Alles ist möglich und nichts

Die Gruppe Jeans for Jesus wird die Mundart-Popmusik mit ganz neuen Klängen aufmischen. Hier gibts statt Provinz-Problemchen mondänen Weltschmerz – ausgedeutscht im Berner Dialekt.

Sie üben die hohe Kunst des nicht Erkanntwerdenwollens: Jeans For Jesus.

Sie üben die hohe Kunst des nicht Erkanntwerdenwollens: Jeans For Jesus. Bild: Valérie Chételat

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Nein, eine Band der flotten Beschlüsse ist Jeans For Jesus nicht. Die Entscheidungsfindung, auf welcher Treppe sich die vier Herren fotografieren lassen möchten, hat sich über einen ganzen Tag erstreckt. Am Ende sind es dann doch bloss die Stufen, die zu ihrer Lieblingspizzeria führen. «Basisdemokratie», sagt Sänger Michael Egger und hebt entschuldigend die Schultern. Egal. Bern hat auf diese Band gewartet. Und 2014 wird das Jahr von Jeans For Jesus werden. Schlurfigkeit hin oder her.

Denn Jeans For Jesus haben etwas getan, was man kaum mehr für möglich gehalten hätte. Sie haben das berndeutsche Lied erfunden, das sich nicht kurz nach Bümpliz oder Belpmoos verflüchtigt, sondern von einem fast schon mondänen Odeur umschmeichelt ist. Schicker Weltschmerz statt Provinz-Problemchen, schnieke Computermusik anstatt Gitarren aus dem Musikhaus Kunz und Iseli, Mundart-Pop für die Ansprüche des urbanen Hipsters.

«Das wollen wir nun selber machen»

Und dass das so herausgekommen ist, entsprach durchaus dem Ehrgeiz der Berner Viererschaft. «In Bern wird prima Musik gemacht», sagt Marcel Kägi, ein blonder Hüne mit freundlichem Gesicht – gemeinsam mit Philippe Gertsch der musikalische Kopf der Band –, «doch etwas, was mich wirklich bedingungslos interessiert, das gibt es kaum, das wollen wir nun selber machen».

Jeans For Jesus ist denn auch die erste Band, bei der er als Vollmitglied dabei sein wollte, zuvor war der Mann im Dunstkreis der Jazzwerkstatt auffällig geworden oder in die Produktionen von Open Season oder Kutti MC verstrickt. «Ich bin gespannt, wie unser Debüt-Album aufgenommen wird, ob es womöglich sogar einen Impact auf die hiesige Musikszene haben wird», sagt er – und irgendwie ist allen am Tisch klar, dass dem so sein wird. Eine Single, die man diesen Sommer auf den Markt geworfen hat, wurde jählings zum Sommerhit, allerdings ohne sich in den Hitparaden niederzuschlagen. «Estavayeah» haben Jeans For Jesus dem Volke grosszügig verschenkt. Die Radios haben ihn emsig gespielt, der Virus war gesät.

«Lokaler Grössenwahn»

Das dazugehörige Album wird Ende Januar erscheinen, und es ist etwas durchwegs bockbeinig Apartes, was da auf die Schweiz zukommen wird. Zuweilen sind diese popmusikalischen Überbelichtungen herauszuhören, mit denen unter anderem die Franzosen von Phoenix der Welt den Kopf verdreht haben. Es gibt den Züri-West-Schlager «Toucher» im Indie-Elektro-Gestältchen, es gibt bleiernen Eiszapfen-Blues («Nie meh») und viel Sonderbares mehr. Über allem thront die Stimme von Michael Egger, der seinen Gesang mit nachdenklicher Schlauheit und verdrogter Unschärfe ausstattet.

Es ist nicht verwunderlich, dass ausgerechnet diese Band eine neue Zeitrechnung der Berner Popmusik einzählt. Spricht man mit den Protagonisten über Musik, dann fallen innerhalb einer Viertelstunde Stichworte wie Free Jazz, Baile Funk, Baltimore Club Music, Manu Chao, Rap, französischer Neo-House, Indierock und Züri West - und zwar alles in durchaus wohlwollendem Kontext. «Vielleicht kann mit all diesen unterschiedlichen Einflüssen gar kein genretypischer Sound entstehen», wirft Marcel Kägi ein.

Und tatsächlich: Jeans For Jesus sind hip, aber keine Fashion Victims. Trotz aller Elektronik ist ihrer Musik eine Zeitlosigkeit eigen. Und ein Selbstbewusstsein, das gerne selber sabotiert wird: «Im Grunde liegt unserer Band ein lokaler Grössenwahn zugrunde», sagt Sänger Michael Egger. «Wir tun etwas, was es noch nicht gibt, aber wir tun es für den ländlichen und lächerlich kleinen Markt der Deutschschweiz.» Es ist alles möglich und nichts. Die hochtrabendsten Fantasien hat da noch Demian Jakob, der Mit-Texter der Band, der im richtigen Leben in der Technik-Crew des Schlachthaus-Theaters mitwirkt: «Wir wollen das Universum verändern, das Universum in den Köpfen der Leute.» Das Album ist der Auftakt dazu. Auch wenn das Universum hier bloss der Mikrokosmos des Mundart-Pops ist. (Der Bund)

(Erstellt: 23.12.2013, 12:50 Uhr)

Stichworte

«Nie meh»

«Estavayeah»

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