und erlebbar wird. Man möchte eine Rakete zünden, zur Feier des Tages. (Der Bund)
Erstellt: 13.10.2011, 08:35 Uhr
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2 Kommentare
Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Monsters-Konzert (zusammen mit den Swamp Terrorists) in einem total heruntergekommenen Keller in Ostermundigen. Es war eine Sternstunde für mich. Denn genau von diesem Moment an wusste ich, was authentische, vom Herzen gefühle Musik ausmacht. 2011 und gefühlte 1000 Monster-Konzerte später hat sich daran nichts geändert. Antworten
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