Kultur

Philippe Zweifel
Ressortleiter Kultur


Ärztlich entschuldigte Ferkeleien

Aktualisiert am 09.05.2012 3 Kommentare

Seit 30 Jahren spielen die Ärzte höchst erfolgreich fröhlichen Pennäler-Punkpop. Wieso funktioniert das immer noch?

1/5 Die Ärzte im Moskauer Club Apelsin am 17. Mai 2008.

   

«Ist das noch Punkrock?»

«Schrei nach Liebe»

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Die «beste Band der Welt» lautet der Claim der Ärzte. Und ja, die Band ist erfolgreich. Zu Beginn der 80er gegründet, haben die Berliner bis heute knapp acht Millionen Tonträger verkauft. Das aktuelle Album «Auch» stieg in Deutschland, der Schweiz und in Österreich auf Platz eins ein.

Nun ist «beste» der Superlativ von «gut» – doch das sind die Ärzte mit Sicherheit nicht. Punk war bei Bandgründung die einzige Musik, die sie einigermassen nachspielen konnten. Von «echten» Punk-Fans, also Anhängern der Sex Pistols oder der deutschen Band Slime, wurde die Musik der Ärzte allerdings als Fun-Punk belächelt, vergleichbar mit jener der Abstürzenden Brieftauben.

Entschuldigt wegen Unschuld

Was also ist das Erfolgsgeheimnis des Trios, das seit 30 Jahren mit Pennäler-Punk-Pop aufwartet? Zu Beginn ihrer Karriere waren es wohl die Provokationen, mit denen sie ihre Texte spickten. Im Song «Geschwisterliebe» besangen sie den Inzest und wurden dafür indiziert – was die Bekanntheit der Band natürlich nochmals steigerte, zumindest auf den Pausenplätzen der deutschsprachigen Welt. Radiostationen und Konzertagenturen hingegen mieden die Band.

«Geschwisterliebe» war nicht das einzige verbotene Lied, in anderen Songs war von Ficken oder leckenden Schäferhunden die Rede. Die Ärzte waren damals die meist indizierte Band Europas. Doch während anderen geächteten Bands meistens Gewaltverherrlichung vorgeworfen wurde, landeten die Ärzte wegen kindischer Ferkeleien auf der Black List. Bandleader Farin Urlaub brachte die Skandalträchtigkeit seiner Truppe in einem Interview einmal so auf den Punkt: «Unsere Texte waren lustig, aber kindisch, und meiner Meinung nach entschuldigt wegen Unschuld.»

Wie provozieren?

«Die Texte waren kindisch» – man beachte die Vergangenheitsform. Haben sich die Liederzeilen, die ja schon immer das eigentliche Kaufargument für Ärzte-Alben waren, in der Zwischenzeit verändert? Jein. Der Pubertätshumor ist immer noch hier, aber er ist nur noch vordergründig dümmlich. So widmet man sich in «M&F», einem Song aus dem aktuellen Album, der Paarbeziehung, oder eher – der Paardiktatur: «Man sieht sie gern am Wochenende/Sportlich moderne Herren mit heissem Blick/Sie zerren frisch gestrichene Damen/Auf die Tanzflächen der Republik» – und dann der Refrain: «Männer und Frauen sind das nackte Grauen/Wie sie sich stundenlang tief in die Augen schauen.»

Die grosse Frage, der sich die Ärzte stellen mussten, war natürlich, ob man heutzutage, in Zeiten der totalen Schamlosigkeit und Selbstinszenierung, überhaupt noch provozieren kann. Dass die Antwort nur «Nein» heissen konnte, war den Ärzten bereits Ende der 90er-Jahre klar. Also schalteten sie intellektuell einen Gang rauf und garnierten ihre rotzigen Texte mit gesellschaftsrelevanten Aussagen. Etwa (und immer wieder) mit Kommunikationsproblemen zwischen den Geschlechtern (zum Beispiel in den Songs «Wie es geht» und «Männer sind Schweine»). Oder im Überhit «Schrei nach Liebe», dieser geträllerten Psychoanalyse eines Neonazis: «Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe/Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit/Du hast nie gelernt dich zu artikulieren/Und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit – Arschloch!»

Ärztliche Selbstironie

Kurz, Sozialkritik trifft hier auf Festbank – eine unwiderstehliche Kombination, gerade für Jugendliche. Man kennt das von den Toten Hosen, bei denen der Fankörper bezeichnenderweise auch nicht Rolling-Stones-mässig mitwächst, sondern irgendwo im Alter zwischen 15 und 20 verharrt, Generation um Generation. Bei den Ärzten, deren Musik noch simpler ist, als jene der Toten Hosen, kann man diesbezüglich fast schon eine Strategie erkennen: Alt werden, indem man auf jung macht.

Das könnte man nun künstlerisch verurteilen – wäre da nicht die ärztliche Selbstironie, exemplarisch vorgetragen im ersten Stück des neuen Albums: «Ja aber ist das noch Punkrock?/Wenn euer Lieblingslied in den Charts ist/Das hat so den Coolnessfaktor/von einem Gartentraktor/Ist das noch Punkrock? – ich glaube nicht.» Selbsterkenntnis, heisst es, sei der erste Schritt zur Besserung. Doch wie will man sich bessern, wenn man bereits die beste Band der Welt ist? Eben. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.05.2012, 13:37 Uhr

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3 Kommentare

stefan acker

09.05.2012, 17:00 Uhr
Melden 10 Empfehlung 0

bela, farin, rod - es gibt nur einen gott!
einfach herrlich dämlich mit einer grossen portion selbstironie, das ist heute noch erfrischend.
und ganz wichtig: songs zum mitgrölen
noch wichtiger: ihre konzerte sind etwas vom besten, was live-unterhaltung betrifft (und das jahr für jahr).
ich bin immer wieder gerne kindisch;-)
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Alex Steiner

09.05.2012, 13:51 Uhr
Melden 9 Empfehlung 0

Kindisch gefielen sie mir besser.
Geschwisterliebe... oder Claudia hat 'nen Schäferhund usw. :)
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