45 Minuten ganz ohne Überraschung
Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 03.09.2011 1 Kommentar
Es hat lange gedauert. Aber allmählich scheint bei den Majorlabels wieder Vernunft einzukehren. Nachdem sie an kleineren Märkten und Bands jahrelang grusslos vorübergegangen sind, einzig ihre Archive geplündert und die wenigen verbliebenen Longseller verscherbelt haben, findet ein Umdenken statt. Zum Beispiel bei Sony Music Schweiz: Voriges Jahr nahm die Plattenfirma den Sänger Seven unter ihre Fittiche. Im Juli doppelte sie mit Pablopolar nach, einem Pop-Rock-Frischling aus Bern, dessen Palmarès bei Vertragsabschluss nur gerade eine EP aufwies.
Am Telefon setzt der Label-Agent noch einen drauf. Man sei extrem überzeugt von Pablopolar. Sony wolle die Band langfristig und ganz ohne Druck aufbauen. Und es sei auch prima angelaufen, immerhin befinde sich die Single unter den 35 meistgespielten Songs der Schweizer Radiostationen. Die hiesigen Sender als Bollwerke des guten Geschmacks zu bezeichnen, wäre wohl allzu weit hergeholt. Aber eine Chance haben Pablopolar gewiss verdient.
Es rührt sich nichts
Die vier jungen Männer versammeln auf ihrem gut 45-minütigen Debüt denn auch fast ausschliesslich gute Songs. Möglich sogar, dass das Album mit dem klassizistisch anmutenden Titel «Any Minute Now» ein absolut fehlerfreies Werk ist. Die Band unterlässt alle erdenklichen Dummheiten, der Sänger drechselt ambitiöse Phrasen und erzählt trotzdem kaum Blödsinn, die Refrains sind eingängig, die Songs elaboriert, die Melodien bemerkenswert. Nur: Da rührt sich nichts. «Any Minute Now» ist in keiner Weise zwingend, ein ziemlich unnötiges Stück Musik. Der Grund ist nicht, wie die vier Männer es tun, sondern was sie tun.
Pablopolar machen keinen Hehl daraus, dass es ihnen um den ganz grossen Rock geht, jenen von Coldplay, Athlete, Razorlight, vielleicht auch U2. Eine Musik also, die abgesehen von einem totalen Wohlfühlbefehl und süssestem Versöhnungsgesäusel nichts anzubieten hat. Diese Devise – der Verzicht auf jede Überraschung – hat offenbar auch Produzent Luk Zimmermann (u. a. Lunik) verinnerlicht. Er fasst Pablopolar in exakt jenes Klangbild und -volumen, das schon vor Jahren als Stangenware herumgereicht wurde. Darin klingt längst keine Weltläufigkeit mehr an. Es ist zum Allerweltssound geworden.
Bedauerlich umso mehr, als Pablopolar im Grunde genommen gute Anlagen mitbringen. Es mangelte einzig am Mut, diesen Songs mehr Eigensinn, mehr Charakter, mehr Biss einzuverleiben. Bleibt zu hoffen, dass das Label sein «langfristiges» Versprechen hält. Pablopolar verfügen durchaus über das Potenzial, uns noch viel Freude zu bereiten. (Der Bund)
Erstellt: 03.09.2011, 11:24 Uhr
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